Das Fleisch der Armen

von Caren Pfeil

Dresden, 17. Oktober 2009. Da versucht ein junger Mann mit großem Ernst und kräftigen Bildern, den Kapitalismus zu erklären. Zur Verfügung hat er ein engagiert zupackendes Ensemble und einen Text, der in den fast 80 Jahren seiner Existenz nichts an Brisanz eingebüßt hat. Und trotzdem gelingt kein wirklich großer Wurf, sondern bleibt der Eindruck eines sich eher ungenau formulierenden Kraftakts, in dem das Denken mehr zugedröhnt wird, als dass einem mit Hilfe der analytischen Schärfe dieses Textes noch ein Licht aufginge.

Der junge Mann heißt Tilmann Köhler, Jahrgang 1979, und ist seit dieser Spielzeit Hausregisseur am Staatsschauspiel Dresden. Brecht war kaum älter, als er das Stück 1930 schrieb, uraufgeführt wurde es allerdings erst nach seinem Tod. So richtig wollte man damals offenbar nicht wissen, was den Kapitalismus im Innersten zusammenhält, bzw. wollte keinen Zweifel daran zulassen.

Krachendes Baukasten-System

Köhler wiederum will das offenbar ganz unbedingt und lässt fast den ganzen Text sprechen, allerdings ohne ihm tatsächlich zu vertrauen. Karoly Risz überlässt ihm dafür eine fast leere Bühne, die er lediglich mit genormten Aluminiumkisten ausstattet, die, auch zum Transport von Fleisch geeignet, vor allem zum symbolträchtigen Mitspieler werden. Mal werden sie von den Spielern in hitziger Konkurrenz aufeinander gestapelt, mal wird der Boden, der ebenfalls ganz aus Kisten besteht, aufgerissen. Letztlich aber kommt jede Kiste wieder an ihren Platz, wird das System wieder geschlossen.

Auch die riesige Rückwand aus glitzernden Aluminiumsegmenten, die wie einer der New Yorker Twin Towers aussieht, folgerichtig irgendwann auch einstürzt, um noch mächtiger als vorher wieder aufgebaut zu werden. Überhaupt wird mittels des sich auch akustisch penetrant vordrängelnden Blechs viel Gewaltpotential freigesetzt. Oft kämpft die Sprache dabei einen aussichtslosen Kampf gegen das Blechgetöse, wenn auch das Bemühen der Schauspieler, Bewegung und Sprache zugunsten der Verständlichkeit zu koordinieren, nicht zu übersehen ist.

Performance mit Körpern und Kisten

Nach der Pause dann, als sich 50 000 Arbeitslose auf den Schlachthöfen endlich organisiert haben und der Generalstreik bevorsteht, steht keine Kiste mehr auf der anderen. Die Bühne sieht wie ein Schrottplatz aus, in den Kisten hausen die Armen, als wären sie selbst das Fleisch in den Büchsen, von dem der Fleischkönig Mauler reich geworden ist. Das ganze System ist aus den Fugen. Doch dann ist es gerade Johanna, der es vorher gelungen war, Mauler zu bereden, mittels seines Einflusses zu helfen und für Arbeit zu sorgen, diese Johanna also, die die Botschaft zum Generalstreik am Ende nicht überbringt, weil sie die Eskalation von Gewalt fürchtet.

Schließlich wird der Streik abgewiegelt, die Arbeiterschaft zu noch schlechteren Bedingungen als vorher wieder ins Boot geholt, das System stabilisiert, und Johanna zum Denkmal stilisiert und also stumm gemacht. Das Problem der einerseits kraftvollen und doch seltsam unausgegorenen Inszenierung ist, dass sie weniger auf Spielsituationen als auf Bilder baut, die den Text jedoch zukleistern statt ihn gestisch aufzuschließen. Ganz abgesehen davon, dass einige kräftige Striche sicher nützlich gewesen wären.

