Talentgetümmel am Meeresgrund des Obskuren

von Andreas Klaeui

Zürich, 7. November 2009. Es muss schon so sein, wie Clemens Sienknecht vermutet: dass sich heute niemand mehr an Werner Schlaffhorst erinnert, kann nur daran liegen, dass er sich so sehr im Getümmel seiner Talente verzettelte. "Von denen nicht wenige schon aufgrund ihrer Seltenheit eine Rarität waren", wie der Gedenkveranstalter präzisiert.

Doch wird sich dies nun ändern. War Schlaffhorst vorgestern noch bis zur Inexistenz verkannt, wird er fortan dank Clemens Sienknecht und seinen Freunden Jan Bluthardt, Klaus Brömmelmeier, Siggi Schwientek, Friederike Wagner endlich den Ruhm erfahren dürfen, der dem – es ist nicht zuviel gesagt: genialischen! – Erfinder des Schlaffophons, des Schlaffomaten, des Schlaffochords und last, but not least des Schlaffolapps zusteht.

Klang einer homerischen Sirene
Ein wahres Getümmel der Talente, in der Tat. Ist der Schlaffolapp doch ein Automat zur Wiederbelebung altersmüder Küchentücher, während es sich bei den anderen drei Innovationen um Musikinstrumente handelt. Schlaffhorsts Multitalent ist nur in Vergleichen annähernd zu fassen, wahlweise mit "Kostbarkeiten am Meeresgrund des Obskuren", dem "Klang einer homerischen Sirene" oder der "Erbse in der Matratzengruft" der Condition humaine. Talentgetümmel führte ihn von Bolzenberg über Iserlohn an den Amazonas und rund um den Globus, woher er etwa das Rezept für gefülltes Kamel nach Hause brachte ("für ca. 400 Personen").

Aber zum Beispiel auch nach Bern, wo er sich als Fußball-Wunder hervortat. Denn "wunderbare Geschichten passieren nur Leuten, die einen schwierig auszusprechenden Namen haben" (was wiederum als Hypothese vom Verfasser dieser Zeilen nur unterstützt werden kann). Am Ende, und das ist vielleicht das Allerwunderbarste, sitzt Werner Schlaffhorst zu Strauß' Verklärungsmusik leibhaftig auf der Bühne, evoziert anhand seiner Objekte, und gewinnt für einen kostbaren Theatermoment so etwas wie wirkliches Leben.

Echthaar-Toupets und Trevira-Schlipse
"Verschlungen und voller Geheimnisse" war Werner Schlaffhorsts Weg: "aber nicht weit". Und die Botschaft davon? "Wer ihn sah", beteuert einer der Hinterbliebenen, "wusste, dass er jemandem gegenüberstand, der eine Botschaft hatte. Aber was für eine Botschaft?" Haikus habe Schlaffhorst geschrieben. Und jenen Tagebucheintrag von nachgerade Hesse'scher Tiefenschärfe: "Der Einsame ist überall allein." Devotionalien vom achtmal besohlten Lieblingsschuh bis zum Schlaffanzug ("ein Anzug, den man bei Einschlafschwierigkeiten trägt") und der Schlafflampe sind also sorgsam etikettiert und in akkurater Ausrichtung auf der Retro-Bühne (von Duri Bischoff) ausgebreitet, in die sich Sienknecht & Friends mit ihren Echthaar-Toupets und Kassenbrillen, Novilon-Anzügen und Trevira-Schlipsen nahtlos fügen.

Freilich marthalert dies; Sienknecht gehört neben Jürg Kienberger als Haupt- und Staats-Musiker zur Marthaler-Familie. Folgerichtig sucht Werner Schlaffhorst den Zugang zur Weltseele über den Zugang zur Musik. Welcher sich bei ihm im Instrumentenbau realisierte: mit besagtem Schlaffophon (das enorm an ein Theremin erinnert), mit dem ebenfalls elektrophonen Schlaffomaten und dem mechanischen Schlaffochord-Örgelchen. Nicht weniger als Popgeschichte hat er damit geschrieben!

