Ich-Insel im großen Gewässer 

von Wolfgang Behrens

Berlin, 26. November 2009. Lange hat er auf seine Fesselung warten müssen, fast 20 Jahre. Denn Anfang der 90er Jahre war Ernst Stötzner schon einmal Prometheus, damals aber waren ihm in Heiner Goebbels' und Heiner Müllers Musiktheater "Die Befreiung des Prometheus" die Fesseln abgenommen worden. Müller wäre freilich nicht Müller gewesen ohne ein gerüttelt Maß an Pessimismus: Gebrochen von 6000 Jahren Qual, verteidigte Prometheus "brüllend und geifernd, mit Zähnen und Klauen seine Ketten gegen den Zugriff des Befreiers". Der von Herakles befreite Gott war im Kopf unfreier denn je.

Heute ist das umgekehrt: Wenn Ernst Stötzner an der Schaubühne unter Jossi Wielers Regie im "Prometheus, gefesselt" des Aischylos spielt, dann liegt er zwar in Ketten, und doch verkörpert er einen Freien. Stötzners Prometheus steht einige Meter unter dem Niveau des (blicktechnisch glücklicherweise steil ansteigenden) Zuschauerraums auf einem von knöcheltiefem Wasser umflossenen Block, dessen Stellfläche gerade für seine nackten Füße ausreicht. Seine Handgelenke sind über mächtige Ketten mit der Brandmauer in seinem Rücken verbunden – die weit genug entfernt ist, um sich nicht anlehnen zu können. Der Aktionsraum des Schauspielers ist so in dem weiten Bühnenrund auf ein Minimum eingeengt. Doch Stötzner weiß ihn zu nutzen.

Geketteter Rebell, unbeugsam der Freiheit verfallen
Aufrecht, mit bis in die letzte Faser gespanntem Körper, ist er Prometheus, der Rebell, Prometheus, der Zornige, Prometheus, der Rationale, Prometheus, der Prophet, Prometheus, der Unbeugsame. Und vor allem: Prometheus, der Freie. In jeder Äußerung wirkt dieser Prometheus souverän, noch in Wut und Schmerz ist er nicht vom Affekt überwältigt, sondern selbstbestimmt. Seine Worte folgen keinem Zwang: Was er sagt, das meint er. Stötzner spricht die antiken Verse, als sei es Rede, die ihm von der Notwendigkeit des Augenblicks eingegeben wird – da rattert und klappert nichts, da tönt nichts hohl, und selbst im Pathos ist alles gefasst.

Was im Übrigen auch ein Verdienst der neuen, von der Schaubühne in Auftrag gegebenen Übersetzung Kurt Steinmanns ist: Fern aller Gespreiztheit, versucht sie nicht zwanghaft griechischen Satzbau nachzubilden, sondern bleibt jederzeit biegsam, ohne sich anzubiedern. "Drauf pfiffen sie" oder "Doch lassen wir dies Thema fallen" ist das Äußerste an Saloppheit, das Steinmann sich erlaubt – bei dem unerschrocken ins Deftige auslangendem Raoul Schrott, der jüngst die Partitur zu Dieter Dorns "Alkestis" in München lieferte, würden solche Formulierungen noch weit unter der Aufmerksamkeitsgrenze liegen.

Haltung lernen gegen die Willkür der Mächtigen
Von Stötzners Prometheus ist Haltung zu lernen. Aischylos hat den leidenden Gott in seiner Tragödie in eine Unrechtswelt gestellt, die von einem tyrannischen Zeus "nach neuen Gesetzen gesetzlos" beherrscht wird. Und Prometheus, der eben noch Zeus sich zur Macht putschen half, ist in Ungnade gefallen, da er – sozusagen – die Partei der sozial Schwachen ergriff: der Sterblichen, denen er Feuer und Vernunft brachte. Jossi Wielers Inszenierung zeigt nun, wie die Figuren um den gefesselt freien Prometheus herum ungefesselt der Unfreiheit anheimfallen – durch ihr jeweiliges Arrangement mit der Willkür.

