Wo sind die "Verbrannten"?

Berlin, 14. November 2009. "Wo spielt Kathrin Angerer beispielsweise morgen Abend, wenn in der Volksbühne wiederum 'Ozean' läuft?", fragte User "123" am Freitagabend um 21:49 Uhr im Forum zu Castorfs Volksbühnen-Wiedereröffnungsinszenierung. "Wo? Auf welcher Bühne? Vielleicht wäre dies ja die Alternativveranstaltung." Castorf selbst hatte im Vorfeld der "Ozean"-Premiere in einem Interview gesagt, er habe "früher nie gesehen, wie sich alle abkämpfen für dieses Theater. Ich war das begabte Kind, das gespielt und seine Inszenierungen gemacht hat und nicht mitkriegt, wie sich die anderen verbrennen."

"Wo ist der Abend, an dem ich die 'Verbrannten' in einer anderen Regie sehen kann?", wollte nun User "123" wissen. "Einige haben sich in andere Medien 'hineingerettet'. (...) Andere 'vegetieren' wie ausgeknipste Satelliten einer vergangenen Epoche? Kreisender Weltraumschrott im Kosmos des Theaters? Das glaub ich einfach nicht. In anderen Verhältnissen könnten sie auf der Bühne wieder herausragend sein. Es wäre, unter anderen, auch die Aufgabe der Volksbühne, oder aber anderer Bühnen, ihnen diesen 'eigenen' Rahmen zu bieten. Die Pflicht. Fern von Castorf. Da sind so enorme Versäumnisse geschehen."

Anlass genug, noch einmal das nachtkritik-Archiv nach den Vermissten zu durchstöbern – eine Liste für alle Fans der (ehemaligen) VolksbühnenschauspielerInnen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Kathrin Angerer
spielte im März 2007 noch in Dimiter Gotscheffs Der Selbstmörder an der Seite von Samuel Finzi auf ihrer alten Stammbühne. Für Sebastian Baumgartens Hannoveraner Faust war sie im Oktober 2007 das schön kess-ironische Gretchen und kehrte im Februar 2008 als dessen Tosca, bei Angerer eine betörend nölende "Königin der Uneigentlichkeit", auf die Volksbühnen-Bretter zurück. Auch für Baumgartens Requiem an der Komischen Oper (September 2008) stand sie auf der Bühne, und seinem Professor Unrat am Maxim Gorki Theater (Juni 2009) war sie die Rosa Fröhlich. Und gestern (13. November) war sie als Interimsgeliebte des wiederum von Finzi verkörperten Protagonisten in der neuen ZDF-Serie "Flemming" zu sehen.

Hendrik Arnst steckte, so berichtet der Nachtkritiker, wie Angerer bei Baumgartens Requiem im "grell-poppigen Fantasy-Outfit". Außerdem wirkte er auf dem Stückemarkt des Theatertreffens 2008 in einer szenischen Lesung von Paul Brodowskys Regen in Neukölln mit, ohne dass er dem Nachtkritiker – es wird wohl dem Format geschuldet sein – dabei weiter aufgefallen wäre. Dafür ist er demnächst (ab 19. November) live in der Nähe Neuköllns zu sehen, nämlich am Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße in Hakan Savaş Micans "Die Schwäne vom Schlachthof".

Herbert Fritsch gab in Gotscheffs Selbstmörder wiederum die Mutter Kathrin Angerers und stand wie seine ehemalige Volksbühnen-Kollegen Angerer und Arnst für Baumgartens Requiem an der Komischen Oper (September 2008) auf der Bühne. Ansonsten war er vor allem als Regisseur produktiv: Sich selbst inszenierte er als "großen Ulkator" in Angst. Ein performatives Konzert über den schlechtesten Berater unserer Zeit im Berliner Engelbrot (November 2007). Es folgten weitere aberwitzige Abende aberwitziger Stücke wie Das Haus in Montevideo (Februar 2008) und Der Raub der Sabinerinnen (Februar 2009) in Halle, Spielbank (April 2008) und Volpone in Wiesbaden (November 2009), Tartuffe (September 2008), Beute (Mai 2009) und Pferd frisst Hut in Oberhausen (September 2009). Für seine "zuweilen beängstigenden Spielwut" wurde er überdies im Frühjahr 2009 in Mülheim an der Ruhr mit dem Gordana-Kosanovic-Schauspielerpreis ausgezeichnet. Bereits 2006 brachte er außerdem, gemeinsam mit Sabrina Zwach, das Hamlet_X Bilderbuch zu seinem interdisziplinären Film- und Internet-Theater-Projekt Hamlet_X heraus.

Henry Hübchen hat offenbar seit ziemlich langer Zeit keine Theaterpremiere mehr veredelt, sondern nur noch Filme gedreht – es ist leider keine Nachtkritik zu finden, die Spuren einer aktuellen Bühnen-Aktivität Hübchens verzeichnet. "Natürlich ist es für Henry Hübchen oder Martin Wuttke angenehmer, beim Film Geld zu verdienen", lautet Castorfs Erklärung hierfür, das könne er ihnen auch nicht verdenken. "Diese langen Abende an der Volksbühne, wo sie sich bei jeder Vorstellung abgefackelt haben, die allabendliche Entäußerung, die kurzen Produktionszeiten – das ist Hochleistungssport. Die Qual des täglichen Theaterproduktionsbetriebes will sich Henry nicht mehr antun." Trotzdem merke er, so Castorf, wenn er Hübchen treffe, "wie sehr er das vermisst, diese Art des anderen Umgangs und Produzierens, nicht diese industrielle Routine und Hackordnung wie beim Fernsehen."

Astrid Meyerfeldt gab in Schorsch Kameruns "Überprüfungsrevue" Der kleine Muck eine "preußeneuphorische Orientalistin". Eine orientalische Brautmutter skizzierte sie hingegen bei der szenischen Lesung von Müserref Öztürk Çetindogans Migrantenhochzeit auf dem Stückemarkt des Theatertreffens 2007. Und beim Stückemarkt 2009 war sie in Oliver Klucks Das Prinzip Meese mit von der Partie.

