Eine Reise zu sich selbst

von Joachim Lange

Halle, 27. November 2009. Es ist eine aktuelle Theatermode, aus Romanen oder Filmen Bühnenstücke zu machen. Auch in Halle. Gerade so, als gäbe es keine Autoren und Bühnenstoffe mehr. Was im Falle von Stücken, die die deutsch-deutsche Geschichte als Familiengeschichte erzählen und auch die zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer einbeziehen, sogar zutreffen mag.

Eher tief- als hochgestapelt
In seinem Debütfilm "Novemberkind" hat Christian Schwochow 2008 eine solche Geschichte erzählt. Und schon ein Jahr danach liefert das Neue Theater Halle in seiner kleinen Spielstätte Werft die Bühnenversion nach. Aus dem hochgelobten Film mit Ulrich Matthes und Anna Maria Mühe ist dabei kein erdrückendes Sittenbild oder Zeitengemälde geworden, sondern mehr ein Aquarell, eine ziemlich flott geschnittene Szenenfolge, die eher tief- als hochstapelt und sich dabei sogar den netten Witz mit den ja auch schon etwas in die Jahren gekommenen Ost-West Klischees gönnt.

In einem bescheidenen Raum, den Ausstatterin Mira Voigt hinten mit einer Wand aus bunt angemalten Schließfächern begrenzt und ansonsten nur mit Dutzenden von blau angestrichenen Koffern ausgestattet hat, ohne dass man deshalb gleich andauernd an Flucht oder das Unterwegssein zu sich selbst denken muss und soll. In 75 Minuten wird hier die Geschichte von Inga aus Malchow in Mecklenburg erzählt. Die junge Bibliothekarin, die beim Mauerfall 9 Jahre war, ist bei ihren Großeltern aufgewachsen. Sie hatte eine Kindheit und Jugend, die nicht besonders aufregend, doch behütet und ohne Leidensdruck war. Ihre Mutter sei bei einem Ostseeurlaub ertrunken, vom Vater sei nichts weiter bekannt. So hatte man es ihr erzählt. Das ist zwar keine Idealbiographie, aber eine, mit der man (zumindest im Osten Deutschlands) ganz gut leben konnte.

Westvoyeur kapert Ostbiographie
Zumindest bis der Westprofessor für kreatives Schreiben aus dem fernen Konstanz nach Mecklenburg kommt. Dieser Robert ist ein Mann mittleren Alters, der mehr über Inga weiß, als sie selbst. Deren angeblich ertrunkene Mutter Anna war nämlich in den Achtzigern in einem seiner Kurse. Und jetzt kapert er sich wie ein Westvoyeur diese Ostbiographie, die eine Fluchtgeschichte der besonderen Art bietet, um aus einer Schreibkrise herauszukommen und seinem immer mal wieder drängenden Verleger etwas zu bieten. Anna war nämlich nicht einfach nur "abgehauen", sie rettete damit einem desertierten russischen Soldaten, den sie versteckt hatte, das Leben. Obwohl anders geplant, musste sie bei ihrer Flucht die sechs Monate alte Inga bei den Großeltern zurücklassen. Der Plan, das Kind nachzuholen, scheiterte. Woran Anna letztlich zerbrach. Das Fluchttrauma führt sie zehn Jahre in eine Klinik und dann in den Selbstmord.

Das alles erfährt Inga nach und nach während der gemeinsam mit Robert unternommenen Reise in die eigene Vergangenheit. Von Juri (dem einst desertierten Russen), von ihrem leiblichen Vater, dem ehemaligen Fluchthelfer Alexander, den sie in seiner Arzt-Praxis aufspürt, und vom Professor in der Klinik. Für Inga ist diese schrittweise aufgedeckte Familiengeschichte der Weg zu ihrer eigenen Identität, für Robert der Stoff für ein Buch, das er ohne Ingas Wissen schreibt.