Da sind die Okeaniden (Grit Paulussen und Luise Wolfram), die verdruckst und ängstlich von einer Plattform aus den angeketteten Prometheus bestaunen. Eingezogenen Kopfes wissen sie nicht, wohin mit den Händen, streichen sich verlegen über Gesicht und Arme, drücken sich an den Wänden entlang, sind personifizierte Unsicherheit. Da ist ihr Vater, der Meergott Okeanos (Thomas Bading), der mit wohlüberlegten Worten und wohlgesetzten Gebärden Überlebensstrategien mit schwerer Schlagseite zur Plattitüde absondert: "Wer auf die Knie fällt vor dem Schicksal, ist klug." Er ist personifizierter Opportunismus.

Da ist die von Zeus sexuell bedrängte Io (hier von Niels Bormann in Ophelia-Kleidchen, zum Glück jedoch nicht wohlfeil travestierend dargestellt), die sich – von ständigem Juckreiz befallen – in den irrlichternden Wahn flüchtet. Sie ist personifizierte Angst. Und da ist Hermes (ebenfalls Niels Bormann), der es als kalt-sadistischer Büttel der Macht nicht erträgt, dass ein anderer einen freieren Lebensentwurf wählt und den seinen in Frage stellt. Er ist personifizierte Autoritätsgläubigkeit.

Große Kunst in Sichtweite
Wieler hat das alles in verhaltenem, kammerspielartigem Duktus sehr sorgfältig einstudieren lassen, so sorgfältig, dass es einer Tendenz zum Gedrechselten nicht entkommt. Mit Ausnahme Stötzners haftet allen etwas seltsam Darstellungsbeflissenes an, die Gesten werden wie etwas Auswendig-Gelerntes abgerufen. Es mag wohl sein, dass auch das die Unfreiheit der Figuren illustriert – allein: mit diesem Mittel gerät die Aufführung über manche Strecke in die Nähe der bloßen Etüde. Und so sieht man an diesem nur eine gute Stunde währenden Abend einer Kunstübung zu, die dank Ernst Stötzner die Schwelle zur großen Kunst zumindest in Sichtweite hat. Immerhin.

 

Prometheus, gefesselt
von Aischylos, Deutsch von Kurt Steinmann
Regie: Jossi Wieler, Bühne und Kostüme: Jens Kilian, Musik: Wolfgang
Siuda, Dramaturgie: Bernd Stegemann, Licht: Erich Schneider.
Mit: Ernst Stötzner, Thomas Bading, Grit Paulussen, Luise Wolfram, Niels Bormann.

www.schaubuehne.de


Mehr zu Jossi Wieler im nachtkritik-Archiv: Vor einem halben Jahr, im Mai 2009, inszenierte er an derselben Bühne Goethes Iphigenie auf Tauris, und zeigte sie auf großer Rasenfläche als nicht minder Gefangene. Im November 2008 brachte er an  den Münchner Kammerspielen Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel) zur Uraufführung. Das Stück wurde 2009 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert ist. Mehr auf nachtkritik-stuecke09.de.

 