Milan Peschel spielte länger als andere seiner Kollegen für Castorf, etwa in dem ursprünglich in Wien herausgekommenen Céline-Abend Nord (Juni 2007). In Castorfs Emil und die Detektive (Dezember 2007) zeigte er als großäugig verhetzter Biberkopf-Grundeis den Gauner als Opfer – und der Nachtkritiker wurde von den Kommentatoren vehement dafür gescholten, dass er zu schreiben gewagt hatte, Peschel habe sich "in seiner bisherigen Karriere als ein Darsteller von mittleren Gnaden gezeigt (...), nicht unbegabt, aber in seinen Mitteln eklektizistisch und begrenzt", sei im darstellerischen Umfeld des "Emil" jedoch der "handwerkliche Star". Ein halbes Jahr später inszenierte Peschel dann seinen eigenen Kästner, nämlich ein fulminantes Doppeltes Lottchen für Kinder ab 7 am Berliner Theater an der Parkaue, wo er mit dem hinreißenden Konsumparabel- und Mitmachtheater-Spaß "Der Fischer und seine Frau" zwei Jahre zuvor bereits sein Regiedebüt gegeben hatte. Mit besonderer Vorliebe lief Peschel allerdings vom Rosa-Luxemburg-Platz ans nahe gelegene Maxim Gorki Theater über. Zum Beispiel um für Jan Bosse und Fritzi Haberlandts Anna Karenina der gerade richtig unverschämt-schnoddrige Wronski zu sein (Premiere bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, Mai 2008). Oder um in Armin Petras' Rummelplatz (Januar 2009) den "Intelligenzler unter Tage" zu mimen. Und im März 2010 wird am Gorki auch inszenieren: Nachdem er für Castorf in "Endstation Amerika" und "Forever Young" gespielt hat, macht er nun selbst einen Tennessee Williams, "Die Glasmenagerie".

Sophie Rois ist dem Hause Castorf bzw. seinen Trabanten ebenfalls ziemlich lange treu geblieben. Ihren grandios hysterischen Diventon lieh sie diversen Pollesch-Inszenierungen, nämlich L'Affaire Martin (Berlin, Oktober 2006), Diktatorengattinnen (Berlin, Oktober 2007), Hallo Hotel Nachtportier! (Berliner Premiere Dezember 2007), Fantasma (Wien, Dezember 2008) und Ein Chor irrt sich gewaltig (Berlin, April 2009). Für Castorf spielte sie zuletzt in dem Limonow-Abend Fuck off, Amerika (Februar 2008), in dem sie stellenweise toll singen durfte. Für Luc Bondy war sie im Juni 2008 in Wien eine der Genet'schen Zofen, und im September 2009 verhalf sie Gero Troikes seltsamem Vier-Todesarten-Abend Gute Nacht, du falsche Welt als Mozarts Intim-Feind Salieri zu hochkomischen Momenten.

Bernhard Schütz war im Juni 2007 neben Peschel in Castorfs Nord eine jener Céline-Splitterfiguren. Im November 2007 gab er in dessen Brecht-Fingerübung Der Jasager / Der Neinsager den Lehrer, und stellte sich wenig später, nämlich in Polleschs Darwin-Win & Martin Loser-Drag-King & Hygiene auf Tauris im April 2008 in Berlin, als Redner auf einem Futurologischen Kongress vor.

Martin Wuttke stand als Premierenbeteiligter, so sagt das nachtkritik-Archiv, zuletzt im Oktober 2006 in jenem unvergesslichen Ganzkörperanzug zum In-die-Wand-Verschwinden in René Polleschs L'Affaire Martin auf den Brettern vom Rosa-Luxemburg-Platz, nachdem er dort so gut wie alle Castorf'schen Dostojewkij-Helden von Nikolaj Stawrogin ("Dämonen") über Fürst Myschkin ("Der Idiot") bis zu Raskolnikow ("Schuld und Sühne") gespielt hatte. Danach inszenierte er in Köln Rolf Dieter Brinkmanns Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand (März 2007), Gretchens Faust (März 2008) und Das abenteuerliche Herz: Droge und Rausch (Juni 2009) am Berliner Ensemble. Außerdem spielte er, abgesehen von "Tatort" und Tarantino, in René Polleschs Ping Pong d'Amour in München (Februar 2009), wo er mächtig gegen die "Seele" wettern durfte: "Seele! Überall Seele! Ich kann sie nicht mehr sehen, diese Seele! Wir müssen uns die Welt als Leiche denken." In Polleschs Wiener Fantasma hingegen war er ein wunderbar verstolperter Leslie-Nielson-Wiedergänger (Dezember 2008). Und über die Geburt dieses Stückes aus dem Geiste der "Nackten Kanone 2 1/2" sprach er anlässlich der Mülheimer Theatertage 2009 in Bild und Ton. Bereits diese Pollesch-Veranstaltung brachte Wuttke ans Burgtheater, genauer: in dessen Akademietheater-Dependance. Seit der Spielzeit 2009/10 gehört der Ausnahmespieler nun fest zum Ensemble der Wiener Burg, allerdings war er dort bisher noch nicht in Aktion zu sehen.

(to be continued)

(ape)

Hier geht's zu den gesammelten Blog-Beiträgen im Menü "gemein & nützlich".