Harmlos, freundlich, flott
In Tanja Richters harmlos freundlicher, flotter Szenenfolge ist Sophie Lüpfert eine junge Frau, die zwar viel Neues über ihre Herkunft erfährt, aber damit nicht wirklich ihre Identität verändert. Sie darf nur einmal wirklich (kurz) erschüttert sein, als sie reichlich spät davon erfährt, dass Robert von vornherein geplant hatte, die Geschichte ihrer Mutter zur Romanvorlage zu machen. Aber auch das hält sich im Rahmen, weil Peer-Uwe Teska nicht wirklich eine potentielle Liebesgeschichte beglaubigen oder seinen Beobachterstatus durch echte Anteilnahme anzureichern vermag. Um diese beiden eher nebeneinander als miteinander Reisenden herum bestreiten Elke Richter (u.a. als Großmutter, flotte Wirtin oder Freundin der Mutter), Jörg Simonides (als Großvater und Ingas leiblicher Vater), sowie Lena Zipp (u.a. als junge Anna), Alexander Pensel und Peter Weiß die restlichen, immer nur knapp angedeuteten Rollen.

Es ist kein großes Stück, das wirklich schmerzt oder berührt. Aber es handelt von den offenen Rechnungen der jüngsten Geschichte und stellt die Fragen danach immerhin etwas anders als gewöhnlich.


Novemberkind (UA)
von Heide und Christian Schwochow
Regie: Tanja Richter, Ausstattung: Mira Voigt, Dramaturgie: Bernhild Bense.
Mit: Sophie Lüpfert, Alexander Pensel, Elke Richter, Jörg Simonides, Peer-Uwe Teska, Peter Weiß, Lena Zipp.

www.kulturinsel-halle.de

 

Zuletzt brachte Regisseurin Tanja Richter in Osnabrück Juliane Kanns Stück Birds zur Uraufführung, das bei den Hamburger Autorentheatertagen 2008 gezeigt und dort mit dem Preis der Thalia-Freunde ausgezeichnet wurde.

Kritikenrundschau

Die theatrale Uraufführung des Films "Novemberkind" in Halle versuche "vieles, um die Geschichte der jungen Bibliothekarin Inga und des alternden Schriftstellers Robert von der Leinwand auf die Bühne zu holen", schreibt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (30.11.). "Der Kino-Clou aber – die Doppelrolle von Anna Maria Mühe, die Mutter Anne und Tochter Inga spielt – lässt sich nicht auf das Theater übertragen. Und daher fehlt jene Ebene, die dem Film seine Höhe gibt." Denn nur, so argumentiert Hillger, "wenn das auf der Flucht aus der DDR zurückgelassene Kind wie die Wiedergängerin jener Frau" wirke, "die ihr Verlust in Wahn und Suizid getrieben hat", könne "sie den dabei schuldig gewordenen Männern als direkte Anklage erscheinen. Die Inszenierung aber verkehrt diesen Ansatz in sein Gegenteil, wenn etwa der Russe Juri oder der Psychiater unverändert durch die Jahre laufen."


In der Magdeburger Volksstimme (30.11.) meint Claudia Klupsch, dass der "unmögliche Vorsatz, den Film mit seinen wunderbar atmosphärischen Bildern zu übertrumpfen", in Tanja Richters Inszenierung nicht zu erkennen sei. Vielmehr sei "Novemberkind" "gute Unterhaltung – ohne Schnörkel und in rasantem Tempo geht die Geschichte über die Bühne." Geschickt seien die beiden Zeitebenen der Filmvorlage miteinander verknüpft: "In schnell aufeinanderfolgenden Szenen verschmelzen Gegenwartsgeschehen und Rückblenden. Nach und nach erschließen sich die Hintergründe der spannenden Geschichte." Doch leider nehme sich das Stück "nicht den Raum, für die menschlichen Beziehungen zwischen den Figuren wirklich zu sensibilisieren. Vielleicht ist dies dem Vorsatz geschuldet, ohne Betroffenheit vom Familiendrama aus deutsch-deutscher Eiszeit, von Lügen, Schweigen, Verdrängen und vom Umgang damit zu erzählen."

 

 

 
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