Die Psychologie des Amoklaufs

von Andreas Schnell

Bremen, 26. November 2009. Ibsens "Hedda Gabler" auf die Länge eines Fußballspiels zu kürzen, scheint derzeit nicht unüblich. Im Frühjahr kam Alice Buddeberg in Recklinghausen auf knapp neunzig Minuten, Sebastian Schug liegt in Bremen knapp darüber. Dran glauben mussten auf diesem Weg nicht zuletzt die Tanten. Die eine verstirbt bei Ibsen zwar sowieso, die andere, Juliane Tesmann, bringt in ihren wenigen Auftritten lediglich die alte Ordnung zur Sprache.

Die jungen Leute, Hedda und ihr frisch Angetrauter, der etwas trottelige Kulturgeschichtler Jörgen Tesmann, sind da schon anders. Tesmann empfängt die Tante in Unterhosen und einem T-Shirt mit dem Spruch: "To be is to do Camus – To do is to be Sartre". Und auch Hedda, die aus ihrer Abneigung gegen die Tante wenig Hehl macht, gibt sich eher leger.

Existenzialist in T-Shirt und Unterhose
Aber zurück auf Null: In Dunkeln singen zwei nur schemenhaft erkennbare Figuren "Bang Bang (My Baby Shot Me Down)", geschrieben von Sonny Bono, zuletzt etwa zu hören in Quentin Tarantinos "Kill Bill" in der Version von Nancy Sinatra. Ist Hedda Tesmann, geborene Gabler, ein eiskalter Racheengel? Schugs Lesart legt das nahe.

In einem zeitlos schlichten, beinahe kargen Bühnenbild spielt die Geschichte von der jungen Frau, die in ihrer materiell abgesicherten Existenz etwas Höheres will, nach Schönheit sucht und dabei am Ende nicht nur einen anderen Menschen ruiniert, sondern auch an der Sinnlosigkeit ihres Lebens verzweifelt, weil es ihr partout nicht gelingen will, einmal im Leben Macht über einen anderen Menschen zu haben. Das darf man getrost in die Gegenwart verlegen.

In geradezu nordisch-nüchtern anmutendem Duktus geht also die Geschichte ihren Gang, bis sie den dramatischen Höhepunkt erreicht: Richter Brack, von Guido Gallmann vielleicht etwas zu routiniert gegeben, schlägt ein Dreierverhältnis vor, die gelangweilte Hedda (mit Schwächen: Franziska Schubert) spielt ihrerseits zynische Spielchen mit der einstigen Flamme Eilert Lövborg, dessen Freundin Thea Elvstedt (überzeugend warmherzig und bieder: Susanne Schrader) und dem Gatten, dem die Gemengelage völlig entgeht. Nur Eilert (souverän: Glenn Goltz) erweist sich als sensibles Nervenbündel.

Von Tarantino bis Gustav Mahler
Bevor Heddas Intrigen nun ihre fatale Wirkung entfalten, Eilert rückfällig wird und sich in einer Orgie verliert, bricht Schug das Kammerspiel auf, zeigt die beiden Frauen im gemeinsamen Rausch mit Schweinemasken und grellen Kleidern, derweil Eilert oben auf der Mauer sitzt, eine Zigarette rauchend, das Hemd geöffnet – für beide Frauen die Sehnsucht nach eben jenem Höheren verkörpernd. Für Hedda, weil sie einst davor zurückschreckte, ihm ihre Liebe zu gestehen, für Elvstedt, weil er ihr ein neues Leben zeigte, zu dessen Gunsten sie die provinzielle Einöde samt Familie verließ.

Und dann kommt auch noch Tante Juliane herein und singt (per Playback) aus Mahlers zweiter Symphonie den vierten Satz, mit "Urlicht" überschrieben, in dem es heißt: "Der Mensch liegt in größter Not! Der Mensch liegt in größter Pein! Je lieber möcht ich im Himmel sein."