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Redaktionsblog Volksbühnenschauspieler: nicht alle gehenScheering 2009-11-14 11:18
Man muss auch sagen, dass der unbestechliche Alexander Scheer, der kaum noch Theater spielt, es in "Kean" an der Volksbühne tat. Wenn er überhaupt noch spielt, dann bei Pucher oder in der Volksbühne. Das ist ja auch ein Zeichen. Nicht alle gehen, manche bleiben auch (verbunden).
#2 Redaktionsblog Volksbühnenschauspieler: super Listefan 2009-11-14 13:59
ein hoch hoch hoch auf die nachtkritik! super liste. vielen dank. leider hilft sie nicht - hübchen vermisse ich sehr in der volksbühne. im fernsehen ist er ja nur ein bisschen der gute hübchen. henry, wir brauchen dich im theater!
#3 Blog Volksbühnenschauspieler: Was ist mit Sir Henry?Flohbär 2009-11-14 21:27
Werte Anne Peter, in der Liste steckt eine Menge Fleißarbeit, es fehlen aber doch einige Namen und Inszenierungen, was wohl daran liegt, dass es die Nachtkritik noch nicht lange gibt.
Was ist mit Sir Henry oder dem ins Greisenalter eingetretenen Tomaschewsky, mit dem jeder rüstige Senior ein identifikatorisches Bündnis eingehen konnte? Oder Irina Potapenko und die - Minichmayr? Letztere hüpfte unter anderem bei "Schuld und Sühne" und "Strepitolino" über die Bühne.
Und noch ein Nachtrag zu den Fernseh-Aktivitäten: man braucht bloß eine Zeitlang herumzuzappen, und schon taucht Bernhard Schütz in einer leichten, "flockigen" (Dirk Pilz-Vokabular) Serie oder einem Krimi auf. Gestern schaltete ich kurz bei der oben angesprochenen Serie "Flemming" ein und da erschien sogleich Hendrik Arnst als Ordnungshüter, gewohnt rundlich gedrungen, so dass er auf der Toilette wohl Mühe hat, den Strahl der dachartig überwölbten Merkmale seines empfindlichsten Organs zu erkennen. Nun, ich habe nie auf dem Volksbühnenklo mein Wasser neben ihm abgeschlagen.
#4 Blog Volksbühnenschauspieler: ein Hoch auf Tomaschewsky!lauslöwe 2009-11-14 23:22
ach flohbär, was biste wieder herablassend. könnte man glatt vermuten, wer du bist. fleißnoten verteilen, und haste gleich wieder gefunden, was fehlt. dann vervollständige doch! wird man doch extra dazu aufgefordert. wo haste denn sir henry gesehen? ich bei david marton kürzlich. und tomaschewsky ist nie gegangen von der volksbühne, er ist alt (80? 90?) ein hoch auf ihn!
#5 Blog Volksbühenschauspieler: patriarchales GeltungsmusterJeanne dArc 2009-11-15 01:54
Flohbär, Ihre Art zu schreiben nähert sich hier meines Erachtens doch sehr dem BILD-Jargon an: "die Minichmayr hüpfte" (ja ja, die Mädchen hüpfen und werden am besten nie zu selbstbewussten Frauen) und Flohbär "schlägt sein Wasser ab" (welch militaristisch konnotiertes Bild). Zudem, müssen Männer eigentlich immer Ihre eigenen Geschlechtsgenossen niedermachen, um sich selbst in Ihrer eigenen Geltungssucht zu erhöhen? "das ganze patriarchal.autoritäre Muster unerträglich" (Peter Weiss). Oder wollten Sie uns am Ende etwas ganz anderes erzählen?
#6 Blog Volksbühnenschauspieler: hüpfende Recken und mehrFlohbär 2009-11-15 11:24
@5: Gähn, das Wort "hüpfen" oder ähnliche Wörter werden mitunter auch von professionellen Kritikern benutzt. Kürzlich haben Sie sich über das in einem anderen Beitrag benutzte Wort "Recke" echauffiert, das oft in den "Nibelungen" der Schaubühne erwähnt wird - da müsen sie ja sehr gelitten haben.
JdA, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass ich mich mit Ihnen geistig nicht auseinandersetzen möchte, weil das für mich unergiebig ist. Marx hat auch nicht von der Religion als "Opium fürs Volk" gesprochen, sondern vom "Opium des Volkes", was ein großer Unterschied ist. Die Religion ist demnach nichts von oben (Staat oder Pfaffen) Verordnetes, sondern ein Grundbedürfnis des Volkes. Und, um noch einmal auf einen Ihrer fatalen Ausflüge in die Philosophie einzugehen: das Schöne bei Kant ist auf das Theater nicht anwendbar. Ich habe einmal Philosophie studiert, möchte aber in einem Theaterblog die Leser von meinen philosophischen Erkenntnissen verschonen.
@lauslöwe: Vielleicht kam das falsch rüber, aber ich halte die Liste von Anne Peter für gut und bei Vollständigkeitkeit hätte das ein Riesenarbeitspensum erfordert.
Tomaschewsy müsste jetzt 90 sein. Vor ein paar Jahren stand er noch in den "Dämonen" auf der Bühne. Also gut: Ein Hoch auf Tomaschewsky!
#7 Blog Volksbühnenschauspieler: Klassentreffen im Café Müller123 2009-11-15 14:54
...gestaunt habe ich, als ich las, Castorf sei ein Bewunderer von Pina Bausch und habe „Café Müller“, natürlich nur auf Video, „geliebt“. Pina Bausch arbeitete dort mit ihrer eigenen Desorientierung. Es war immer so, als ob Sie unsichtbar ebenfalls in dem Café säße und sich und dem Publikum ihre eigene Vergeblichkeit vortanzte. Dort wurden persönliche Momente produktiv gemacht. Fast Privates. – Trau ich dies einem Castorf zu? – Das wäre einen Quantensprung.
