Fast ein Untergang Amerikas

von Charles Linsmayer

Basel, 1. November 2009. Es gehöre zu den wenigen neuen Stücken, in die er sich verliebt habe, sagt Basels Schauspielchef Elias Perrig von "August: Osage Country", dem Pulitzer-Preis-gekrönten Stück des Amerikaners Tracy Letts, das er unter dem Titel "Eine Familie" gleichzeitig mit Wien und Bochum auf die Bühne des Basler Schauspielhauses bringt. Und man spürt diese Sympathie zum Stück und zu seinen Figuren durchaus aus der Inszenierung heraus, die nach fast vier Stunden Dauer den verdienten begeisterten Applaus des Premierenpublikums bekam.

"Ich will nur sagen, die Dinge liegen nicht ganz so klar, sie sind nicht entweder schwarz oder weiß, gut oder schlecht. Die Wahrheit liegt, wie immer, irgendwo dazwischen", sagt Karen gegen Ende des Abends, als ihr Verlobter in einer verfänglichen Situation mit ihrer 14-jährigen Nichte überrascht worden ist, zu ihrer Schwester Barbara. Und es scheint, als habe Perrig für seine Personenführung genau dies zum Prinzip genommen, ist doch sämtlichen Figuren soviel Ambivalenz und Menschlichkeit gelassen, dass wir von einer Schwarz-Weiß-Zeichnung weit entfernt sind und eine jede für sich etwas Anrührendes, Bewegendes oder doch wenigstens Mitleidheischendes besitzt.

Symbolismus versus Hyperrealismus

Die von Wolf Gutjahr gestaltete Bühne weicht für einmal nicht in die Doppelstöckigkeit aus, sondern lässt die Räume des Weston'schen Hauses auf einer Drehbühne vor dem Publikum auffahren. Was der Inszenierung gleichzeitig einen lebendigen Rhythmus vermittelt und sie ganz selbstverständlich in die Fortsetzungen einer TV-Soap einteilt. Obwohl die Wohnungseinrichtung ganz realistisch ist, bekommt die Sache so doch einen gewissen surrealen Touch, und nach der Pause macht die Bühneneinrichtung den fortschreitenden Zerfall der Familie symbolisch sichtbar, indem von den Wänden nur die stählernen Skelette übrig bleiben.

Wichtig – und durchaus von symbolischer Kraft – ist in Perrigs Inszenierung die von Inga Eickemeier auf geheimnisvoll-diskrete, manchmal fast liturgisch-rituell gespielte Rolle der Cheyenne-Indianerin Johnna, die eingreift, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, und die am Ende, anders als von Letts vorgesehen, nicht Violets Kopf in ihren Schoß nimmt, sondern mit ihrem "Auf diese Art geht die Welt zu Grunde" stumm daneben kniet, wenn Violet sich endgültig ihrer Verzweiflung überlässt. Als "Wiederinbesitznahme Amerikas durch die Ureinwohner" will Perrig das Stück verstehen, und die Schlussszene läuft durchaus auf eine solche Deutung hinaus.

Insgesamt aber stellt die Basler Inszenierung durchaus eine realistische, manchmal fast hyperrealistische Umsetzung des Stücks dar: gerade auch die durch die Drehbühne ermöglichte Unterteilung in viele kleine Sequenzen erlaubt sie den Protagonisten, sich in einer Reihe von Paradeszenen voll und ganz einzubringen. Und wie jedes Mal steht und fällt das Ganze auch hier mit der Besetzung der Rolle der Violet Weston, die nach dem Selbstmord ihres Mannes Beverly ihre Familie um sich versammelt, alte Rechnungen begleicht und mit zynischer Freude zusieht, wie allerlei verstörende und zerstörerische Wahrheiten an den Tag kommen.

"Keiner ist stärker als ich, verdammt noch mal!"

