Der Jugendversteher

von Dirk Pilz

Berlin, 9. August 2007. "Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben. Das betrifft sowohl die Fragen der inhaltlichen Gestaltung als auch des Stils – kurz gesagt: die Fragen dessen, was man die künstlerische Meisterschaft nennt." Das sagte Erich Honecker auf der vierten Tagung des Zentralkomitees der SED im Dezember 1971, nachdem er im Mai zum Ersten Sekretär dieses obersten Gremiums der DDR gewählt worden war.

Ein Jahr später erschien in der März-Ausgabe der Ost-Berliner Zeitschrift "Sinn und Form" die Erzählung "Die neuen Leiden des jungen W." –  und es sollte sich zeigen, dass es für die "feste Position des Sozialismus" durchaus Tabus gab. Denn Ulrich Plenzdorf hat in dieser Geschichte, aus der später ein "Stück in zwei Teilen" wurde, mit einer Doktrin gebrochen: der Doktrin des "sozialistischen Realismus". Plenzdorf verstand sich selbst zwar als "von der Biografie und Tradition her rot bis auf die Knochen", diente aber keiner Bewusstseinsbildung der Leser im Geiste des verordneten Sozialismus mehr. Er verfasste diese Geschichte deshalb "für die Schublade", brauchte sie, um sich den Frust über die DDR-Verhältnisse von der Seele zu schreiben. Sie war für ihn, wie er bekannte, ein "Ventil". Dass die Buchausgabe – seinerzeit parallel in Ost- und West-Deutschland – überhaupt erscheinen konnte und von den DDR-Zensoren nicht aus dem Verkehr gezogen wurde, verwundert im Nachhinein noch immer.

Die Wirklichkeit der Arbeiterjugend

"Das Wichtige an Plenzdorfs Stück ist", meinte Schriftsteller-Kollege Stephan Hermlin damals, "dass es vielleicht zum ersten Mal (...) authentisch die Gedanken, die Gefühle der DDR-Arbeiterjungend zeigt." Die Geschichte des 17-jährigen Lehrlings Edgar Wibeau, der die vorgegebenen Bahnen seines Ausbildungsweges verlässt und am Ende bei der Konstruktion einer die Produktion erleichternden Erfindung umkommt, gehört zur so genannten "neuen Arbeiterliteratur": Der Text stellt den "wirklichen" Arbeiter, die "Wirklichkeit" der Produktionsverhältnisse vor und war damit ein deutlich gesellschaftskritisches Porträt der damaligen DDR-Jugend und zugleich Ausdruck einer "neuen Subjektivität" in der DDR-Literatur.

Edgar Wibeau wurde auf diese Weise zur Identifikationsfigur der ostdeutschen Jugend: kein positiver Held des Klassenkampfes, sondern ein Zweifler und Querkopf, der die vorgeschriebene Parteilinie verließ. Auch die polemische Abgrenzung durch die von Plenzdorf adaptierte Jugendsprache zu der damals idealisierenden Goethe-Rezeption führte zu teilweise (in "Sinn und Form" publizierten) heftigen Auseinandersetzungen. Seit dem Sommer 1972 wurde das Stück aber an vierzehn Bühnen der DDR mit großem Erfolg gespielt.

Die Uraufführung fand in der Regie von Horst Schönemann am 18. Mai 1972 im Landestheater Halle statt. Plenzdorf erinnerte sich später an den Premierenabend: "Es hat mich ziemlich umgehauen. Ich stand auf der Bühne mit den anderen, und es rauschte und rauschte und klatschte und wollte nicht wieder aufhören, und in der ersten Reihe saßen die Kulturfunktionäre, und die hatten rote Köpfe. Das war das, was mich am meisten amüsiert hat." Ulrich Plenzdorf hatte mit "Die neuen Leiden des jungen W." an mehreren Tabus gerührt.

Der Arbeitersohn

Plenzdorf wurde als Sohn eines Maschinenbauers in Berlin-Kreuzberg geboren. Bereits 1950 zog er von Westberlin nach Ostberlin um, wo er 1954 in Lichtenberg das Abitur bestand. Anschließend studierte er in Leipzig Marxismus-Leninismus und Philosophie am Franz-Mehring-Institut, verließ die Hochschule allerdings ohne Abschluss. "Was da lief, war dermaßen langweilig, dermaßen stur und verkrustet; mit Studium hatte das nichts zu tun. Das war reine Paukerei und Lehrbuchabschreiberei. Katastrophal, nicht auszuhalten. Zunächst hörte ich auf zuzuhören, dann kam der Entschluss wegzugehen. Es war allerdings nicht ganz einfach, wegzukommen: Marxismus-Leninismus kippen, das war Verrat. (…) Alles, was ich an Energie hatte, habe ich damals in dieses Kabarett gesteckt, geschrieben, gespielt, 'inszeniert'", sagte er in einem Interview vor fünf Jahren.