Schüsse ohne Killerspiele
Das ist schlüssig, zeigt die Kluft zwischen dem eher trostlosen Alltag und den Ambitionen Heddas. Und doch will diese Arbeit nicht recht zünden. Das mag zum Teil am Ensemble liegen, das durchaus ordentlich spielt. Aber wer gelegentlich zu Gast im Bremer Schauspiel ist, weiß: Die können einiges mehr. Vielleicht ist Schug, in Bremen durch Bruckners "Früchte des Nichts" am gleichen Ort in guter Erinnerung, beim Kürzen etwas zu viel von dem unter den Tisch gefallen, das die Psychologie vor allem der Hedda plausibler gemacht hätte.

Der bewusste Transport der Geschichte in eine jüngere Gegenwart allerdings erlaubt uns Zuschauern nun, die so entstandenen Leerstellen zu füllen und Parallelen zu anderen Amokläufen zu ziehen, die schließlich keineswegs so unerklärlich sind, wie nachher gern behauptet wird – und mit sogenannten Killerspielen auch nur am Rande zu tun haben. Allerdings: Mit der Figur der Beatrix Kiddo aus "Kill Bill" eben auch nicht viel mehr als das.


Hedda Gabler
von Henrik Ibsen, Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Sebastian Schug, Bühne: Christian Kiel, Kostüme: Geraldine Arnold, Musik: Johannes Winde, Dramaturgie: Diana Insel.
Mit: Sven Fricke, Franziska Schubert, Gabriele Möller-Lukasz, Susanne Schrader, Guido Gallmann, Glenn Goltz.

www.theaterbremen.de


Mehr zu Sebastian Schug im nachtkritik-Archiv: Die in Bremen in Erinnerung gebliebene Inszenierung von Bruckners Früchte des Nichts entstand im April 2008. Im Dezember 2008 inszenierte er in Heidelberg Anton Tschechows Iwanow. In Kassel brachte er Anfang 2008 François Ozons Film 5 x 2 auf die Bühne.

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Kritikenrundschau

Sebastian Schugs Hedda Gabler sei "eine in hohem Maße beunruhigende Erscheinung", so Johannes Bruggaier in der Kreiszeitung (28.11.). Schon die komplett schwarze Möblierung vor schwarzen Wänden spräche nicht gerade für ihr "sonniges Gemüt": "Langes schwarzes Haar, leuchtend roter Morgenmantel und hochhackige Schuhe (...): furchteinflößend", eine "zwar elegante, irgendwie aber auch hexenhafte Hedda", ein "eiskalter Racheengel", eine "Königin der Nacht". Ihr Gatte hingegen: "Typ harmloser Akademiker mit Wuschelfrisur und Intellektuellen-Brille". Dass sie die anderen Figuren nicht ernst nehme, zeige sich "in kurzen, verstörenden Ausgeflipptheiten. Dann verstellt die eben noch betont brave Hausfrau in Nina-Hagen-Manier ihre Stimme, lässt für den Bruchteil einer Sekunde den blanken Hohn durchscheinen". Diese Hedda suche keine "sicheren Verhältnisse und gesellschaftliche Anerkennung", vielmehr sei sie "ein Dämon, dessen Handeln so undurchschaubar, so finster bleibt wie die Einrichtung der Wohnung". Schubert spiele diese "Killerbiene" (von der der Regisseur vorher in einem Interview sprach) einen "eineinhalb Stunden langen Privatkrieg – einen finsteren, satanischen Egotrip". Bis zum Schluss inszeniere sie "mit kühler Berechnung ihre teuflische Show". Doch nicht nur Schubert, sondern alle Spieler überzeugten hier "wie in den vergangenen Spielzeiten nur selten".