Samt und sonders haben ihm die Popgrößen in ihren Songs die Reverenz erwiesen und "Werner" besungen, von den "Beach Boys" bis Michael Jackson. Wie – "Jan, bitte! Clemens, bitte!" – schlagend zusammengeschnittene Tonbeispiele mühelos belegen.

Nie unter die schwebende Absurditätsschwelle sinkend
Und was sich nur alles auf Werner reimt: der "Berner" wie "Nichts lag ihm ferner". Oder "Erna". Denn Schlaffhorst war auch "ein weithin bekannter Erotomane". Und wie sich dann die Frauennamen zum Leporello fügen, von "Hey Jude" bis "Donna Clara"…

Es sind überhaupt die Medleys, die dem Abend seinen Haupt-Witz geben. Die mit leichter Hand zusammengereimten 161 Ländernamen; die "geheime Welt der Zahlen" in Hits der letzten fünfzig Jahre. Und das Verblüffende: Es erschöpft sich nicht. Sinkt der Bühnen-Tonus ansatzweise, reißt sogleich ein Rhythmus- oder Registerwechsel wieder mit. Es ist ja unglaublich, was Sienknecht und Freunde musikalisch alles im Repertoire haben.

Das geht vom englischen Renaissance-Song über Schumann, Schubert bis Richard Strauss, jetzt mal neben dem ganzen Pop-Spektrum zwischen James Brown und Jane Birkin. Aufs Überraschendste zusammengestellt, nie unter eine schwebende Absurditätsschwelle sinkend und mit einem untrüglichen Sinn für Rhythmus und Spannungsbögen.

Oder, um im Vokabular der Veranstaltung zu bleiben: stets vollständig "auf der Heizdecke der künstlerischen Kostbarkeiten, ohne dabei die Backzeiten aus den Augen zu lassen".


Werner Schlaffhorst – Ein Leben, zu wahr, um schön zu sein
Musikalische Gedenkveranstaltung von Clemens Sienknecht & Freunden
Regie und musikalische Leitung: Clemens Sienknecht, künstlerische Mitarbeit: Barbara Bürk, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Sarah Schittek, Dramaturgie: Roland Koberg.
Mit: Jan Bluthardt, Klaus Brömmelmeier, Friederike Wagner und Siggi Schwientek.

www.schauspielhaus.ch

Kölner Premiere 16. November 2012
Mit: Yorck Dippe, Holger Bülow, Jennifer Frank, Clemens Sienknecht, Michael Wittenborn.

www.schauspielkoeln.de

Mehr zu Clemens Sienknecht im nachtkritik-Archiv, wo der 1964 in Hamburg geborene Musiker bisher speziell in Inszenierungen von Christoph Marthaler in Erscheinung trat, mit dem Sienknecht seit 1993 zusammenarbeitet. Zum Beispiel in Riesenbutzbach. Eine Dauerkolonie, uraufgeführt im März 2009 bei den Wiener Festwochen. Oder in Platz Mangel, 2007 in der Roten Fabrik in Zürich herausgekommen.

 

Kritikenrundschau

Die Zürcher Produktion habe (drei Jahre später) bei ihrer Kölner Premiere von ihrem Charme nichts verloren, schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (19.11.2012). "In seinen besten Momenten (es sind recht viele) funktioniert der ganze Abend so: Viele kleine, verpeilte Kunststückchen, die zusammen Drehmomente entwickeln, in denen Sienknecht die Welt in seine Richtung umbiegen kann." Manchmal indes schöpften Sienknecht und seine Frau Barbara Bürk "fast zu tief aus den bekannten Quellen sanft absurden Humors, sind Jacques Tati, Karl Valentin und Helge Schneider (und natürlich auch Christoph Marthaler, mit dem Sienknecht seit Jahrzehnten zusammenarbeitet) überpräsent." Dafür aber finde man "wunderbare Satzgesänge und herrlich unschmissige musikalische Kabinettstückchen. Die lassen 'Werner Schlaffhorst' mühelos über dem Niveau eines gewöhnlichen Gesangabends am Theater schweben."

 

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