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Der Bronchialneurotiker

von Tomo Mirko Pavlovic

26. Juli 2007. Es gibt Dinge im Leben, die existieren und niemand weiß, warum. Schnaken. Das Fernsehen. Durchschnittlich sechs Kassen im Supermarkt, von denen höchstens zwei besetzt sind. Oder der Call-Shop nebenan, wo kein Mensch jemals telefoniert, nicht einmal der Besitzer selbst, ein mürrischer Äthiopier, der nie zurückgrüßt und trotzdem einen Mercedes fährt. All das gibt es und man sollte niemals nach ihrem Sinn fragen.

Es gibt aber Typen, die wollen für alles irgendeine Erklärung haben. Die in einer  atmosphärisch dichten Theaterminute unvermutet einen Hals an sich bemerken, von dem sie nun glauben, dass der viel mehr sein muss als bloß ein  Verbindungsschlauch zwischen Kopf und Rumpf, ja dann beginnen sie sich verdutzt zu fragen: Wozu hab ich einen Hals? Etwa nur zum Schlucken? Als Stütze für den luftigleichten Kopf? Zum Eincremen?

Also, mein Hals, sagt sich dieser eingebildete Kranke, ist eine Trompete. Genauer: eine Trompete, die in den Suppentopf gefallen ist und auf der Stelle freigeblasen werden muss. Dann geht es los. Erst zaghaft. Das Hüsteln. Das Räuspern. Das Pressen. Das Keuchen. Das Schnurzeln. Das Knarzen. Schließlich, ganz ohne Hemmung: Das rachitische Gebrüll. Und  auf dem Hinterhaupt des Vordermanns glänzen  schon die Tropfen wie nach einem warmen Sommerregen.

Plötzlich entdeckt unser Bronchialneurotiker auch noch Finger an seiner Hand, die, aufgeschreckt von dem Lärm und eifersüchtig auf die  Suppentopftrompete, nach Beschäftigung buhlen und nach einem Bonbon in einer überhitzten Gesäßtasche nesteln, so dass der ganze hustende Feuchtkörper zu pendeln und zu knirschen beginnt und die echten Mimen allmählich Mühe haben, gegen diese Hauptrolle im Parkett anzuspielen. Und weil das Zuckerl so warm ist, klebt es an der Folie und die eifrigen Finger ziehen dennoch an den Zipfeln und sie zupfeln und sie rupfen und sie reiben und sie knibbeln und es knistert und es raschelt und oben brüllt es wie in einer Tuberkulosestation aus dem 19. Jahrhundert und alles, wirklich alles ist hoffnungslos.

Nach der Vorstellung begegnet man dem Bronchialneurotiker noch einmal in der Toilette, wo er neben einem in den Spiegel blickt und die Krawatte unter der fröhlich hüpfenden Gurgel zurechtrückt. "Schlechte Akustik, nicht wahr?", sagt er mit Menthol geschwängertem Atem, räuspert sich und geht.

Hier lesen Sie Teil I , Teil II und Teil IV der Serie "Das Parkett ist ihre Bühne".