Immer wieder werden zum Beispiel Tableaus aus sich windenden Körpern gebaut, aus denen die Schauspieler mehr tönen als sprechen. Die Unentschiedenheit zwischen einer Performance mit Körpern und Kisten und epischem Theater, das Denkprozesse vorführt, hat stellenweise eine Beliebigkeit zur Folge, die auch mit dem im Fernsehshowformat aufgezogenen Schlusschor nicht aufgefangen werden kann. Zu diesem Zeitpunkt ist ohnehin schon klar, dass es mit der Volksverdummung wieder einmal geklappt hat.

Restauration des Systems

Doch die Inszenierung blüht auf, wenn sie sich Zeit lässt, eine gefundene äußere Form zur Spielsituation werden zu lassen, ohne sie mit angestrengten Bildmetaphern aufzuladen. Etwa wenn Mauler, gedrängt von den Fleischfabrikanten, nach seinem "Ausstieg" als ungekrönter Bettlerkönig wieder "einsteigt" und den Plan zur Restauration des Systems entwirft. Da gelingt es Matthias Reichwald sehr überzeugend, die Idee vom Wiedereinsetzen der Marktmechanismen auf Kosten fast aller und zum Nutzen einiger weniger so aberwitzig zu verkaufen, dass selbst hartgesottene Systemkritiker ins Grübeln kommen müssen.

Auch Antje Trautmann als Johanna ist, wenn sie konkret spielen kann, eine wache, intelligente und leidenschaftliche junge Frau, der man zutraut, mit ihrer Idee vom guten Menschen wenigstens zu irritieren. Wilfried Schulz hat in seinem Dresdner Neuanfang bisher fast ausschließlich auf junge Regisseure gesetzt, und sein Mut zum Risiko, dabei auch Unfertiges zu veröffentlichen, ist zu honorieren. Auch diesmal blieb das Publikum bis zum Schluss gespannt und aufgeschlossen, der Applaus war am Ende enthusiastisch.

 

Die heilige Johanna der Schlachthöfe
von Bertolt Brecht
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Jörg-Martin Wagner. Mit: Antje Trautmann, Matthias Reichwald, Benjamin Pauquet, Fabian Gerhardt, Philipp Lux, Holger Hübner, Christine Hoppe, Christian Clauß, Marc Ben Puch, Annett Krause, Benedikt Kauff, Moritz Löwe, Sarah Bonitz, Simon Slowik, Krishan Zeigner.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr über den Neustart unter Wilfried Schulz in Dresden? Im September kam Julia Hölschers Uraufführung von Ingo Schulzes Adam und Evelyn heraus, Simon Solberg inszenierte Shakespeares Romeo und Julia und Friederike Heller adaptierte Goethes Roman Wilhelm Meister.

 

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Kritikenrundschau

Es seien vor allem starke Bilder, von denen die "Johanna der Schlachthöfe"-Inszenierung des jungen neuen Dresdner Hausregisseurs Tilmann Köhler und seines Bühnenbildners Karoly Risz lebe, meint Michael Bartsch in den Dresdner Neuesten Nachrichten (19.10.). "Ebenso eindringlich wirken die lebenden Bilder der choreographierten Chorteile, wenn sowohl die Unternehmer der Fleischbranche Chikagos als auch die Arbeiter zur entindividualisierten Masse, ja Klasse verschmelzen." Weil hier "das scheinbar Vertraute unseres Wirtschaftssystems von seinen Wurzeln her neu erzählt" werde, zwinge es "den Zuschauer zur Positionierung, zu Betroffenheit oder Distanz." Doch "trotz des erkennbaren Bemühens" fehle der Inszenierung "etwas von jener Klarheit und Schärfe, die man bei Brecht erwartet und die das Vergnügen des Denkens befördert. Opulenz regiert stattdessen, Aktion und Aufwand. Es mag auch daran liegen, dass die meisten Akteure letztlich existenzielles Spiel vermissen lassen."