Darüber hinaus pflegte Sie zu einigen Tänzern jahrzehntelange Beziehungen. Kontinuität wäre in diesem Zusammenhang ein Zauberwort. Natürlich kamen immer junge Tänzer hinzu, schon allein weil man das Opfer in „Sacre“ nicht ewig tanzen kann. Doch ein Kern, ein Wärmekuchen blieb immer, auch über ihren Tod hinaus. Ich habe schon als junger Mensch Alte geliebt, entwicklungsfähige alte Menschen. Ich genoss ihren Vorsprung. – Was macht es heute so schwer zu reifen ? Für immer Jung. Welch seltsame Anmaßung. – Ja, die Liste ist gut. Sie zeigt uns noch einmal all die aufgegebenen Lieben. Noch leben die Geister dieser Schauspieler auf der Volksbühne, wenn man sie besucht. Es ist schwer sie zu ersetzen. Und das ist gut so. Schwer auch für all die, welche sie ersetzen sollen. All diese Darsteller auf der Liste müssen sich zudem fragen lassen: Ob sie nicht Heimatlose geworden sind ? Ob sie nicht ihre künstlerische Heimat verloren haben ? Und wie es für sie, falls sie zurückkehrten, weiter gehen könnte. - Ich plädiere für ein „Klassentreffen“ im „Café Müller“. (Kleiner Scherz.)
#8 Blog Volksbühnenschauspieler: aussertheatrale RealitätJeanne dArc 2009-11-15 16:19
Ach Flohbär, ich zweifelte den Begriff des "Recken" nicht an, weil dieser in den "Nibelungen" der Schaubühne genannt wurde. Nein, ganz im Sinne meiner Lesart dieser Inszenierung verweist der Gebrauch bestimmter Begriffe auf deren Welt- und Geschichtshaltigkeit. Ein sprachliches Zeichen impliziert die Wiederholung seines früheren Gebrauchs und ist niemals ursprünglich gesetzt. Beim Sprachgebrauch geht es mithin nicht nur um ästhetische, sondern zugleich um ethische Fragen. Den Begriff des "deutschen Recken" verbinde ich mit einer Art Deutschtümelei, welche bis hin zum Nationalismus und dessen katastrophischen Auswirkungen unter der Hitler-Diktatur reicht.
Zudem, "Opium des Volkes", das geht natürlich auch. Beide Formulierungen laufen jedoch auf dasselbe hinaus. Marx hat damit, in Weiterführung der Feuerbachschen Religionskritik, auf die Plazebofunktion der Religion verwiesen, welche die notwendige (!) Veränderung der materiellen Basis der Lebensverhältnisse durch einen metaphysischn Schicksalsglauben ersetzt.
Schließlich, Kants Begriff des Schönen ist meines Erachtens durchaus auf das Theater anwendbar. Denn das Schöne verweist auf die Zweckfreiheit der Kunst, welche weder politischen noch kommerziellen Interessen, sondern allein dem interesselosen Wohlgefallen diene. Indem die Kunst auf diese Differenz zwischen Ästhetik und politischer Repräsentation verweist, kann sie neue Denk- und Spielräume eröffnen. Ob das dann auch in der aussertheatralen Realität zu Veränderungen führt, das muss offen bleiben.
#9 Blog Volksbühnenschauspieler: die eigene VergeblichkeitAuf den Kopf 2009-11-15 17:57
Also werteste/r 123, das ist doch herrlich, was Sie da sagen: "Pina Bausch arbeitete dort mit ihrer eigenen Desorientierung. Es war immer so, als ob Sie unsichtbar ebenfalls in dem Café säße und sich und dem Publikum ihre eigene Vergeblichkeit vortanzte." Setzen Sie "Frank Castorf" für "Pina Bausch" und Sie haben eine überaus zutreffende Beschreibung dieses "Ozean"-Abends.
#10 Blog Volksbühnenschauspieler: trollen Sie sich!Axel von Ambesser 2009-11-15 19:00
Sagen Sie mal Herr/Frau "Jeanne d'Arc", schämen Sie sich eigentlich nicht für Ihre permanenten Dummheiten hier? Sind Sie ein Troll/Trollin oder was? Nicht auszuhalten das Geschwätz!Trollen Sie sich!
#11 Blog Volksbühnenschauspieler: einzigartiges Café Müller123 2009-11-15 19:40
@"Auf den Kopf" ..."Café Müller" ist ein einzigartiges Kunstwerk, so wie der "Grüne Tisch" einstmals...ist Ihnen das eigentlich bewußt...
#12 Blog Volksbühnenschauspieler: bitte differenzierenJeanne dArc 2009-11-15 19:58
@ Axel von Ambesser: Könnten Sie Ihre Kritik an meinem Text vielleicht ein wenig differenzierter gestalten? Und sind wir nicht alle ein bisschen Troll? "Aber Pessi bemerkte kaum, dass er erst dann begann, sich selbst kennenzulernen, als er sein Bild auf der Oberfläche des dunklen, tiefen Wassers gesehen hatte." (Yrjö Kokko: Pessi und Illusia, 1944)
#13 Blog Volksbühnenschauspieler: wahre GelehrsamkeitLeser 2009-11-15 20:00
@10. Dummheiten würde ich es nicht nennen. Ich entnehme den Beiträgen von Jeanne d'Arc bisweilen sehr nützliche Hinweise (Buchtipps zum Beispiel). Auch viele Inszenierungskommentare finde ich erhellend (zu Wengenroth zum Beispiel).
Aber auch ich würde mir wünschen: Jeanne d'Arc, lassen Sie sich bitte nicht auf jedes Scharmützel ein. Gelehrtheit ist gut, muss aber nicht auf jedem daher gelaufenen Flohbären abgeladen werden. Manches Gefecht lässt hier die Threads ausufernd und unlesbar werden.
#14 Blog Volksbühnenschauspieler: ist Ozean einzigartig?Auf den Kopf 2009-11-15 20:12
@123. Und was gibt ihnen den Glauben, dass "Ozean" nicht ein ebensolches einzigartiges Kunstwerk ist?
#15 Blog Volksbühnenschauspieler: Subjekt FlohbärJeanne dArc 2009-11-15 20:33