Nikola Weisse füllt diese Rolle ebenso sprachmächtig wie körpersprachlich imposant aus, und man nimmt es ihr ohne weiteres ab, dass sie mal verzweifelt hilflos, dann wieder total hysterisch, mal heimtückisch-boshaft und dann wieder rührend gefühlvoll daherkommt und noch kurz, bevor sie in ihrer Einsamkeit endgültig zusammenbricht, triumphierend ausruft: "Keiner ist stärker als ich, verdammt noch mal!" Da ist sie gerade daran, mit ihrer ältesten Tochter Barbara endgültig fertig zu werden, als welche die hinreißende Chantal Le Moign einen langen Weg von der besorgt um die Mutter bekümmerten Helferin über die arrogant auftrumpfende Rivalin und Clan-Chefin bis zur total depressiven, auch über das Zerbrechen der eigenen Ehe verzweifelten Mittvierzigerin zurückgelegt hat.

Zu diesem Zeitpunkt haben ihre beiden jüngeren Schwestern, die von Carina Braunschmidt gespielte, melancholisch-sehnsüchtige Ivy und die von Isabelle Menke verkörperte temperamentvoll-überdrehte Karen, längst das Weite gesucht und ist auch Violets eigene Schwester Mattie Fae, gemimt von der quirlig temperamentvollen, das Rechthaberische und Pompöse der Figur wunderbar herausstellenden Barbara Lotzmann, nach einer harschen Auseinandersetzung mit ihrem Mann konsterniert von dannen gegangen.

Ohne Chance: die Männer

Bei soviel starken Frauen haben die Männer wenig auszurichten, und weder Jörg Schröder in der Rolle von Mattie Faes Ehemann Charles, noch Peter Schröder als Gemahl von Barbara, noch Andrea Bettini als Karens Verlobter haben mit ihren Beschwichtigungsübungen Erfolg – ja, sie heizen, was die beiden letzteren betrifft, die explosive Stimmung mit ihrer fern vom Schauplatz bzw. mitten im Kampfgebiet ausgelebten Vorliebe für junge bis minderjährige Frauen noch weiter an. Karens Verlobter jedenfalls gibt der Dramatik mit seiner Drogen- und Fast-Liebesszene mit der 14jährigen Jean (frisch und trendy: Carolin Schär) noch einen letzten Kick.

Auch nach dem Leichenmahl, das die Konflikte und Spannungen bis zum Handgemenge steigert, nehmen die Turbulenzen von Szene zu Szene weiter zu, und wenn Violet sich am Ende verzweifelt am Boden wälzt und die Indianerin ihr mysteriöses Verdikt spricht, wird einem auf einmal bewusst, wie zentral und symptomatisch die allererste Szene gewesen ist, als Urs Bihler in der Rolle des Beverly Weston die junge Cheyenne als Hausmädchen für die Zeit nach seinem Tod anstellt und dabei trotz Whisky-Benebelung mit absoluter Klarheit und Nüchternheit von einer Situation spricht, der er sich nicht mehr länger aussetzen will und zu der er einen Satz des Pulitzer-Preisträgers von 1964, John Berryman, zitiert: "Allmählich wird die Welt zu einem Ort, an dem mich nichts mehr hält."

 

Eine Familie
von Tracy Letts
Deutsch von Anna Opel
Regie: Elias Perrig, Bühne: Wolf Gutjahr, Kostüme: Charlotte Sonja Willi, Musik Biber Gullatz.
Mit: Nikola Weisse, Urs Bihler, Chantal Le Moign, Peter Schröder, Carolin Schär, Pascal Lalo, Carina Braunschmidt, Isabelle Menke, Andrea Bettini, Barbara Lotzmann, Jörg Schröder, Inga Eickemeier, Florina Müller-Morungen.

www.theater-basel.ch

 

Andere Inszenierungen von Tracy Letts' Eine Familie laufen derzeit in Mannheim (Regie: Burkhard C. Kosminiski), in Wien (Regie: Alvis Hermanis) und in Bochum (Regie: Markus Dietz).
Elias Perrig inszenierte in Basel u.a. die Revue Wer hat's erfunden und die deutschsprachige Erstaufführung von Dennis Kellys Liebe und Geld.