Kritikenrundschau

Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen (28.11.) stellt sich Prometheus, dieses "erste große, überwältigende Individuum" so vor: als "den frechsten Widerspenstkopf. Hoch droben am Felsen (...). Im herrlichen Genuss eines Triumphes." Bei Jossi Wieler stimme hingegen schon die "Hauptrichtung" nicht, denn Prometheus sei hier "nicht droben", sondern "drunten" im Bassin. Darin gebe Ernst Stötzner den Prometheus "als beleidigten, unmutigen, wenn auch gaumig sonoren Amtswalter (Abteilung 'Schmerz IIb'), der von Zeus ungerechterweise strafversetzt wurde. Kein Empörer. Kein Lichtbringer. Ein Kopfhänger. Ein Trübsalblaser. Ein leicht bohemehafter Beamter mit sanft cholerischen Ausfällen". Auch Hephaistos sei "kein Zerrissener aus einem Götterhimmel, sondern ein Klempner von nebenan". In den Okeaniden sieht Stadelmaier "zwei nazistisch ondulierte Ufa-Mädels (...) samt rückgratlosem, opportunistischem Okeanos-Papa im Kaufhausanzug" – Thomas Bading, Grit Paulussen und Luise Wolfram spielten das, "als kämen sie gerade um die letzte faschistoide Geschichtsecke herum zu einer Art Betriebsausflug am Mythoswasserbecken zusammen". Und Io werde von Niels Bormann "im blumenübersäten Tuntenhängerchen als blöde Kuh mit Bart verplantscht". Stadelmaier diagnostiziert: Verjammerlappung, "Kleingehäckselte Größe. Dem Zeitgeist mundgerecht, aber phantasielos serviert."

Für Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (28.11.) macht die Situierung des Prometheus durchaus Sinn, ist dieser damit doch "im Wortsinn erniedrigt". Das Leid dieses Prometheus' stelle sich "weniger als körperliche Qual dar – dafür spricht er viel zu schön und fasst in kühner Klarheit seine Gedanken –, sondern in der Schmach der vorgeführten Ohnmacht und Wirkungslosigkeit". Wenn Stötzner brülle, dann tue er das "mit volltönendem Wohlklang in der Stimme und mit großer gedanklicher Sicherheit und Reinheit". Und Wielers Regiearbeit beschränke sich weitgehend darauf, die "Gedanken aus dem (...) Text zu schälen". Und das sei "durchaus nicht zu wenig bei diesem Diamanten von einem Drama, das vollgestopft ist mit roher Ewigkeit, in dem nichts passiert, als dass der Stillstand zuckt und dann einbricht".

Stötzner, "ein Meister differenzierter Sprechkultur, darf sämtliche Register ziehen", beschreibt Ulrich Weinzierl in der Welt (28.11.). Wieler wisse, dass "übertriebenes Illustrieren" Aischylos' Text "höchstens verdoppeln und also schwächen" könne – daraus ziehe er die Konsequenzen und zeige "ein konzentriertes, auf 75 Minuten verknapptes mythologisches Kammerspiel". Auch Jens Kilians Raumgestaltung sei "so sparsam wie monumental, modern und archaisch zugleich". Diese "diskrete Regie braucht keine großen Einfälle, um unsere Fantasie anzuregen". "Dieser Gefangene der Tyrannei ist frei, weil unbeugsam, weil stolz." Bading wirke dagegen "als außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter des Opportunismus ziemlich verächtlich", "seine verdrucksten Töchterl (...) piepsen hingegen echtes Mitleid". Bormann verkörpere "das Sexualopfer Io" "sehr anrührend", ihre Leiden führe die Inszenierung "ebenso komisch wie frei von Lächerlichkeit vor Augen: eine erbarmungswürdige Gestalt".

"Mit Aplomb" schmähe Stötzner die Ungerechtigkeit, schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (28.11.). "Da er sich 70 Minuten nicht vom Fleck bewegen darf, tänzelt er mit Worten". "In einer an Schnörkeln und Melodie reichen Sprache" verziere er die Übersetzung Kurt Steinmanns, "die eigentlich gerade den zeitgenössischen Ton sucht, mit den Altertümern des Virtuosentums". So fliege er "stehend vor dem Realismus der Qual in den Stil" – und Wieler lasse ihn gewähren. Dieser "eigentlich so feinsinnige Zeichner von ironischen Porträts" entdecke plötzlich das Pathos. Paulussen, Wolfram und Bormann lernten hier alle "den hohlen Ton künstlicher Großgefühle sprechen – was nicht so schön ist, auch wenn man sich irgendwann daran gewöhnt hat". Wenigstens Bormann finde als Hermes aber "zu einer nassforschen Diplomatenarroganz", die "etwas Realpolitik" hineinwehen lasse. "Ironische Unterbrechungen in den ausschweifenden Textgesang Stötzners" dürfe ansonsten nur Bading als "Comedy-Ausgabe eines Bundeswehr-Buchhalters" bringen. Auch wenn Wieler, der auf Regieeinfälle verzichtet, den Text "nicht an die Konflikte der Gegenwart" heranbringe, sei sie "dennoch in sich schlüssig", verschaffe "dem Text an sich Geltung" und bündele "die Konzentration auf die prekäre Dialektik dieses Schicksals und die Frage, was wahre Stärke ist".

