Männer unter sich

 von Michael Laages

 Hamburg, 19. November 2009. Seit Elfriede Jelinek sich diesen spielerischen, kleinen Text aus ziemlich weit entfernter Zeit vorgenommen hat, und seit sich deren Übersetzung durchaus als Nach-Dichtung lesen und inszenieren lässt, stößt Oscar Wildes "Bunbury" wieder auf stark gestiegenes Interesse in den Theater-Dramaturgien; und nachdem das Stück bis dahin in den Spielplänen ein eher kümmerliches Dasein gefristet hatte, vorzugsweise als Bewährungsprobe für Regie-Nachwuchs und Assistenten, nahm sich auch Falk Richter in Wien dieses Nebenwerks im Sprachkosmos der Nobelpreisträgerin aus Mürzzuschlag an.

Anna Bergmann darf mit Fug und Recht noch als Nachwuchs gelten, aber allein ihr Mut zu ausgefallenen Themen (wie Vicky Baums "Menschen im Hotel" oder "Alice im Wunderland" nach Lewis Carroll, beides erarbeitet für das Schauspielhaus in Bochum) hat schon beträchtliches Aufsehen erregt. Und so haben auch sie und ihre Risikofreude Eingang gefunden ins Auftaktprofil der neuen Intendanz von Joachim Lux am Hamburger Thalia Theater: mit Oscar Wildes "Bunbury" eben, mit und dank Jelinek unter dem demonstrativ wortspielerischen Titel "Ernst ist das Leben" im Angebot.

Selbstbeschau der Geschlechter
Damit dabei nun aber auch etwas ganz Besonderes heraus kommen würde, und nicht etwa einfach nur eine passable, vielleicht sogar ganz heitere Inszenierung über ein (Pardon!) nettes Nichts, hat Bergmanns Team sich offenbar intensiv mit einer Konzeption beschäftigt. Und schlussendlich scheint es in diesem Bemühen zu der (eher nahe liegenden) Erkenntnis gelangt zu sein, dass das smarte Spiel um zwei ziemlich alt-englische Dandys (die sich jeweils Zweit-Persönlichkeiten als formidables Alibi fürs eigene, erotisch reichlich rumtreiberische Ich erfunden haben) sowie deren recht spleeniges Umfeld mit Nichten, Pfarrern und Matronen mit und durch Jelineks Bearbeitung zur verschärften Selbstbeschau der Geschlechter mutiert ist.

Konsequenterweise erfinden bei Bergmann deshalb nicht nur die Herren Worthing und Moncrieff das "alter ego" für die kleine Lustpartie zwischendurch (oder auch nur, um mit grässlichen Tanten nicht essen gehen zu müssen), darüber hinaus sind auch (fast) alle anderen Profile erfunden. Vor allem die weiblichen – sämtliche Damen sind drall und drastisch mit Herren besetzt, mit allem dazu gehörenden Fummel, Flitter und Firlefanz. Nur der Herr Pfarrer darf der HERR Pfarrer bleiben.

Unglaubliche Lüftungen
Da diese Grundidee aber vom boulevardtauglich-heiteren Geschlechter-Raten aus auch zu schmerzlichen Erkenntnissen führen soll, werden die feine Miss Gwendolen und das zarte Mündel Cecily gegen Ende von den jeweils falschen Ernst-Verehrern nicht nur beinahe vergewaltigt, sondern die Fummel-Jungs im Hamburger Thalia-Ensemble werden auch quasi komplett ihrer aufwendigen Verpackungen entkleidet; und obwohl eigentlich halbwegs versöhnende Paarbildungen (und unglaubliche Lüftungen noch unglaublicherer Geheimnisse) am Ende von Original und Bearbeitung stehen, bleibt in Hamburg doch rundum nur heulendes Elend auf der Walstatt der Geschlechterschlacht zurück.

So weit, so nachvollziehbar – in der Theorie. In der Praxis bricht Bergmann ein abendfüllendes Ballett der Nervensägen vom Zaun. Sebastian Rudolph und André Szymanski lassen vom ersten Ton an keinen Zweifel an der Grund-Vereinbarung der beiden Freunde John und Algernon – und schieben so nervötend und improvisiert wie's nur eben geht die gaaaaaaanz schwer verschwuchtelte Schwesterwelle vor sich her.

