Eine Art Gegen-Kolonisation

von Guido Rademachers

Aachen, 20. November 2009. Ausstatter Knut Klaßen wird sich für das Bühnenbild nicht allzu sehr den Kopf zerbrochen haben: auf die kleine Spielfläche der Aachener Kammer hat er eine Wand mit großen Fotos geschoben. Sonst nichts. Die Fotos sind in Schwarzafrika aufgenommen und zeigen ein am Straßenrand ausgeübtes magisches Ritual.

Hinter der Wand kommt in Turnschuhen, Jeans und Hemd die Schauspielerin Elke Borkenstein hervor, stolziert vor dem Publikum auf und ab und erzählt die Geschichte von einer jungen Frau, die sich gut zu kleiden versteht, ein Zuchtschwein besitzt, Blut von ungetauften Kindern lagert und auf einem Besen reitet. Da ist die Frau dann allerdings schon alt, und Elke Borkenstein wackelt dazu passend mit vorgeschobenem Kinn, Gichthänden und gekrümmtem Rücken über die Bühne, auf der Suche nach dem von Klaßen natürlich nicht gebauten Knusperhäuschen.

Achselhaare, Schamhaare, Menstruationsblut
Ausgerechnet die Hexenszenen aus Macbeth, die manches Theater am liebsten ins Weihnachtsmärchen auslagern würde, bilden den alleinigen Dreh- und Angelpunkt in Monika Gintersdorfers 100 Minuten langer Shakespeare-Reduktion. Das Fremde der Szenen kommt der Regisseurin gerade recht. Es führt nämlich unmittelbar zu zwei Darstellern, die mit dem Magischen offensichtlich tatsächlich etwas anfangen können.

Gotta Depri und Gintersdorfers Dauer-Akteur Franck Edmond Yao sind Tänzer und kommen von der Elfenbeinküste. Depri erklärt Elke Borkenstein auf Französisch, was man für ein Ritual braucht, um eine Rivalin zu töten. Borkenstein steht daneben und übersetzt: "Achselhaare, Schamhaare, Menstruationsblut…" Sie blinzelt irritiert ins Publikum. Ein bisschen sehr gesetzt: die Hilfe suchende Verunsicherung ist gespielt. Sie bedient ein Klischee, genau wie die Darstellung der Hexe ein Klischee bediente. Doch welche Klischees bedient Depri? Die Inszenierung ist an einer Klärung nicht interessiert. Sie ordnet das Fremde nicht ein.

Großdrama in Kleinststücken
Das Verfahren ist subversiv: In einer Art Gegen-Kolonisation eignen sich die Performer aus Afrika europäische Hochkultur an. Sie assoziieren eigene Situationen zu Motiven aus Shakespeares Drama, tanzen und halten ihre Reden. Ohne jedoch zur Rede gestellt zu werden. Das Gesprochene wird von deutschen Schauspielern übersetzt, die Bewegungen werden imitiert. Soweit sie es können. Die Differenz zeigt sich nicht in der Konfrontation, sondern im Spiegelbild.

In Aachen realisierten die aus der Freien Szene kommenden Gintersdorfer und Klaßen 2005 zum ersten Mal ein gemeinsames Projekt an einem Stadttheater. Seitdem gibt es eine regelmäßige Zusammenarbeit. Nach "Othello - c'est qui" (auf Kampnagel) und Hamlet 7% (in der Box des Deutschen Theaters Berlin) zeigt das Theater Aachen jetzt mit "Macbeth – très très fort" die dritte multikulturelle Zertrümmerung von Shakespeares Großdramen in Kleinststücke.

Serienreife bewiesen wurde damit nicht. Zu notdürftig zusammengeklebt ist diesmal der Abend. Zu oberflächlich der Bezug zu Macbeth, von dem vielleicht gerade mal zehn Sätze Originaltext zu hören sind. Endlos ziehen sich Erzählungen über Kongos Ex-Diktator Mobutu und ein wirr improvisiertes Ende hin, bei dem einem auf die Bühne geholten Zuschauer eine Zukunft als Filmstar prophezeit wird. Klar hat auch das etwas mit Macbeth und den Hexen zu tun. Nur interessieren tut's nicht mehr.

 

Macbeth – très très fort (UA)
ein Projekt von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen
Inszenierung: Monika Gintersdorfer, Ausstattung: Knut Klaßen.
Mit: Elke Borkenstein, Gotta Depri, Franck Edmond Yao, Joey Zimmermann.

www.theateraachen.de

 

Mehr von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen im nachtkritik-Archiv: im Oktober 2009 erarbeiteten beide in der Box des Deutschen Theaters 7 % Hamlet. In Aachen inszenierte Gintersdorfer im Oktober 2008 Afterdark nach dem Roman von Haruki Murakami. Ihre Stücke Othello c'est qui und Betrügen sind 2009 zum Festival Impulse eingeladen.

 

Kritikenrundschau

"Gut gemeint, aber rätselhaft", findet Sabine Rother Ginterdorfer und Klaßens Macbeth-Vignette "Macbeth très très fort". In den Aachener Nachrichten (23.11.) schreibt Rother: Gintersdorfer und Klaßen überstrapazierten die Bereitschaft des Publikums, sich mit ausgefallenen ästhetischen Projekten zu beschäftigen. Deshalb knallten selbst gutwillige Zuschauer am Ende mit den Türen. Es sei gut gemeint, "den Extrakt aus Mord, Machtwillen und Magie in William Shakespeares «Mac-beth» mit der politischen Geschichte der Elfenbeinküste zu verknüpfen". In der Inszenierung kämen "intensiv körperliche, sogar artistische Fähigkeiten zum Einsatz". Wie der Doppeltext deutsch/ französisch könne das "die Szene beleben", auf Dauer jedoch sei die Botschaft "Hexenglauben, Hexenpraktiken und Beschwörungen" sind nicht auf Shakespeares Gestalten beschränkt, "mühsam und langatmig".

 
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