Stötzner spreche den Text "so pathosfrei wie überraschungsarm", meint im Gegensatz dazu Christine Wahl vom Berliner Tagesspiegel (28.11.). Zwischen Freigeist, Rächer der Unterdrückten und Hybris changierend, tönten des Prometeus' Worte zwar laut und deutlich, "dürften aber kaum einen Edeltribünensitzer allzu tief ins vermeintliche Opportunistenherz treffen". "Weitgehend irritationsfrei" ziehe das Tragödienpersonal am Publikum vorüber, "denn alles liegt von Anbeginn klar zutage", die antiken Figuren wirkten "verkleinert". Das Setting, das Wieler und Kilian für Aischylos' Tragödie gefunden haben, sei "eindeutig", erinnert für Wahl nämlich an Abu-Ghraib. "Ausgelieferter und physisch eingeschränkter" als dieser Prometheus könne man schwerlich sein, "der Geist aber, sagt der Abend optimistisch, bleibt vergleichsweise frei". Hingegen mache Bading aus Okeanos eine "verklemmte Bürokratenfigur", dass der Opportunismus ihm "sämtliche Widerstandsmuskeln lahmgelegt hat", wisse man, bevor er den Mund auftut. Auch die Töchter seien in einer "unangenehmen Mischung aus Voyeurismus, naivem Mitleid und Altklugheit" "auf dem besten Wege zur Steifnackigkeit". Drohungen von außen seien hier also nicht mehr nötig, "die inkarnierte, vorauseilende Selbstzensur funktioniert prächtig", selbst Hephaistos verrichte sein grausames Handwerk, anders als bei Aischylos, "in tadelloser Eigeninitiative".

Jürgen Otten schreibt in der Frankfurter Rundschau (30.11.), die Götter seien bei Wieler abwesend, er sehe in ihnen "Vorboten derjenigen, die heute herrschen". Dementsprechend wirke Prometheus wie einer, "dem das göttliche Prinzip nurmehr vom Hörensagen bekannt ist". "Gefesselt, aber nicht unfrei" sei er, ein "Widerborst", einer, "der sich das laute und kühne (Nach)Denken nicht verbieten lässt; weder den Spott noch den Pathos, weder das höhnische Lachen (...), noch das schmerzverzerrte Leiden, (...) und auch nicht das Grübeln über die Ungerechtigkeiten der Welt. Kurzum: Ein stolzer Gefangener". Bading als Okeanos ermangele "so gut wie alles, was einen den Erdenkreis umschlingenden und durchströmenden Titanen auszeichnen würde", er gebe ihn "als Kapitän zur See" und als "weinerlichen Waschlappen". Mit Charakterisierungen wie dieser gelinge Wieler "die Verknüpfung des Mythos mit der Moderne, ohne dass er gezielt aktualisieren müsste. Das Wort des Aischylos samt seinem Subtext hat Bestand". "Besonders schön" findet Otten Niels Bormanns Darstellung der Io und des Hermes: "Herrlich, wie sich dieser Wurm windet mit Sätzen und Gesten, wie er mit den Füßen im Wasser herumtapst aus Angst, seine Schuhe könnten Schaden nehmen".

 
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