@ Leser: Sie scheinen Flohbär offenbar zu kennen, ich jedoch weiss nicht, wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt. Damit sind Sie mir wohl ein entscheidendes Stück voraus. Meinem Eindruck nach steckt hinter Flohbär jedenfalls ein befremdliches menschliches Subjekt. Vielleicht lohnt die Auseinandersetzung tatsächlich nicht. Und eigentlich ging es hier ja um ehemalige Volksbühnenschauspieler.
#16 Blog Volksbühnenschauspieler: Treffen123 2009-11-15 20:37
@"Auf den Kopf." - Gut. Treffen wir uns zur nächsten Vorstellung. Wer bestellt die Karten ?
#17 Blog Volksbühnenschauspieler: who ist whovinci 2009-11-15 23:02
an 123 und flohbär: jeanne ist ein mann namens falk richter.
#18 Blog Volksbühnenschauspieler: ja, klarJeanne dArc 2009-11-15 23:18
ach so, ja klar, wir sind das Ende der Dekonstruktion. Vielleicht kann mir dann ja auch noch jemand sagen, warum er/sie mir meine "God is a DJ"-Hörspiel-CD geklaut hat. Ohne die kann ich nämlich nicht einschlafen.
#19 Blog Volksbühnenschauspieler: die Ergüsse der Frau Dark@ axel 2009-11-16 03:45
vielen dank für ihren kommentar zu den in allen blogs wuchernden textwüsten dieser dame.die ergüsse dieser frau dark sind an eitler geschwätzigkeit kaum zu überbieten.wenn sich dahinter wirklich falk richter verbirgt...hihihi wie peinlich
#20 Blog Volksbühnenschauspieler: God is a DJJohanna 2009-11-16 09:09
Das "God is a DJ" Hörspiel ist wirklich sehr toll. Nicht nur der Inhalt auch seine emotionale Stimme - hör ich mir oft an. Jeanne d´Arc spricht alles selbst - hat nen enormen Anspruch. das waren noch Zeiten, des aufbruchs und exxhaaltierter Selbstverwirklichung!
#21 Blog Volksbühnenschauspieler: desert stormJeanne dArc 2009-11-16 10:12
@ 19.: Ich bin geschmeichelt, vielen Dank! Ich hab schon immer gespürt, dass Falk Richter und ich un-heimliche Gemeinsamkeiten haben. Und ausserdem, lieber Textwüsten als desert storm ;-).
#22 Blog Volksbühnenschauspieler: zurück zu Castorf & Co.genervt 2009-11-16 10:17
Mann, Leute, ihr nervt. Wen interessiert denn die Personalie "Jeanne d'Arc"? Mich null. Können wir zu Tomaschewsky, Castorf und Co. zurückkehren?
#23 Blog Volksbühnenschauspieler: Bilder der RevolutionJeanne dArc 2009-11-16 17:56
@ genervt: Merci Monsieur, vous êtes très charmant. Aber so wird das echt nix mit der Revolution bzw. mit der Freiheit. Denn die versammelte ganz unterschiedliche und doch gemeinsam für eine Sache kämpfende Leute unter ihrer roten Flagge:
www.kat.ch/bm/pw/asthetik.html
#24 Blog Volksbühnenschauspieler: toller Serviceene 2009-11-16 19:09
Das ist ja ein toller Service, diese Zusammenstellung ist super. Kann doch ruhig mal was fehlen. Ergänzt es doch. Nachtkritik wird immer besser. Weiter so!
#25 Blog Volksbühnenschauspieler: große Kunst verbrenntschauspielerkalender 2009-11-16 19:27
eine imposante zusammenstellung. vielen dank. vielleicht gehört es ja zu großer kunst dazu, dass sie sich und die leute um sich herum "verbrennt". langjährigen "dienst nach vorschrift" oder beständig "gutes handwerk" will doch keiner. damit macht man kein wirklich relevantes theater. da ist ein kommen und gehen schon besser. bisher sind an der volksbühne noch immer gute leute nachgewachsen, zuletzt vielleicht weniger, aber anne ratte-polle ist auch noch nicht so lange da, von maria kwiatkoswky darf man einiges erwarten. mir ist nicht bange.
#26 Blog Volksbühnenschauspieler: Phantomschmerz123 2009-11-16 20:26
Die spürbare, noch, Abwesenheit der obengenannten Künstler erzeugt wahrscheinlich bei den Zuschauern, wie der Kritik einen Phantomschmerz. Wir erleben keinen Neuanfang, wir erleben einen Wechsel. Die einstige Gruppe um Castorf spielte in einer ganz eigenen Liga, die, so scheint es, beidseitig aufgegeben wurde; möglicherweise unumkehrbar. Draußen in der Stadt hat sich der Grundton schon längst eher gen „konservativ“ verschoben. Einen aktuellen Dialog mit diesem „Ton“ der „Gemeinde“ aufzunehmen, wird eventuell die nächste Aufgabe des eingewechselten Ensembles. Das Besondere ist lediglich: Der Kapitän ist der alte geblieben. Er ist der „Tatsächliche“, der neue Fahrt aufnehmen müsste und mit seinen jetzigen Schauspielern wiederum ein einzigartig Originäres gestalten sollte. Ob er sich dabei neu erfindet, oder der „Alte“ bleibt, diese Frage kann er sich nur selber beantworten. Die Versäumnisse kann keine Liste beschreiben. Sie sind künstlerischer Natur. Die Schauspieler haben allesamt ihr eigenes Bild verlassen. Ihr gutes Recht. Warum nicht ? Ob sie als Einzelne die hohe Qualität der alten Liga erreichen werden, bleibt dahingestellt.
#27 Blog Volksbühnenschauspieler: große Kunst verbrennt nicht123 2009-11-16 22:28
...nebenbei gesagt: Große Kunst verbrennt sich nicht selbst und schon gar nicht die Leute um sich herum. Da zündelt der Geist einer "Suicide Machine". Große Kunst ist ein Mysterium. Man kann sie nicht erklären.
#28 Blog Volksbühnenschauspieler: schaut auf Brecht!Och, ihr Menschenfreunde 2009-11-17 01:09
guckt doch mal den Brecht an, der hat doch andere verbrannt wie nix. Nur war das Interessante daran, dass die Verbrannten noch beim Verbranntwerden dachten, dass der Mann sie wärmt.