Schug verlege, berichtet Stefan Grund in der Welt (28.11.), "Hedda Gabler" in ganz "in unsere Zeit" und versuche "mit einem bunten Regiedesign um eine psychologisch genaue Darstellung herum, alles aus dem Stück herauszuholen, was drinsteckt. Nun zum Drama: Er wurde offenbar nicht fertig." Franziska Schubert zuzuschauen, "wie sie versucht, inneren Konflikten der (...) Hedda Gabler Ausdruck zu verleihen, indem sie sich zurücknimmt, wo sie doch reflexartig lieber auf die Tube drücken würde", sei "nicht unbedingt eine schöne Sache". Der zweite "Hauptstörfaktor" seien "schleppende Dialoganschlüsse und nicht eingespielte Abläufe". Da könne auch das "Drumrum an klugen und mitunter spannenden Regie-Einfällen" das Stück nicht mehr retten. Diese Hedda lebe in Bremen zwar "in einer Traumvilla", deren Fenster in grauer Wand erinnerten allerdings "arg an eine Werkstatt oder an Kellerfenster im Reihenhaus". Die "Traumweltfantasie" dieser Hedda reiche "nicht weit über vier schmale Eigenheimwände hinaus" und könne mit ihren "Smalltalk-Scherzen" wohl "höchstens im Vorstadt-Supermarkt punkten". Diese "Eigenheim-Haltung" sei klare Regie-Absicht und beschreibe "Heddas Gefängnis im Gegensatz zur nicht Normal 0 0 1 114 654 5 1 803 11.1282 0 21 0 0 getroffenen Entscheidung für die Flucht in eine echte Liebesbeziehung" mit Freidenker und -säufer Eilert Løvborg, den Glen Goltz "wunderbar aufbrausend, verletzlich, liebevoll, pathetisch und hysterisch" spiele.

Rainer Mammen vom Weser-Kurier (28.11.) hat im Verlauf der Inszenierung ein "Zurückdrehen der inszenatorischen Uhr auf die Original-Ibsen-Zeit" beobachtet. So gebe es in der Mitte der Aufführung ein "albgeträumtes Intermezzo" mit Fusel, Fummel und Schweinemasken, nach dem dann "Ibsens Naturalismus nebst zugehöriger Alltagsbeleuchtung wieder in seine Rechte" trete. Danach höre man bei Hedda den "nun immer häufiger angestimmten Originalton Ibsens" – ein Hintergrund, vor dem sich die von Schubert "betont schlicht angelegte, plane, fast schon naive Bremer Hedda eher sonderbar" ausnehme. Überzeugter ist der Kritiker von Susanne Schrader als Thea. "Wie sie Hedda bescheiden kiechernd von ihrer Freundschaft zu Eilert Lovborg erzählt, das gehört zu den Kabinettstückchen dieser Auffüh Normal 0 0 1 141 808 6 1 992 11.1282 0 21 0 0 rung."

Der kritischen Instanz der Nordwest-Zeitung (28.11.) zufolge darf Schubert "in der Titelrolle weit weniger boshaft sein, als die Vorlage anlegt. Adrett, verträumt grinst diese eher brave Hedda vor sich hin. Der Abgrund ihrer Bosheit tut sich nur zögerlich auf". Ihr Gatte sei mit Sven Fricke "gut besetzt", der hier den "schusseligen Normalo-Student" gibt – "völlig klar, dass seine Frau sich einen richtigen Kerl wünscht". Die Schugs Regie finde allerdings "schwerlich den Mittelweg zwischen verspielter Auffrischung und inhaltlicher Durchdringung der Vorlage". Bei dieser "diffusen Spielführung" fehle es so mancher Handlung an Plausibilität. "Szenische Besserung" nahe, wenn Guido Gallmann als Hausfreund oder Goltz als Lövborg, "die eigentliche Kraftfigur des Stückes", auftreten. Ohne den "wunderbar rotzig aufspielenden Goltz wäre wohl die gesamte Aufführung sachte verplätschert".

 

 

 
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