Von der Zumutung des Sterbens

von Georg Kasch

München, 21. November 2009. Das hatte man dem längst totgesagten Theaterfuchs Dieter Dorn schon nicht mehr zugetraut, dass er – jenseits der wenigen Uraufführungen an seinem Haus wie Schimmelpfennigs "Idomeneus" 2008 – ein zur Zeit passendes Stück finden und spannungsreich auf seine Residenztheater-Bühne bringen würde. Und nun ausgerechnet Euripides’ "Alkestis", dieser etwas statische Zwitter aus Drama und Satyrspiel über die Opferbereitschaft einer Ehefrau und Preis der Gastfreundschaft zugleich.

 

Bis Raoul Schrott es in federnder Sprache heutig zuspitzte. Dorn folgt dem Nach-Dichter, bei dem König Admetos nicht das überforderte Opfer eines Gottesgeschenks ist (dass nämlich ein anderer für ihn sterben darf, und nicht Vater oder Mutter, sondern seine Frau einwilligt, für ihn ins Totenreich einzugehen). Sondern ein Egoist und Tyrann von der übelsten, weil weinerlichen Sorte: Michael von Aus Härte kippt ins Groteske, als er seiner Frau vorwirft, ihn mit den Kindern und dem Haushalt alleine zu lassen.

Best of Tod
So entwickelt sich vor Jürgen Roses rostroter Königsburg mit Totenhaus-Charme und imposantem Klapptor das Lebewohl zum Scheidungskampf, bei dem die Kinder als Verfügungsmasse zwischen Mutter und Vater herumgestoßen werden. Die stolzen Forderungen – ewige Treue und der Verzicht auf eine erneute Heirat – , die die verbitterte, fiebernde Alkestis Sibylle Canonicas ihrem Gatten abtrotzt, sind ebenso anstrengend wie die Zumutungen anderer öffentlich Sterbender oder Todkranker: die Medien-Stars Jade Goody und Farrah Fawcett, in mancher Hinsicht auch Regisseur Christoph Schlingensief oder Spiegel-Autor Jürgen Leinemann. Er ist wieder da, der Tod, der sich scheinbar aus der Mitte der Gesellschaft verabschiedet hatte, erbarmungslos, beängstigend, enervierend. Auch bei Schrott, dessen interpretierende Übersetzung ein Best of zum Thema aus Bibel, Sprichwort und Dichterwort versammelt.

Klar, dass da der König, der den eigenen Tod eine andere sterben lässt, nicht gut wegkommt: Sein Vater (beeindruckend: der 84-jährige Rudolf Wessely mit knorrigem Greisenwitz), dem er die Schuld an Alkestis’ Tod in die Schuhe zu schieben versucht, weil er sich trotz seines Alters nicht opferte, kontert mit dem Vorwurf von Feigheit und Selbstmitleid. Das sitzt. Und führt zur Katharsis, für die Admetos am Ende eine zweite Chance bekommt, mit der Mahnung von Herakles und dem dreiköpfigen Chor im Gepäck, dass jeder eine Lebens-Suppe besitzt, die man gefälligst selbst auszulöffeln hat.

Rech ist Trumpf
Bis auf kleinere Durchhänger erzählt Dorn die Geschichte in spannenden 120 Minuten, garniert sie mit wenigen, aber kraftvollen Bildern (zum Beispiel, wenn zu Beginn der schwarz geflügelte Thanatos mit dem gold-weißen Apollon im Nebel kämpft), treibt die Handlung voran zwischen weißer Brandmauer und oft erleuchtetem Parkett, das von einem Laufsteg geteilt wird, gliedert die Szenen mit Sanni Orasmaas esoterischen Vokalisen. Sein größter Trumpf allerdings ist Felix Rech, ein drahtiger Apollon, der Thanatos mit seinem übermütigen Verhandlungsgeschick fast um den Finger wickelt und sich auch als ironischer Herakles von einer biegsamen Präsenz und Körperlichkeit erweist, die strotzende Kraft aus dem Spiel heraus beglaubigt. So wird aus diesem "Memento mori"-Diskussionsbeitrag ziemlich lebendiges Theater.

 

Alkestis
nach Euripides von Raoul Schrott
Regie: Dieter Dorn, Ausstattung: Jürgen Rose. Mit: Sibylle Canonica, Michael von Au, Ulrich Beseler, Shenja Lacher, Felix Rech, Arnulf Schumacher, Helmut Stange, Rudolf Wessely und Sanni Orasmaa.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Zuletzt berichtete nachtkritik.de über Dieter Dorn anlässlich seiner Uraufführung von Botho Strauß' Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau im April 2009 und seiner Inszenierung von Sean O'Caseys Das Ende vom Anfang, Weihnachten 2008 im Cuvilliéstheater.

 

Kritikenrundschau

Die Süddeutsche Zeitung (23.11.2009) hat den Klassischen Philologen und Sachbuchredakteur Johan Schloemann zu Dieter Dorns "Alkestis"-Inszenierung am Münchner Residenz-Theater geschickt. Schloemann stellt den selbstmitleidigen "Versager" Admet an den Beginn seiner Argumentation und konstatiert, dass Dieter Dorn entschlossen sei, "diesen fragwürdigen Admet möglichst vorurteilsfrei auf die Bühne zu stellen". Das sei "keine leichte Aufgabe für dessen Darsteller Michael von Au". In der Szene mit dem vom "großen alten" Rudolf Wessely dargestellten Vater Pheres gelinge es von Au aber, "Admets atemberaubende Ungerechtigkeit, seine kalte Brutalität dem Vater gegenüber aus seiner Trauer wenigstens verständlich zu machen. Die Wirkung ist gewaltig: Admet ist eigentlich eine Null. Aber die moralische Null in uns, sie fühlt doch mit." Eine "ähnliche Intensität des Mitgefühls" habe man sich zuvor in der Sterbeszene der Alkestis gewünscht, doch die "großartige Sibylle Canonica" treffe "im Sterben leider den Ton nicht", wie überhaupt die erste Hälfte der Inszenierung "insgesamt etwas Herausgepresstes, Hektisches, Aufgesetztes" habe; "das kann sich geben, und es gibt sich auch – aber wenn kein Mitleid mit Alkestis aufkommen will, dann droht die ganze Höhe und Tiefe des Stücks planiert zu werden."