#29 Blog Volksbühnenschauspieler: Abhängigkeit umgekehrtJeanne dArc 2009-11-17 01:51
@ ach, Sie miesepetriger Menschenfeind. Vielleicht finden Sie das als Mann ja interessant, diese scheinbar masochistischen Frauen Brechts. Aber einmal muss gesagt werden, dass Brecht umgekehrt ebenso abhängig von seiner fabrikähnlichen (weiblichen) Produktionsgemeinschaft war. Und zweitens fängt an diesem Punkt die Infragestellung ja erst an: Ich erinnere hier nur an die These Max Webers, welche besagt, dass Herrschaft sich nicht legitimieren müsse. Nach Max Weber werden Herrschaftsstrukturen von den Beherrschten als natürliche Gegebenheit anerkannt und nicht als repressiv empfunden. Dagegen gilt es aufzustehen, die Freiheit ist weiblich (siehe mein Link unter Punkt 23)! Verweist nicht möglicherweise Anne Ratte-Polle auf dieses Bild (nur Vermutungen anhand der Kritiken, habs noch nichts gesehen)?
#30 Blog Volksbühnenschauspieler: weg mit den Säckenmichaela 2009-11-17 10:04
Ja, soll doch endlich andrea breth und karin henkel die volksbühne übernehmen, das wäre schön, da hätten alle publikumsschichten was von, die machen weibliches theater vom feinsten, da spüre ich endlich was von der freiheit, die so fern jetzt nicht mehr sein kann! karin baier macht es doch schon vor, weg mit den weinerlichen säcken, die uns immer nur an die leine nehmen wollen.
#31 Blog Volksbühnenschauspieler: Liebesbegriff bei Castorf?123 2009-11-17 12:14
Auch Frauen können an der Kunst und ihrem Leben darin verbrennen. Ich erinnere hier einmal an Franca Kastein, einer ehemaligen Schauspielerin des Gorki. Das Geschlecht schützt einen da nicht. - Ich wende mich lediglich gegen diese neurotische Auffassung: Große Kunst müsse sich selber "verbrennen". Wahrscheinlich um überhaupt groß zu werden...oder ähnlich spekulativem Pathos. - Wollen sie hier tatsächlich eine Geschlechterdebatte entfachen?
Nun ja. Ich für meinen Teil fragte mich heute morgen, wie es eigentlich um den "Liebesbegriff" von Frank Castorf steht? Ich stellte mir vor, er würde "Romeo und Julia" inszenieren. Hoffnung oder Alptraum?
Dann versuchte ich mich kurz der "Endstation Sehnsucht" zu erinnern.
Was würde eigentlich geschehen, wenn man ihm seine ganze Dekonstruktion wegnehmen würde, seine Zertrümmerung und all diese Zerrbilder, und ihn auf seine Emotionen zurückwerfen würde. Momentan sieht es ja so aus als folge der Zertrümmerung von Stücken die Dekonstruktion der eigenen Person. Muss das so sein? Nein. Wieso findet dieser Mann kein neues Ufer, wo er doch schon seine ganze Mannschaft auf ein Schiff verfrachtet hat mit viel Munition und Schnaps ?
Vielleicht hätte er doch etwas anderes einpacken sollen.
#32 Blog Volksbühnenschauspieler: Denk quer zu den GeschlechternJeanne dArc 2009-11-17 13:46
Im Prater-Foyer gab es Ende April diesen Jahres eine (zugegebenermaßen zwischenzeitlich etwas durchhängende) Veranstaltung namens "Bitches – What you see is what you get?". Da ging es u.a. um das Thema, wie Frauen auf dem Theater inszeniert werden. Meine Verteidigung der weiblichen Position weiter oben erfolgte aus einer Abgrenzung gegenüber reaktionären Tendenzen, "die Frau" wieder in ihre Rolle als NUR aufopferungsvolle und liebende Masochistin zu drängen. Im Grunde geht es mir um ein Denken quer zu den Geschlechtergrenzen. Das heisst, es ging mir nicht darum, dass jetzt nur noch Andrea Breth und Karin Henkel inszenieren sollen. Nein, es geht um Bewusstsein und Verantwortung in Bezug auf die eigene Machtposition, nach Pollesch das "eigene ungeheuchelte Erstaunen darüber, dass man zum Sklavenhalter wird."
Schließlich, diese naiv-romantisierende Sicht, dass das "wahre Genie" sich selbst und sein Umfeld verbrennen müsse, dass halte ich schlichtweg für Unsinn. Ob die diesbezügliche Selbstkritik Castorfs glaubwürdig oder nur ein medienwirksame Werbemaßnahme war, das wird sich in der Zukunft erwiesen haben.
#33 Blog Volksbühnenschauspieler: Wechsel kommt so nicht weiter123 2009-11-17 14:23
"...dass man zum Sklavenhalter wird." so zitieren Sie Pollesch. - Auch diesen Zwang halte ich für Unsinn.
Die Frage stellt sich, ob zum Beispiel Castorf sich nicht unbewußt und doch dankbar in eine solche Rolle drängen ließ, da er ja Theater eher für einen "diktatorischen" Vorgang, frei von Demokratisierung hält? Rollenzuweisungen geschehen ja oft beidseitig im stillen Einvernehmen. - Erstaunlich bleibt, ich kann mich an keine herausragende "Frauenregie" an der Volksbühne erinnern. Tu ich da gerade jemandem Unrecht? - Allerdings denke ich, so kommen wir in der Verarbeitung des "Wechsels" an dieser Bühne nicht weiter. Obwohl,...Erneuerung wäre auch auf diesem Gebiet für den Intendanten zu finden.
#34 Blog Volksbühnenschauspieler: Kuscheltiere gibts woandersFlohbär 2009-11-17 14:34
Was hätte er denn einpacken sollen? Teddys und weibliche Kuscheltiere für Blümchensex? Wenn Sie eine "blaue Blume" oder einen Zustand permanenter seelischer Verschmelzung suchen, werden Sie vielleicht in einem anderen Theater fündig.