Jelineks absichtsvoll missverständliches Gealber und hyper-erotisiertes Geblödel aus den tieferen Tiefen der Wortspielhölle gibt ihnen die Steilvorlagen zwar im Dutzend noch billiger, die beiden Protagonisten exekutieren sie allerdings derart demonstrativ haltlos und unordentlich, dass das Premierenpublikum den Pointen reihenweise auf offener Bühne beim Verrecken zusehen kann.

Ein Ablenkungsmanöver
Dann kommen die schnuckelig verpackten Herren als Damen dazu (Daniel Lommatzsch und Jörg Pohl, Hans Kremer und Matthias Leja), und obwohl sie alle (speziell die beiden etwas älteren) mächtig viel Haltung bewahren, fast bis an den in der Tat abenteuerlichen Punkt, wo es ja vielleicht tatsächlich mal egal wäre, welches Geschlecht gerade was darstellt, dehnt sich der Abend immer quälender zum plumpen Fummel-Ulk. Und es wird auch nur länger und nicht schöner dadurch, dass alle Damen/Herren in der Kunst des Karaoke-Singens geschult worden sind, also zum Playback mehr oder minder vertraute Liedlein trällern.

Und merkwürdig – schon der Blick auf die Ausstattung lässt ahnen, wie sehr das Team dem Stück vertraute: Jo Schramms immens opulente Bühne (zwei Podien im Saal, mit hohlem Golfball und ebensolcher Partyglitzerkugel samt kleiner Gartenanlage als überdimensionierten Spiel-Orten und dazwischen wir auf goldfarbenen Drehstühlen) sowie die voluminösen Kostüme von Claudia Gonzales Espindola wirken wie ein abendfüllendes Ablenkungsmanöver.

Viel hat Bergmann also offenbar nicht in der Hand gehabt, um aus Oscar Wildes kleiner Fingerübung selbst mit Jelineks Unterstützung ein großes Kaliber zu zaubern – einmal rein gepikst in das aufgeblasene Spektakel, und die Luft ist raus.

 

Ernst ist das Leben (Bunbury)
von Oscar Wilde, Deutsch von Elfriede Jelinek nach der Übersetzung von Karin Rausch
Regie: Anna Bergmann, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Claudia Gonzales Espindola.
Mit: Sebastian Rudolph, André Szymanski, Julian Greis, Hans Kremer, Daniel Lommatzsch, Jörg Pohl und Matthias Leja.

www.thalia-theater.de


Mehr zum Thalia Theater in dieser Saison im nachtkritik-Archiv: Zur Eröffnung gab's 2beornot2be von Luk Perceval, danach inszenierte er The Truth about THE KENNEDYS. Außerdem besuchten wir das Judasevangelium von Kornél Mundrcuzó, Jan Bosses Fassung von Ibsens Peer Gynt, Nicolas Stemanns Inszenierung von Lessings Nathan der Weise, die von Christiane Pohle inszenierte Marx-Saga nach Juan Goytisolo und zuletzt Cornelia Rainers Richard II. als Solo für Sven-Eric Bechtolf.

Kritikenrundschau

Als frivol-unterhaltsam, originell und absolut sehenswert lobt Debra Skerra in Die Welt Online (21.11.) die Inszenierung. Nicht nur, dass sie darin Elfriede Jelinek als überzeugende Seelenverwandte Oscar Wildes entdecken konnte. Auch der Travestie (Regisseurin Anna Bergmann hat alle Rollen mit Männern besetzt) bescheinigt sie eine gelungene Komik. Eindruck hat auf die Kritikerin auch Jo Schramms Bühne gemacht. Nur die Schlußszene wird für überflüssig erklärt.

Gemischt bis schlecht ist der Eindruck, den eine mit "asti" unterzeichnete Kritik im Hamburger Abendblatt (21.11.) vermittelt. Denn obwohl Elfriede Jelinek an der Fassung mitgewirkt habe, verschwänden all die schönen bösartigen bis hintersinnigen Spitzen hinter Kostümklamauk. Darin gibt es für "asti" zwar durchaus ein paar wenige ironische Momente. Grundsätzlich jedoch komme der Plot höchst schleppend in Fahrt, ermüde auch manches Liedchen.

 
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