Plenzdorf, der Studienabbrecher. Er beging damit eine der Todsünden in der DDR. 1958 wurde er dennoch Mitglied der SED, nachdem er drei Jahre bei der DEFA als Bühnenarbeiter beschäftigt war: "Eigentlich habe ich“, sagte er, "was ich vom Filmemachen weiß, nur in diesen drei Jahren als Bühnenarbeiter gelernt." – und nicht auf der DDR-Filmhochschule in Babelsberg, die er ab 1959 besuchte.

Der erste eigenständige Film, für den er ein Drehbuch schrieb, "Karla" (Regie: Hermann Zschoche), wurde verboten und erfährt erst 1990 seine Erstausstrahlung. Seit 1963 arbeitete er dann als Szenarist und Dramaturg im Babelsberger DEFA-Studio. Ursprünglich als Drehbuch für die DEFA war übrigens auch „Die neuen Leiden des jungen W.“ geplant, jenes Stück, das im Februar 2007 eine bemerkenswerte Aktualisierung erfuhr: An der Neuen Bühne Senftenberg kam "Die neuesten Leiden des jungen W." von Jürgen Eick (nach Plenzdorf und Goethe) in der Regie von Steffen Pietsch zur Uraufführung.

Formal und inhaltlich weitergeführt hat Plenzdorf die mit den "Neuen Leiden" eingeschlagene Linie dann vor allem in der Erzählung "kein runter kein fern", für die er 1978 den Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen bekam. Bekannt geworden ist er darüber hinaus vor allem durch das Drehbuch für Heiner Carows Film "Die Legende von Paul und Paula" (1973), dessen Thema – das Scheitern einer Liebe an den gesellschaftlichen Verhältnissen – Plenzdorf 1979 in dem Roman "Legende vom Glück ohne Ende" wieder aufgriff.

Die Bühnenfassung der "Legende von Paul und Paula" wurde allerdings kurz vor der Premiere abgesetzt. Ulrich Plenzdorf reagiert mit einem Protestbrief an Erich Honecker. Erfolglos. Stattdessen geriet er immer stärker ins Visier der Staatssicherheit.

Der Drehbuch- und Dramenschreiber

Später schrieb er dann vor allem Drehbücher, etwa für die Verfilmungen von "Ein fliehendes Pferd" (nach dem Roman von Martin Walser, 1985), die Serie "Liebling Kreuzberg" (1992/1993) und den von Jo Baier verfilmten ARD-Dreiteiler "Der Laden" (1997); für das "Liebling Kreuzberg"-Buch erhielt er 1995 den Adolf-Grimme-Preis .

Und er schrieb Dramen. Das Stück "Zeit der Wölfe" (1989) etwa, nach dem Roman "Die Richtstatt" von Tschingis Aitmatow, das seinerzeit gleichzeitig am Hans-Otto-Theater Potsdam (Regie: Gert Jurgons), an der Volksbühne Berlin (Regie: Siegfried Höchst) und am Landestheater Altenburg (Regie: Gert Hof) uraufgeführt wurde. Oder das Stück "Vater Mutter Mörderkind", das als Fernsehfassung (Regie: Heiner Carow) im Februar 1993 ausgestrahlt wurde; die Theaterfassung erfuhr im Dezember des gleichen Jahres seine Uraufführung am (inzwischen geschlossenen) Kleist-Theater in Frankfurt an der Oder. Die Regie führte Armin Petras, der heute Intendant am Berliner Maxim Gorki Theater ist.

Seit 2004 war Plenzdorf Gastdozent am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, lebte aber in den letzten Jahren krankheitsbedingt sehr zurückgezogen. "Ulrich Plenzdorf war ein genauer Beobachter der sozialen Wirklichkeit und sensibel für die Lebensgefühle vor allem junger Menschen", schrieb die Akademie der Künste in ihrer Würdigung. Im Alter von 72 Jahren ist er jetzt in einem Krankenhaus nahe Berlin nach schwerer Krankheit gestorben.

 

 
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