 

Kritikenrundschau

In der Sendung Kultur heute des Deutschlandfunks (2.11.) stellt Christian Gampert eine Gretchenfrage: Warum mischt "ein kreuzbiederes Familientableau aus dem amerikanischen Mittelwesten" das deutschsprachige Theater auf und wie kommt es, dass "alle, die sonst gar nicht genug bekommen können von Videoscreens und Textflächengelaber, nun wieder richtige Geschichten erzählen wollen und Sehnsucht haben nach sogenannten prallen Charakteren"? Er versucht folgende Antworten:
Erstens bestehe "eine gewisse Übersättigung an Schnipseldramaturgien, lauwarmen Rimini-Doku-Protokollen und sich selbst überholenden Pollesch-Pamphleten". Zweitens: Tracy Letts biete "das perfekte Remake von Edward Albee und Tennessee Williams plus ein bisschen Fernsehsoap und Kurzdialog". Und in der "Familienhölle, da sind wir daheim". Drittens: Das Stück, holt uns da ab, "wo wir schon mal waren und immer noch sind, im Family Life", in der "überlasteten Kleinfamilie, wo wir uns die Klinke in die Hand und die Kinder auf den Arm geben und jeder für sich einem Berufsleben nachgeht, das es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt". Das Stück sei also "einerseits genial, andererseits von kaum überbietbarer Impertinenz." Es gebe dem Schauspieler so viel Zucker, "dass er daran eigentlich ersticken müsste – und der Zuschauer mit ihm".
Nikola Weisse, ein "souveränes, ungeheuer bühnenpräsentes altes Theaterschlachtschiff", koste in Basel die Rolle der bösartigen Big Mama "so ostentativ aus, als sei sie auf einer Solo-Performance". Das Stück sei "dehnbar bis zum Anschlag; man kann es als tiefschwarze Tragödie machen, man kann aber auch ständig mit der Komikpatsche draufhauen". Elias Perrig erzähle "psychologisch genau im Cinemascopeformat" und schneide "dann Slapsticks dagegen". Ein "Well-Made-Play, aber auch, ach Gott, wie hausbacken und konventionell!" Jon Fosse mache sowas "mit drei Strichen". Die Inszenierung sei "meisterlich, das Stück eher altmeisterlich".

Auf dem Onlineportal der Basler Zeitung schreiben amu/sda (2.11.): Das Stück, das auch ohne "nationale Betroffenheit" funktioniere, sei in Basel "unerhört tiefgründig und feinnervig umgesetzt" worden. Es bediene neben "klassischen Theater- auch TV-Sehgewohnheiten, beispielsweise mit witzigen Onelinern". Die Schauspielerleistungen seien "durchwegs beeindruckend". Dass Nicola Weisse als Violet und Chantal Le Moign als Barbara "herausragen", liege daran, dass sie die "Saftwurzel-Parts" haben.

Martin Halter schreibt in der Badischen Zeitung aus Freiburg (2.11.): "Eine Familie" sei ein "souverän gebautes Stück, Schauspielerfutter vom Feinsten, ein Monsterdrama mit allem, was dazugehört: Komik und Tragik, Tränen, Ohrfeigen und Schreikrämpfe, aber auch leise, herzzerreißende Momente und metaphysische Besinnung". Man könne bei diesem "Saft- und Kraftstück kaum etwas falsch machen", weshalb Elias Perrig für seine Inszenierung "Applaus wie lange nicht mehr bekommen" habe. Das einzige, was man Perrigs Inszenierung vorwerfen könne, sei, "dass er selbst die stilleren Momente mit lauten Effekten und routinierter Daily-Soap-Dramaturgie überkleistert".


 

 
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