Bloß keine Identifikation

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 10. Oktober 2009. "Ja, ich bin hier jetzt auch mal der Arme", beharrt Shlink trotzig, aber wohlüberlegt auf seinem Recht als Besitzloser, auf Mitleid und Unterschlupf im Hause Garga. Eben hat der Holzhändler seinen Betrieb dem Sohn George Gargas überlassen, jetzt sitzt er eingequetscht in einem Wäschekorb im Wohnzimmer und lässt sich vom verwunderten Rest der Familie streicheln.

 

"Ich bin hier jetzt auch mal der Arme" soll wohl heißen: Wenn der Mensch zur Ware gemacht wird, ist er austauschbar. Will er die Entfremdung überwinden, muss er sich selbst verschwenden. Hier und jetzt kämpft das Prekariat. Und Mann gegen Frau. Denn Shlink ist in Claudia Bauers Inszenierung von Brechts Frühwerk "Im Dickicht der Städte" eine Frau. Zumindest wird er von einer gespielt, was die Frage nach einer homoerotischen Beziehung im Stück hinfällig werden lässt.

Eine Rutschpartie

Sophie Basse vollführt hervorragend einen Rollentausch nach dem nächsten. Als gewiefter, Zigarre rauchender Geschäftsmann geht sie auf Angriffsposition, bleibt dabei allerdings noch etwas blass. Mit jeder alten Klamotte, die sie ablegt und jeder neuen, die sie überzieht, füllt sich dann aber ihre Palette parodistischer Charakterstudien.

Möchtegern-Mittelloser, bibliotheksbebrillter Kauz mit fauchender Stimme, verliebte Ringkämpferin ohne sicheren Boden unter den Füßen. Der Schlagabtausch zwischen Shlink und George gerät zur Rutschpartie in Schnapslachen. Und jedes neue Kostüm (Bernd Schneider) eröffnet eine weitere Runde.

Da kann sich George noch so oft die Kleider vom Leib reißen, um sich endlich frei zu schälen. Bei Daniel Breitfelder ist George Garga ein entrückter Idealist mit körperlichem Höchsteinsatz. Den Kampf ficht er eigentlich mit sich selbst aus. "Immer wieder bricht es aus: die Anarchie in der Brust, der Krampf. Der Ekel und die Verzweiflung. Das ist die Kälte, die man in seinem Herzen findet. Man lacht, man verachtet das, aber es sitzt im Lachen selbst, und es nährt die Verachtung", hat Brecht einst über das Gefühlsdickicht in der Großstadt in sein Tagebuch geschrieben. Breitfelder zeigt es. Auch wenn die Inszenierung insgesamt weniger auf psychologische Deutung als vielmehr auf parodistische Momente setzt.

Ins Absurde geneigt

Bauer verzichtet auf aktuelle Anspielungen. Nur im Wohnzimmer der Familie Garga steht mit ungeheurer Anziehungskraft als (Lebens-)Mittelpunkt und Ansprechpartner ein Fernseher auf dem Boden, der später, im Reichtum, durch einen Flachbildschirm ersetzt wird. Das ist ein billiges Prekariats-Klischee, wird von den Schauspielern aber toll ausgespielt. Diese Szenen neigen wie so viele andere an diesem Abend zum Absurden. Und werden Brecht damit nicht ganz gerecht.

Es fehlt am realistischen Boden, dessen sozialkritische Komponente nicht nur durchs Geldscheinwedeln zu gregorianischen Gesängen verankert werden kann. Was die Verfremdungseffekte angeht, bleibt Bauer Brecht jedoch treu. Eine digitale Texttafel zeigt Ort und Zeit an oder lässt sogar komplette Dialoge durchlaufen, während Wurm (Lutz Wessel) wie ein Kirmes-Ansager die Worte im Affentempo unverständlich durchs Mikro nuschelt.

Und nur einer kann gewinnen

Die Schauspieler sprechen die meiste Zeit frontal zum Publikum. Bloß keine Identifikation. Zwischen Scheinwerfern rechts und links am Bühnenrand, dem Holz-Hochsitz mit Blick auf die Skyline(-Bilder) und der Fassade des China-Hotels mit seinen Prostituierten (Bühne: Patricia Talacko) tragen die Schauspieler den Wettkampf in wild verzerrter Lust aus.

Eine sehenswerte erste Inszenierung auf der großen Bühne unter dem neuen Intendanten Christian von Treskow (im Opernhaus, das Schauspielhaus wird zurzeit renoviert). Die übertriebene Darstellung der Figuren erklärt die Vereinzelung des Menschen auf dem Marktplatz des Tauschgeschäfts. Liebe hat da keine Chance. Georges Schwester Marie (Anne-Catherine Studer erst als naives Mädchen, dann als immer noch naives Luder) ist die einzige wirklich empfindsame Person. Auch sie wird gebrochen. Shlinks und Georges vermeintliche Liebesgeschichte endet beim russischen Roulette, bei dem nur einer überleben kann.

Ja, wer ist hier eigentlich der Arme?

 

 

 

Im Dickicht der Städte
von Bertolt Brecht
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Patricia Talacko, Kostüme: Bernd Schneider, Musik: Smoking Joe.
Mit: Sophie Basse, Daniel Breitfelder, Andreas Ramstein, An Kuohn, Anne-Catherine Studer, Juliane Pempelfort, Thomas Braus, Lutz Wessel, Holger Kraft.

www.wuppertaler-buehnen.de

 


Mehr von Claudia Bauer? Im Juni 2009 inszenierte sie Virgin Queen am Prater der Berliner Volksbühne, mit Sandra Hüller, und im März 2009 Kabale und Liebe in Stuttgart.

Kritikenrundschau

Regisseurin Claudia Bauer hat in ihrer Wuppertaler Inszenierung von Brechts "Im Dickicht der Städte" den Holzhändler Shlink mit einer Frau besetzt und ändere dadurch die Grundkonstellation, schreibt Tanja Heil in der Westdeutschen Zeitung (12.10.). Vor allem schaffe es Sophie Basse nicht, "die Gefühlskälte des Holzhändlers auszustrahlen. Der Wunsch Shlinks, einmal menschlich zu fühlen, ist jedoch der Auslöser für den Rollentausch." Den Gegenspieler Garga spiele Daniel Breitfelder "wunderbar körperlich (...), voller Kampfesgeist und Idealismus". Amüsant sei diese Inszenierung, "mit kleinen Tänzchen, bunten Kostümen, guter Lichtregie und hervorragenden Schauspielern. Nur der Showdown zwischen Shlink und Garga funkioniert mit Frau und Mann nicht."

Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.10.) findet, dass Claudia Bauer gut damit fahre, nicht zu tief zu "gründeln": "Spielen, nicht Deuten, Einsatz, nicht Ehrfurcht lautet die Devise", und daraus resultiere ein "furioses Körperspiel". Durch die Besetzung des Shlink mit Sophie Basse, werde die "homoerotische Dimension dieser Inversion einer Liebesgeschichte" zwar "gekappt", doch jede Verwandlung habe auch "etwas von einem Befreiungsversuch". In diesem Fall stärke es das Moment des Spielerischen, des Als-Ob. "Was Brecht generalkritisch für zwischenmenschliche und soziale Bindungen behauptet, wird, in Spielvorgänge übersetzt, zum Thema des Theaters selbst." – "Mit Verve, Fabulierlust und Vitalität führt die Inszenierung vor, dass man Brecht spielen kann, indem man mit ihm spielt."

 
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