Der Hass der Diven und ihre Voyeure

von Simone von Büren

Zürich, 20. November 2009. Diven bewundert man für ihr Talent. Und man fürchtet sie wegen ihrer Launen und exzentrischen Allüren. Beispiele gibt es genug – vor allem aus Hollywood. Bette Davis und Joan Crawford etwa. Entsprechend anstrengend müssen 1962 die Dreharbeiten für Robert Aldrichs "What ever happened to Baby Jane" gewesen sein, in denen die beiden, die hinterher nie wieder gemeinsam im Film auftraten, Jane und Blanche Hudson verkörperten, zwei Schwestern, die den Rausch des Ruhms kennen: Jane wurde als Kinderstar "Baby Jane" gefeiert, dann von Blanche überflügelt, die aber in Folge eines mysteriösen Autounfalls im Rollstuhl landete und dadurch vollständig abhängig wird von Jane, die dem Alkohol verfallen und zunehmend unberechenbar geworden ist.

Neumarkt-Co-Intendantin Barbara Weber und Dramaturg Carl Hegemann haben den Film fürs Theater bearbeitet und damit eine dritte Diven-Ebene beigefügt: Yvon Jansen als Blanche und Mira Partecke spielen nun die Diven, die Diven spielen. Der einzige Unterschied zu ihren Vorgängerinnen ist, dass sie dabei jünger und alles andere als am Ende ihrer Karriere sind.

Anfahrt ins Einfamilienhaus
Als Bühne und Set der raffinierten Auseinandersetzung dient ein biederes, zum Abbruch bestimmtes Einfamilienhaus in Zürich Altstetten, das man in eher umständlicher Anreise im Extratram samt Prosecco und Strassenmusiker erreicht. Im heruntergekommenen Haus herrscht eine morbide Stimmung. Durch eine schmierige Küche voller Whiskeyflaschen gelangt man in eine mit weißem Teppich ausgelegte, sonst eher uncharmante Werkstatt und wird mit Blick auf eine lange Fensterfront platziert.

Gekonnt changiert Webers Inszenierung zwischen Film und Theater, Unmittelbarkeit und Übertragung. Zu Beginn sieht man etwa – auf die Lamellen der Fensterfront projiziert – wie sich die Damen einen von Blanches Filmen im Fernsehen ansehen. Blanche kommentiert die Schnitte, Jane sagt, sie solle den Mund halten. Kurz darauf donnert Jane die Treppe hinunter, durch die Küche vors Publikum und verkündet Blanche sei behindert und könne leider nicht runterkommen. Über Film wird sie aber eingeblendet und spricht direkt in die Kamera.

Leinwandkampf und Überwachungssystem
Die live gefilmten Szenen dienen nicht nur dazu, das Geschehen im oberen Stock und außerhalb des Hauses zu vermitteln. Durch die Projektionen von Blanche entsteht auch der Eindruck eines hausinternen Überwachungsystems, das den Eindruck von Blanches Ausgeliefertsein verstärkt, aber auch Janes Ego-Performances im Erdgeschoss immer wieder untergräbt. Im Leinwandkampf der Stars auf der privaten Intercom wird das Intimste entblößt, und noch das langsame Sterben ist Performance.

Laut Programmheft ist " 'Baby Jane' ein Dokument für das Weiterbestehen familiärer Abhängigkeiten und Zwänge über die Auflösung des hierarchischen Zwangsverbands des traditionellen Familienbildes hinaus". Neben der Hassliebe der Schwestern wird denn auch eine ungesunde Mutter-Sohn-Beziehung aus dem Film eingebaut und forciert als etwas präsentiert, was gerade in der Nachbarschaft geschieht. Was aber in Weber'scher Tradition viel stärker im Zentrum steht und fasziniert sind die Diven: Ihre Spannungen und Abgründe, Eifersucht und Rivalität, Selbstinszenierung und unendliche Einsamkeit, das Verschwimmen von Ich und Rolle.

