Mit der Faust im Mund

von Lena Schneider

Edinburgh, 3. August 2007. Noch gehört die Stadt den Schotten. Noch. Streift man Anfang August durch Edinburgh, fühlt sich das, trotz des beharrlichen Sommerwindes, an wie die Ruhe vor dem Sturm. Spätestens ab Mitte August, zur Hochzeit des Edinburgh Festivals, werden Schotten und Schottisches hier zur Rarität werden, dann schwappt die Welt in diese sonst eher betuliche, granitene Stadt und ihre Einwohner (knapp eine halbe Million) werden zur ebenso bestaunten Attraktion wie ihre Royal Mile oder die Princes Street.

Das 61. Fringe Festival, das am Montag offiziell beginnen und damit die erste Besucherwelle lostreten wird, ist dabei nur ein Standbein des Festivalgiganten Edinburgh. Auf das Jazzfestival, das am Montag zu Ende geht, folgt neben dem Fringe Festival das International Festival, ein Bücherfestival, ein Filmfestival und eine Dudelsackbegleitete Militärschau, das Military Tatoo. Seit 1947 jedoch, als diese Flut mit dem ersten International Festival ausgelöst wurde, steht das Theater im Mittelpunkt.

Verlässliche Schatzgrube 

Anderthalb Millionen Eintrittskarten verkaufte allein das Fringe Festival im letzten Jahr, 2007 werden es vermutlich noch mehr sein. Der Gigant scheint mit sich selbst im Wettstreit zu stehen. Insgesamt 2.050 Aufführungen verschiedenster Genre verspricht das Festivalprogramm. Längst ist es unmöglich geworden, beim Fringe den Überblick zu behalten, Sehenswertes auch nur ansatzweise auszuschöpfen. Und dennoch gibt es zumindest verlässliche Schatzgruben.

Das Traverse Theatre gehört seit den 60er Jahren dazu, es gilt als wegweisend und Masstab setzend nicht nur in der schottischen, sondern auch in der britischen Theaterszene. In die Ruhe vor den Festivalsturm hinein setzte das Traverse gestern, noch zwei Tage vor offiziellem Festivalbeginn, "Pit", eine Inszenierung der Arches Theatre Company aus Glasgow. Das Stück der jungen schottischen Autorin Megan Barker ist der in drei Frauenstimmen zerlegte Monolog von Myrtle Jackson: Amerikanerin, Hausfrau und Mutter eines zum Tode verurteilten Mörders. Die Geschichte basiert auf der 2001 in Indiana vollzogenen Hinrichtung von Jerry Bivins.

Das kleine Leben 

Nicht um den Mörder geht es jedoch in "Pit", sondern um den absurden Versuch, Leben auf ein reduzierbares Maß zu verkleinern. "Pit" – das kann Magengrube heißen, oder auch Knast. Passend also, dass die drei Myrtles in von der Autorin entworfenen Bühne hinter Kochplatten wie zum Hausarrest abkommandierte Sträflinge stehen – nicht nur die blauen Schürzen erinnern an Häftlingskleidung, auch die präzise abgestimmten Bewegungen: Regisseur Neil Doherty schnürt die drei fest ein in ihre Choreographie, überlässt nichts dem Zufall.

Fleischbällchen als Überlebensprinzip

Kein Zweifel, frei sind diese Frauen – ist diese Frau – nicht. Sie weiß genau, was sie darf, was nicht: "First I wash the onions. No: first I wash my hands" , erläutert eine der drei zu Beginn. "Of course", erwidern die anderen unisono, halb zurechtweisend, halb unterstützend. Die dreigestaltige Myrtle klammert sich an Prinzipien, Rezepte, Ordnung: an der vorgabengemäßen Zubereitung einer Speise hangelt sie sich durch das innere Chaos. Fleischbällchen als Überlebensprinzip. Mit Speisen versucht Myrtle Jackson ihren Sohn für sich zu gewinnen, der auch als erwachsener Mann ihr "Baby" bleibt. Mit Essensentzug straft sie ihre Kinder, indem sie ihnen den Finger in den Rachen steckt. Womöglich der Versuch, die kindliche Abhängigkeit von der Mutter künstlich aufrecht zu erhalten? 

Die eigenen Tränen essen

Glücklicher Weise versucht Megan Barkers Stück nicht, zu erklären, was ihre Protagonistin tut. Es begnügt sich damit, zu zeigen, was sie empfindet, in aller Unverständlichkeit. Myrtle schläft mit der Faust im Mund. Myrtle weint nur, wenn sie Zwiebeln schneidet – und genießt es dann, ihre eigenen Tränen zu essen. Essen und Essenszubereitung werden so zur Persiflage auf die amerikanische Familienidylle, zum masochistischen Werkzeug der Mutter im Kampf um Zuneigung. Familienessen stehen in "Pit" nicht mit Harmonie in Verbindung, sondern mit Verdrängung oder, häufiger noch, mit Brechreiz. "Pit" zeigt, dass nicht Myrtle als Mutter versagt, sondern vor allem das System, in dem sie lebt: dort wo sie Lösungen nicht finden kann, hat auch die Gesellschaft keine zu bieten.

Die Regie von dem Glasgower Neil Doherty unterstützt diese Widersprüchlichkeit, ohne sie lösen zu wollen und unterlegt sie mit teilweise grimmigem Humor. Was entsteht, ist bedrückendes, unsentimentales, kritisches Theater, das neugierig auf weitere Arbeiten des Regisseurs, vor allem aber gespannt auf das Festival macht. Immerhin ließ das Festivalbüro stolz einen weiteren Rekord verkünden: 2007 seien mehr schottische Künstler denn je vertreten. Soll der Sturm kommen.

 

Pit
von Megan Parker
Arches Theatre Company/Traverse Theatre, Glasgow
Regie/Sounddesign: Neil Doherty; Licht: Rob Watson.
Mit: Yvonne Caddell, Ray Farr, Patricia Kavanagh.

www.thearches.co.uk
www.traverse.co.uk
www.edfringe.com

 

 
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