"Ozean" ist zwar nicht der große Wurf, hatte aber einige grandiose Passagen. Warum sollte Castorf mit einem Stück, das die Mehrheit der Kritiker für schwach hält, seine Person dekonstruieren? Dieses Krisengerede halte ich für unerträglich - gibt es auch eine Krise der Kritiker?
"Endstation Sehnsucht" hieß bei Castorf "Endstation Amerika". Wer soll sich denn von der damaligen Besetzung verbrannt haben? Peschel, Hübchen und Schütz sind noch verdammt gut im Geschäft. Und die Damen Rieger und Cuvelier sind noch in der Volksbühne bzw. in der Filiale Prater zu sehen.
#35 Blog Volksbühnenschauspieler: nicht so billig aus der AffäreJeanne dArc 2009-11-17 15:20
@ 123: Nein, es ist nicht Unsinn. Jeder weiss, dass das Theater im Grunde ein feudalistischer Betrieb ist. Es kommt drauf an, wie man damit umgeht. Wie gesagt, Bewusstsein, Verantwortung und vielleicht noch eine Prise Selbstironie wären dafür schon das richtige Rezept. Und entschuldigen Sie bitte, aber das geht ja nun gar nicht. Wie funktioniert dieser von Ihnen beschriebene Vorgang denn bitte, dass Castorf sich "unbewusst und doch dankbar in eine solche Rolle drängen ließ"? Ach so, war ja alles unbewusst, sind wieder nur die Anderen schuld. Oh nein, so billig zieht sich Castorf nicht aus der Affäre (wenn es denn seine Absicht ist). Ein Erwachsener kann und muss sich entscheiden. Die Rolle des vermeintlich unschuldigen Kindes, welches ja nur spielen wolle, die ist doch vom Standpunkt eines Erwachsenen aus auch nur herbeikonstruiert.
@ Flohbär: Stummfilme kann man auch HÖREN:
www.youtube.com/watch?v=rMhO0Kfl5Ck
#36 Blog Volksbühnenschauspieler: Ochsen vorm Karren123 2009-11-17 18:37
@ Flohbär. "Kuscheltiere?" Ach nö. Eher so ein Stoff wie die Penthesilea als Bettlektüre vielleicht. Und seine Person dekonstruiert er im Ansatz, in dem er von sich selbst behauptet, er hätte sich einen "Misserfolg organisiert". Übrigens, ein wenig Dekonstruktion an ihrer eigenen Person würde Ihnen auch nicht schaden.
@ Jeanne. Ja. Vielleicht der letzte feudalistische Betrieb, weil einige Künstler demokratische Vorgänge für immer noch nicht steuerbar halten, da ihnen das Talent dazu abgeht. Und selbstverständlich ist es die übliche Form von Mißbrauch an Männern, sie als Ochsen vor ein Karren zu spannen, um sie dann im Nachhinein vorzuführen. Dies bemerkte so gar einst Frau Schwarzer.
#37 Blog Volksbühnenschauspieler: umdenken lernenfrau 2009-11-18 01:00
meiner meinung nach ist castorf ganz einfach ausgebrannt und müde. im grunde hat er alles schon gehabt: regieerfolg, intendanz, spannende zusammenhänge mit schauspielern, dramaturgen, bühnenbildner..auch ehefrauen, die mitspielen..-im grunde hat er sehr viel von frauen profitiert: ob frau rieger oder angerer, die auch privat mit ihm liiert waren, wie alle wissen, und sicher einen großen künstlerischen einfluß auf ihn ausübten, auch wenn dies oft nicht so bemerkbar gemacht wurde - wie so oft am theater, dieses große, alte, fast eines der letzten am ende schwankenden, patriarchalische , oft sogar ziemlich frauenverdrängende oder in alte rollen (assistentin, kostümbildnerin, öffentlichkeitstante, souffleuse...) drängende, schlingernde schlachtschiff..- und auch die rois und ein ganz klein wenig, da nur kurz, die minichmayr hatten - obwohl nicht privat, aber dafür umso mehr künstlerischen einfluß auf herrn k. - äh, c....nahmen;
und nun ist er braungebrannt und urlaubsreif..aber statt die volksbühne - wie andere das wahrscheinlich in diesem falle tun würden - dem nachfolger zu überlassen, und sich an neue gestade zu begeben, um ein wenig fremden wind um die nase flattern lassen zu können (und gastinszenierungen in fremden ländern zählen da nicht, wenn zuhause die alte tretmühle wartet) - bleibt er fett hocken im satten wohlstandslinken, pseudoantikapitalistischen ostbühnenstrand, der ihn so gut ernährt....und durch der seit vielen jahren gleichbleibenden eintönigkeit, die nun mal..einfach..einfach..müde macht....- ja, so sonnenklar ist das..- sollte er nun gehen. besser gegangen werden. umdenken lernen. risiken eingehen. dann würde alles wieder gut..
ich fürchte allerdings, daß er das nicht mehr schafft...sich mental schon auf den ruhestand und die gute rente eingestellt hat. endgültig im kapitalistischen denken (sicherheit, altersvorsorge, privatleben) angekommen ist. und bleibt. ohje.
#38 Blog Volksbühnenschauspieler: paradiesische Leibeigenschaft@jeanne 2009-11-18 01:04
an was denn schuld - solange der laden lief haben doch wohl alle davon profitiert oder? er hatte es ja auch nicht mit unmündigen zu tun, sondern mit menschen die das vielleicht ganz gut fanden?
deine vorstellung von leibeigenschaft hat was paradiesisches.
#39 Blog Volksbühnenschauspieler: Kapitalismus als ReligionJeanne dArc 2009-11-18 01:59