Show bis zum bitteren Ende
Dieses Spannungsfeld loten die hervorragenden Darstellerinnen, beschwingt unterstützt von Sigi Terpoorten, lustvoll aus. Jansen als gefasste, elegante, ergreifende Blanche. Partecke als fragil unberechenbare Jane, die mit Blanches Vögelchen turtelt, um es im nächsten Moment kaltblütig totzuhauen und dann der Schwester hysterisch verzweifelt vom Verlust zu berichten. Dabei verliert sie nie die Distanz zu ihrer Figur – alles ist Spiel, alles ist Show bis zum bitteren Ende. Das ist unheimlicher als der oberflächliche Grusel, den Thriller-Soundtrack, Keller und Blut am Schluss heraufbeschwören sollen. Unheimlich sind außerdem die Momente, in denen die Zuschauer allein zurückgelassen werden, den Geräuschen im Abbruchhaus ausgeliefert und konfrontiert mit ihrer dubiosen Position als passive Voyeure und Komplizen Janes.

Baby Jane
von Barbara Weber und Carl Hegemann
nach Motiven des Films "What ever happened to Baby Jane"
Regie: Barbara Weber, Bühne: Michel Schaltenbrand, Kostüme: Jutta Bobbe, Video: Georg Lendorff, Musik: Martin Bezzola, Dramaturgie: Rahel Bucher.
Mit: Mira Partecke, Yvon Jansen, Sigi Terpoorten, Elvira Isenring.

www.theaterneumarkt.ch


Mehr zu Barbara Weber im nachtkritik-Archiv: Weniger geglückt war ihre Inszenierung von Goethes Wahlverwandtschaften im September 2009 am Berliner Gorki Theater. Im März 2009 brachte sie eine präzise wie fröhlich-verzweifelte Theaterfassung von Lew Tolstois Anna Karenina heraus, die dem heutigen Glücksanspruch auf den Zahn fühlte. Ihr Projekt Die Lears entstand im Juni 2008 bei den Wiener Festwochen.

 

Kritikenrundschau

Im Tages-Anzeiger (23.11.) bekennt sich Simone Meier zu ihrer Liebe zum Neumarkt-Theater in Zürich, und doch gehöre die neue Produktion "Baba Jane" "ein wenig gerüffelt: Barbara Weber und der Berliner Dramaturg Carl Hegemann haben aus dem 132-minütigen Film eine Stückfassung fast in Originallänge gemacht" und da gebe es "so gut wie nichts Neues im Westen von Zürich. Das ist bei dieser Vorgabe (...) dann doch erstaunlich." Vielleicht jedoch funktioniere Barbara Webers Inszenierung besser, "wenn man den Film nie gesehen hat, aber so lahmt sie besonders in der zweiten, an sich spannenderen Hälfte, und man sucht verzweifelt nach dieser Sache namens Mehrwert, von der Weber bei ihrer 'Anna Karenina'-Bearbeitung und ihrer 'Hair'-Adaption in der letzten Saison noch so viel zu bieten hatte." Es fehle hier "jenes Weber'sche Feuer und Fieber, das sonst die Vorlagen mit intellektuellen kleinen Explosionen auszustatten weiss, das sie so sinnlich und rückhaltlos eindringlich macht."

Laut Tobias Hoffmann in der Neuen Zürcher Zeitung (23.11.) erteile uns Barbara Weber mit "Baby Jane" "eine erstklassige Lektion, was performen heisst. Sie tut dies, indem sie uns zwei Schauspielerinnen dabei zuschauen lässt, wie sie zwei Schauspielerinnen spielen und dabei weder ganz der gespielten Rolle noch der spielenden Schauspielerin noch dem Publikum gehören, sondern sich in einem Graubereich dazwischen bewegen." Mira Parteckes Auftritte als Jane seien "eine monströse Selbstinszenierung zwischen Charme, Hysterie, Bosheit und Ironie mit Ansprachen ans Publikum, Kommentaren und erzählenden Passagen, also einer Fülle von Verfremdungseffekten – und paradoxerweise spielt sie so gleichzeitig von der Figur weg und direkt in ihr Wesentliches, den psychotischen Wahn, hinein." Und auch Yvon Jansens "Opfer- und Leidensfigur" der Blanche falle "sofort aus ihrer Rolle, wenn sie Publikum wittert, und findet gerade dann zu ihrem Kern." Blödelfrei sei die Produktion allerdings nicht. "Und streckenweise erscheint ihre virtuose, durch vielfache Brechungen gekennzeichnete Erzählweise als Selbstzweck." Doch in der Summe zeige die Regisseurin "mit viel Witz, welch zäher Trieb das Buhlen um einen Platz im Scheinwerferlicht ist."

 

 

 


 
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