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Wagner, Wahn und Waberlohe

von Ralf-Carl Langhals

Darmstadt, 9. Oktober 2009. Man kann sie ja schreiben, die Sätze vom "begnadeten Erzähler, der seine Erfahrungen aus Bürgerkrieg und Exil mit zahlreichen Motiven aus der Mythologie anreichert und ungebrochen an die poetisch-philosophische Sprengkraft jedes einzelnen Wortes" glaubt. Das geht, da ist mal eine Begrifflichkeit zu einem Text gefunden, die Respekt einflößt und großes, kluges, ernsthaftes Theater vermuten lässt.

Man kann aber auch einfach vom eigenen Sitzplatz im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt jeweils drei Plätze weit in drei Richtungen blicken – und sieht nach 27 Minuten bereits fünf Menschen schlafen. Theaterschlaf soll ja der gesündeste sein. Bei der deutschsprachigen Erstaufführung von Wajdi Mouawads "Wälder" ist er reine Gnade. Man kann den Text lesen, hören und als mythologische Kitschoper bebildert sehen: "Unaufführbar" ist ein großes, aber zutreffendes Wort.

Figurenreichtum und Dekadenzkolorit

Giraffenkinder, Rheintöchter, Holocaust-Opfer, Krebskranke und ein Paläontologe mäandern sich in überbordendem Schwulst und regen Zeitsprüngen durch inzestuöses Ewigkeitsgetue, Wagners Ring und Weltkriege. Gegen den Stammbaum der deutsch-elsäßisch-kanadischen Familie Keller erscheinen Atridensage und Rosenkriege wie ein Abzählreim. Kann man Menschen mit einem genealogischen Betroffenheitswust derart quälen?

Vor Mouawad hat dies in ähnlicher Konsequenz nur einer getan: Siegfried Wagner. An dessen "Banadietrich" oder auch "Wahnopfer" reicht "Wälder" zumindest an Figurenreichtum und Dekadenzkolorit heran. Vielleicht hat Regisseur Axel Richter die sechzehn mehrfach eingesetzten Mimen deshalb auf ein opernhaft-hochdramatisches Wagner-Bühnenbild (Klaus Noack) mit Waberlohe klettern und mit "Rheingold" und "Tristan" beschallen lassen. Wagner liegt natürlich nahe, schließlich geht es nach "Küsten" und "Bränden" mit "Wälder" in allzu großen Schritten auf die "Himmel", also auch hier auf die Tetralogie zu.

Wie sich die Zeit vergeht

An Pathos und Blut-und-Boden-Kolorit fehlt es "Wälder" ebenfalls nicht. Ob das Etikett "poetisch" zutrifft, entscheide jeder selbst: "Du siehst nicht, wie die Zeit vergeht, aber dann vergeht sich die Zeit an dir." – "Du hast mir nicht das Leben geschenkt, sondern den Schmerz vermacht." – "Zu lange hat uns zu viel Schmerz getrennt." – "Mama, dein Körper liegt endlich in der Erde, ich sehe, wie der ganze Horizont sich vor mir aufklart" – derart geschwollene Aphorismen in Verbindung mit aus der Literaturgeschichte zusammengeklaubten Motiven muss man wirklich mögen, um drei Stunden durchzuhalten.

Von der ach so universellen Kraft des diesjährigen Artiste associé des Avignon-Festivals, mit der Mouawad angeblich persönliche Schicksale mit dem Lauf der Historie und den alten Menschheitsmythen verbinde, ist im Text wenig, in Darmstadt nichts zu spüren. Überforderung im Überschwang war hingegen – zumindest den Wachgebliebenen – deutlich sichtbar.

 

Wälder (DSE)
von Wajdi Mouawad
aus dem Frankokanadischen von Uli Menke
Regie: Axel Richter, Bühne/Kostüme: Klaus Noack, Dramaturgie: Christian Mayer.
Mit: Maika Troscheit, Uwe Zerwer, Karin Klein, Hans Matthias Fuchs, Hubert Schlemmer, Sonja Mustoff, Gabriele Drechsel, Christina Kühnreich, Diana Wolf, Istvan Vincze, Tino Lindenberg, Gerd K. Wölfle, Tilman Meyn, Therese Herberstein, Matthias Kleinert, Christina Kühnreich.

www.staatstheater-darmstadt.de

 

 

 

 

Mehr lesen? Wajdi Mouawad war der Artiste associé, also der Kurator der 2009er Ausgabe des Avignon-Festivals, wo am Stück auch die Teile 1-3 seiner Tetralogie Le Sang de Promesses zu sehen waren.

 

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Kritikenrundschau

Antike Tragödien seien gegen Wajdi Mouawads "Wälder" "ein Kindergarten", schreibt ironisch Johannes Breckner im Darmstädter Echo (12.10.). Der Autor dieser aufwändig konstruierten Geschichte scheue "vor keiner Unwahrscheinlichkeit zurück". Regisseur Axel Richter schaffe allerdings "erstaunliche Klarheit auf der Bühne". Ihm gelänge es, einerseits das ernsthafte Anliegen der Familienrecherche nicht zu unterschlagen, "auf der anderen Seite die Konstruktion mit ironischem Witz und bisweilen auch schwarzem Humor auf die Spitze treiben". Langweilig sei dieser Abend jedenfalls nicht, "auch wenn die Unterhaltung häufig aus dem Staunen entsteht darüber, welche aberwitzige Idee dem Autor nun schon wieder gekommen ist". Eine "beachtliche Leistung" der Regie "im Umgang mit einer denkbar schwierigen Spielpartitur, die nicht nur an ihrer Überladenheit leidet, sondern auch an einer ziemlich umständlichen Erzählweise".

Wer ins Theater geht, "um sich herausfordern und überwältigen zu lassen, sich mit den Widerwärtigkeiten menschlicher Existenz auseinanderzusetzen und gar nicht erst versucht, immer alles zu verstehen", sei in dieser Aufführung womöglich richtig, schreibt Shirin Sojitrawalla im Wiesbadener Kurier (12.10.). Sie hät Mouawads Text für ein "wahnwitziges Theaterstück, das nicht weniger wagt, als die Grausamkeit des Daseins auszuloten". 150 Jahre deutsch-französischer Geschichte dienten ihm dabei "als trommelnde Kulisse für eine schonungslos überladene Familiensaga". Herausforderung und Zumutung zugleich sei auch Richters Inszenierung. Den Ausstatter Klaus Noack könne man für seine "trostlose Ruinenlandschaft" auf der Drehbühne "gar nicht genug preisen". Dort sehe die junge Frau Loup "ihre Vorfahren wie Spukgestalten aus dem Reich der Finsternis aufsteigen". Fazit: "Monströse drei Stunden auf der Kippe zwischen Wahn und Wirklichkeit".