Warten auf Schulze oder Das Lied vom Ende

von Esther Boldt

Darmstadt, 7. November 2009. Wladimir und Estragon heißen jetzt Harry und Pit. Der eine lauscht gern John Cages "4'33", der andere hat beim Hörsaalputzen heimlich Philosophie gastgehört. Dem einen ist das unterversicherte Haus abgebrannt, der andere übt seit Jahren Besitzverzicht zum Freiheitsgewinn. Aber sie finden: Seit sie nichts mehr zu verlieren haben, stehen sie auf der Sonnenseite des Lebens. Sie sitzen im Park und behüten ihre Bank, denn die Bänke verschwinden. Für den Erhalt ihrer Bank sammeln sie Geld, "Rettet die Banken!" steht auf dem Schild neben der Sammelbüchse. Dass sie den Plural verwechselt haben, fällt ihnen erst später auf.

Weil man an diesem Wochenende an keiner Straßenecke dem Mauerfalljubiläum entgeht, spielt auch das Staatstheater Darmstadt ein Stück zum Jahrestag: "Das Gegenteil von gar nichts". Kurt Drawert hat es geschrieben, und auf dem Terrain ist er Experte, veröffentlichte er doch unter anderem den vielgelobten Roman "Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte". Bei seinem neuen Stück verquickt er gekonnt Mauerfall, Finanzkrise und Kunstgeschichte, indem er in allem Absenzen aufspürt, also etwas, das nicht da ist und das trotzdem eine Spur hinterlässt.

Edelpenner in Bewegung
Harry und Pit sind zwei alte Männer, die nichts mehr haben. Ihre Parkbank ist ihnen die Welt. Dort warten sie auf einen Fernsehtypen, Meise, Meier, Schulze oder ähnlich, der sie als Zeitzeugen zum Leben in der DDR befragen will. Beim Warten räsonieren sie über das Sein und das Nichts, Harry hört Cages komponierte Stille, Pit philosophiert sich in eine Geschichte ohne Geschichte hinein und füllt die Sinnlosigkeit der Existenz wortreich auf. Nicht zuletzt in Anspielung auf Becketts "Warten auf Godot" kippt die Szenerie ständig ins Absurde – erst recht, als zwei Brüder namens Lehmann auftauchen. Sie waren mal Kapitalmarktpfleger, heute leitet Lehmann I das Amt für Arbeitsbeschaffungskriminalität.

In der Uraufführungs-Inszenierung von Hermann Schein sind die beiden Gesellschaftsrandständigen Harry und Pit Edelpenner. Gepflegte Herren in schwarzen Mänteln, die nicht um eine Parkbank, sondern um ein extrabreites, lederbezogenes Sofa herumtänzeln. Wie so viele gegenwärtige Bühnen ist auch diese weitgehend leer. Ein rot leuchtender Ring grenzt ein Spielrund ab, gelbe und rote Lichterketten blinken im Dunkel der Black Box. Das deutsch-deutsche Spiel wird in eine schwarz-rot-goldene Arena versetzt. Und wie so häufig führt die Unbehaustheit der Bühne dazu, dass die Schauspieler ständig in Bewegung sind.

Es knallt die Kapitalistenpeitsche
Aart Veders Pit ist höchst agil, er tänzelt und macht gelegentlich Luftsprünge. Harry, gespielt von Heinz Kloss, schreitet gern im Halbkreis. Regisseur Schein fügt dem noch einige Lieder und Choreografien hinzu, vom Gewicht des Wartens bleibt wenig übrig. Vielmehr ist "Das Gegenteil von gar nichts" eine kurzweilige Inszenierung, musikalisch angelegt und flott durchgezogen. Der Text wurde stark gerafft, was bisweilen hart an die Grenze der Verständlichkeit geht – erst recht, da die Darmstädter Schauspieler gern nuscheln. Die Selbstreferenzen haben Schein offensichtlich nicht so interessiert, viele Beckett-Anspielungen und Theaterverweise sind gestrichen, die existentialistisch geprägte Idee des Doppelselbstmords und viele andere Schrulligkeiten unter den Tisch gefallen.

Als Lehmann I lässt Sonja Musthoff im schwarzen Zirkusdirektoren-Frack die Kapitalistenpeitsche knallen. Sie hat ihren Bruder fest im Griff, auch wenn sie sonst reichlich nervös ist, steppt und stottert. Wenn die beiden Edelpenner den Niedergang des Realsozialismus verkörpern, dann verkörpert Lehmann I das Lied vom Ende des Kapitalismus.

Nostalgisch, zynisch, doppelbödig
Der Kapitalismus basiert auf der Existenz einer Klasse, referiert Lehmann II (Klaus Ziemann), die nichts besitzt als ihre Arbeitskraft. Wenn Arbeitnehmer eine aussterbende Spezies sind, was wird dann aus dem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem? Sozialistische Utopie und kapitalistische Träume sind am Ende. Mit schwarzbemäntelten Herren, einer peitschenschwingenden Frau und Honecker-O-Tönen vom Band wird die Welt, wie wir sie kennen, zu Grabe getragen.

Ein ironischer, witziger, doppelbödiger Grenzgang. Bei Drawert kippt er gelegentlich ins Zynische, bei Schein in Nostalgie. Denn der Regisseur pappt die Absenzen mit alten Liedern zu, von "Ein kleiner Matrose" bis "Jetzt fahr'n wir übern See". Das hat Rhythmus, ist durchaus heiter und bizarr. Heraus kommt eine etwas weichgespülte, doch unterhaltsame und charmante Inszenierung.

 

Das Gegenteil von gar nichts (UA)
von Kurt Drawert
Regie, Bühne und Kostüme: Hermann Schein.
Mit: Heinz Kloss, Aart Veder, Sonja Mustoff, Klaus Ziemann, Stefan Schuster, Matthias Kleinert.

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Hermann Schein brachte am Staatstheater Darmstadt bereits Robert Menasses Faustspiel Doktor Hoechst zur Uraufführung, inszenierte hier aber auch Heinrich von Kleists Der zerbrochne Krug.

 

Kritikenrundschau

Angesichts des neuen Stücks von Kurt Drawert, "Das Gegenteil von gar nichts", dessen Protagonisten in der Darmstädter Uraufführung von Hermann Schein "schon rein äußerlich eine starke Ähnlichkeit mit Wladimir und Estragon" hätten, stellt sich für Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (9.11.) die Frage, "warum man dann nicht einfach gleich Beckett spielt. Drawert und das Staatstheater aber haben sich sozusagen gegen die Ewigkeit und für das politische Kabarett entschieden. Denn was sich hier entwickelt, ist eigentlich kein Theaterstück, sondern eine 'Scheibenwischer'-Folge." Das Beste darin seien noch "die Honecker- und Schabowski-Einlagen von Stefan Schuster und Matthias Kleinert. Honecker klingt im westdeutschen Ohr zuerst wie Kohl. Wie lang das alles her ist."

 

 
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