Gerhard Stadelmaier befindet in der Frankfurter Allgemeinen (23.11.2009), Raoul Schrott habe die "Alkestis" des Euripides "in eine in jeder Hinsicht klein geschriebene Fassung gebracht", und der Kritiker kann dem dichtenden Übersetzer sogar Grammatikfehler nachweisen. Schrott treffe "als kleiner Dichter den großen, alten Mythos, in dem das Menschenunmögliche: die Auferstehung von den Toten, ins Menschenmögliche gezogen wird, höchstens in den Anekdoten-, nicht in den Wesenskern. Es ist nicht nur sprachlich eine flapsige Lausbüberei." Regisseur Dieter Dorn nehme nun, "was er immer tut, die Vorlage (mehr ist das hier nicht) beim Wort. Er zeigt Schrotts Lausbüberei – eben als Veranstaltung von Lausbuben. Das ist schon komisch. Es sind kleine, halbstarke, fast noch pubertierende Lümmel von der letzten Mythosbank. (...) Buben, zu klein für das große Rad, das der Mythos hier dreht." Sibylle Canonica als Alkestis hingegen sei: "Ganz wehe Größe, flammender Schmerz, nahe am Irr- und Wahnsinn einer Opferhandlung, die sie auf sich selbst nimmt." Von diesem Abend bleibe als Eindruck "diese starke Frau. Und ein schlau gewitzter Regisseur."

Ulrich Weinzierl von der Welt (23.11.2009) sieht in der Übertragung Raoul Schrotts "keinen Grund zur Aufregung", Schrotts Stilmischung scheine "durchaus legitim, ja erfrischend". Und Dieter Dorns Regie möge "für die einen altmeisterlich wirken, für die anderen so routiniert, wie es einem ewigen 'Staatsintendanten' wohl ansteht." Einen Vorzug aber habe Dorns Inszenierung gewiss: Sie führe "die Lieblosigkeit dieser vermeintlichen Liebesgeschichte vor Augen, in der alles von allen bloß auf- und abgerechnet wird: Leid und Schmerz und Trauer und die gestundete Zeit." Und das Sterben der Alkestis sieht Weinzierl so: "Ohne Zweifel beherrscht die Canonica die Nuancen des Verlöschens virtuos. Doch berührt sie keinen Moment, weil sie gleichsam auf Kothurnen krepiert. Und wenn wir ehrlich sind: Eigentlich ist die edle Alkestis eine Nervensäge."

Dieter Dorn habe "wieder einmal ein Stück arrangiert, ohne erkennbar eigene Zuspitzung", meint Christoph Leibold auf Deutschlandradio Kultur (21.11.2009). Es sei ja "durchaus gut, wenn man im Theater keine Antworten bekommt, sondern Fragen aufgeworfen werden. Aber wenn die einzige Frage am Ende einer Aufführung die ist, warum man sich ein zweieinhalb Jahrtausende altes Stück heute noch ansehen soll, dann ist definitiv etwas schief gelaufen." In Sibylle Canonicas Alkestis-Darstellung entdeckt Leibold "hoch artifizielles Spiel, mit weit ausholender Gestik" und einen "hohen Tragödien-Ton, der allerdings stark affektiert wirkt und pathetisch furchtbar hohl tönt". Und Miachael von Aus Admetos zerfließe "vor Selbstmitleid. Man kann die Rolle durchaus so anlegen. Nur drängt sich dann die Frage auf, wieso sich Alkestis ausgerechnet für diesen windelweichen Jammerlappen opfert?"

Aus der – Michael Schleicher formuliert es im Münchner Merkur (23.11.2009) provokant – "altbackenen Botschaft" des Euripides habe Dieter Dorn einen "spannenden, unterhaltsamen Theaterabend" gemacht: "Wie zeitgemäß klingt das, was der Hausherr zwei Stunden lang auf der Bühne des Münchner Residenztheaters verhandeln lässt. Von Patina keine Spur." Das liege zum einen an Raoul Schrotts "knackiger, klarer, behutsam modernisierter Fassung", zum anderen am Regisseur Dorn, "der stets konsequent Schnickschnack vermeidet, dem Text und seinen Darstellern vertraut, um auf diese Weise Stoffe befragen und ihre Bedeutung freilegen zu können." Michael von Au spiele dabei den Admetos "schwach bis zur Karikatur, hilflos bis zur Aggressivität", während Sibylle Canonica uns von Alkestis erzähle, "ohne viele Worte zu haben. Es erzählen ihre Blicke, Gesten, Körperhaltungen." Diesen Schauspielern folge man "auch gern durch die weniger starken Szenen dieses Abends".

Raoul Schrotts "luzide, packende Euripides-Nachdichtung" bewahre "in heutiger Sprache die große Form, sie spitzt zu und verschärft", schreibt Gabriella Lorenz in der Münchner Abendzeitung (23.11.2009). Dorn und sein Ensemble hingegen erzählten "in strenger Reduktion der Mittel auf das Wesentliche (...) das archaische Märchen von Tod, Leid, Liebe und Freundschaft." Kraftvoll und feinfühlig habe Dorn "ein zutiefst menschliches, existenzielles Drama inszeniert".

 

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