@ 123: Ihre Formulierung gefällt mir, "da einigen Künstlern das Talent für demokratische Vorgänge abgeht". Ich würde nämlich auch sagen, dass es tatsächlich eine Kunst ist, in zwei Welten leben zu können und sich nicht für den König aus der eigenen Inszenierung halten zu müssen. Inwiefern Castorf allerdings "vorgeführt" wird, das verstehe ich nicht ganz. Oder meinen Sie damit den üblichen Medienmechanismus, einen Menschen zunächst zum "Erlöser des kulturellen Elends" zu stilisieren und ihn genau in dem Moment fallenzulassen, wo auch er plötzlich in der Krise steckt. Menschen erschaffen sich ihre Götzenbilder selbst, sei es nun der Kapitalismus als Religion oder eine Person des sogenannten "öffentlichen Lebens". Aber eben darin liegt der Fehler. Sind wir nicht alle politisch mündige Bürger? Es geht um die selbsttätige Ausfüllung der vermeintlichen Leerstelle. Lösungen sollten nicht immer nur "nach oben" delegiert werden, sondern in die eigene Verantwortung übernommen werden. Jean-Luc Nancy spricht in diesem Zusammenhang von der "Entwerkung der Gemeinschaft", deren Basis allein das wechselseitige Vertrauen sei:
"Die Berufung auf einen zornigen Gott oder die Versicherung 'In God we trust' instrumentalisieren auf symmetrische Weise ein Bedürfnis, einen Wunsch, eine Angst des Zusammen-Seins. Sie machen daraus erneut ein Werk - zugleich ein Heldengedicht, ein grandioses Spektakel, einen unersättlichen Handel. [...] Angesichts der Monstrositäten des Denkens (oder der 'Ideologie'), die sich ebenso monströser Einsätze an Macht und Profit wegen einander entgegenstellen, gibt es eine Aufgabe: Man muß das Undenkbare, das Unanweisbare, das Nichthandhabbare des Mit-Seins zu denken wagen, ohne es irgendeiner Hypostase zu unterwerfen."
#40 Blog Volksbühnenschauspieler: freiwillig k.o.Jeanne dArc 2009-11-18 02:17
@ 38: Ihre Vorstellung von meiner Vorstellung von Leibeigenschaft entspringt wohl Ihrer eigenen Phantasie - oder vielleicht doch der Realität? Schließlich hatte Castorf nicht wenige Frauen, von denen er künstlerisch profitierte, auch im Bett. Unmündig waren diese Frauen sicherlich nicht, nein, wer lässt sich schon gern freiwillig k.o. tropfen?
#41 Blog Volksbühnenschauspieler: Selbstdekonstruktion misslingtFlohbär 2009-11-18 10:54
@36: Danke für den Ratschlag, bester 123. Ich versuche auch ständig, mich zu dekonstruieren, doch es will mir nicht gelingen: es kommt immer eine Konstruktion zustande. Sollte mir dieses Vorhaben einmal gelingen, dann befände ich mich vielleicht auf dem Level von Castorf, sofern er sich in diesem Terrain überhaupt auskennt. Dazu bräuchte ich allerdings das Medium des Theaters, das, wie ich von Frau Ratte-Polle erfuhr, der Pest vergleichbar, zu den untersten Tiefenschichten der Seele führt.
123, es sind ja heftige Bettgeschichten, die Sie sich da zu Gemüte führen. Kämpfende Amazonen und eine liebestolle Königin Penthesilea, die ihren angebeteten Achill zerreißt. Einen sanften Schlummer bekommen Sie dabei wohl kaum. Castorf hatte, soweit ich informiert bin, Penthesilea nie im Programm, da mussten Sie zu Perceval ausweichen.
#42 Blog Volksbühnenschauspieler: welcher Nancy-Text bitte?frage an johanna 2009-11-18 12:15
welcher text ist das bitte von nancy ? das interessiert mich auch
mfg
#43 Blog Volksbühnenschauspieler: dieser Nancy-TextJohanna Dark 2009-11-18 12:54
@ 42: Jean-Luc Nancy (2007): "Die herausgeforderte Gemeinschaft", Zürich-Berlin, diaphanes.
#44 Blog Volksbühnenschauspieler: Käpt'n Castorf123 2009-11-18 22:05
Liebe Jeanne, lieber Flohbär, versinke gerade in Arbeit, bin ab Samstag wieder an Deck. Nur kurz..."Ahoi Käpt´n" so oder anders ruft Höbel Castorf an. Was für eine Rollenzuweisung. Warum nicht Lotse, Steuermann...oder sogar Leichtmatrose ? Da wird Castorf als Hoffnungsträger "positiv" vorgeführt. -
Penthesilea von Castorf würde ich mir schon wünschen. Aber ich habe künstlerisch keinen Einfluss auf ihn. (in aller Kürze hingeworfen)
#45 VB-Blog: Fabian Hinrichs gehört zu den Großen dazulink 2010-01-14 13:18
ich finde, fabian hinrichs sollte unbedingt noch in diesen blog aufgenommen werden. bei chetoune war er also, lese ich in der kritik. mit seiner rückkehr reiht er sich jedenfalls unter die großen dieses hauses ein.
#46 Volkbühnenschauspieler: was Essentielles vorschlagen@37 2010-03-21 23:10
was sie da vor einigen monaten zusammengestottert haben, ist dumm. bei Castorf ging und geht es nicht um irgendeinen xbeliebigen postenbesetzer. sie wagten es da über einen der bedeutensten theatermacher der deutschen theatergeschichte und der gegenwart zu urteilen. absurd!! glaubten alle, wie sie, ein künstler vom formate Castorfs, der im moment vielleicht nicht weiter weiß, sollte platz machen (ja, für wen denn bitte) - bringt jemand anderen rein, ich langweile mich so schrecklich - dann wäre das der totalabsturz. wenn sie, was ich bezweifle ideen, hätten, dann sagten sie besser was essentielles vor und quatschten nicht so unqualifiziert daher!!
#47 Volksbühnenschauspieler*innen: DankeHans Zisch 2018-01-29 20:03
Aktueller denn je! Danke, Tim Renner. Danke, Chris Dercon.

Kommentar schreiben