Ein "kleines Wunder" hat dagegen Valeria Heintges von der Sächsischen Zeitung (19.10.) gesehen: "Bertolt Brechts 'Die heilige Johanna der Schlachthöfe' verlor all seine dogmatische Besserwisserei, seine holzschnittartige Lehrerattitüde und wurde zu einem hochmodernen Stück zur aktuellen Finanzkrise." Im "simplen, aber genialen" Bühnenbild von Karoly Risz gelängen Köhler "Bilder von archaischer Wucht". Köhler nehme sich und gebe seinen Akteuren "Zeit, die Szenen langsam, aber gewaltig aufzubauen", er baue "ganz auf die Kraft ihrer Darstellung". Und weil "auf überflüssigen technischen Firlefanz verzichtet" werde, zeige sich "die Stärke des Theaters in ihrer ganzen Wucht." Beeindruckend sei zudem das "hoch motivierte, genaue Spiel des gesamten Ensembles."

In der Neuen Zürcher Zeitung (20.10.) schreibt Dirk Pilz: Die "Heilige Johanna" sei die "dringlichste, dichteste Arbeit" unter den Inszenierungen, mit denen Wilfried Schulz seine Dresdner Intendanz begonnen habe. Tilmann Köhler nehme das Stück nicht als "Folie für billige Kapitalismus-Schelte". Vielmehr bleibe er "Brechts Haltung" treu und tue nicht so, als habe er "das System, den Kapitalismus, die Logik der Märkte durchschaut, auch er ist mit der schlechten Welt und seiner Sicht darauf noch lange nicht fertig". Kurz, es handle sich bei dieser Inszenierung um "ein einziges grosses Fragezeichen an unsere Welt". Köhlers "wortfixiertes und körperbetontes Theater" sei immer auch "verbissene Suchbewegung nach der richtigen, angemessenen Bühnenreaktion auf jene Welt, von der er spielen lässt". Er hänge sein Theater "nicht lässig an … allseits goutierten Ästhetik-Leinen auf". Das "gesamte, enorm präsente Ensemble" wirke wie ein "überbordendes Energiebündel". Sie "vereinen sich zum Chor, rennen…, schnaufen und schreien viel. Hier wird Theater geschwitzt." Untypisch für Köhler kippe der Abend bisweilen "in grobe Überdeutlichkeit, manchmal in pure Betriebsamkeit". Doch das "Wüten und energische Rampenabschreiten" wirke immer, als solle damit "die Welt am Kragen gepackt und geschüttelt werden".

Die heilige Johanna der Schlachthöfe, schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (21.10.), habe derzeit an deutschen Theatern Hochkonjunktur. Was nicht wundernehme, seien die "Parallelen zwischen dem Geschehen an der Fleischbörse von 1929 und den Bank- und Konzerngeschäften von heute" doch "verblüffend". Tilmann Köhler gehe den Stoff "mit einer solchen Wucht, Wut ·und Ernsthaftigkeit an", als wolle er nicht bloß "unsere Gegenwart knallhart" darin spiegeln, sondern auch Brecht "rehabilitieren, der neben einer gewaltigen Sprachkraft einfach auch recht hat". Dabei vermeide Köhler jegliche Belehrung, inszeniere "nah am Wort und ohne … aktualisierende Eingriffe" in fast ungekürzter Länge. Trotz einiger Schwächen handele es sich um eine "tolle Inszenierung" mit "starken, bezwingenden, heftig an die Rampe drängenden Bildern" und einem "fulminanten Chor- und Körpereinsatz" des "hochenergetischen Ensembles". Antje Trautmann überzeuge in der Rolle der Johanna als "leuchtend natürliches Mädchen" mit einer "schönen Charakterfestigkeit". Derweil Matthias Reichwald als Mauler dem "Strippenzieher" ganz "großartig beide Facetten" erspiele: "die charismatische Coolness des abgeklärten, beinharten Geschäftsmanns, wie die Zermürbtheit eines Menschen, der sich nach Erlösung sehnt".

 

 
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