Von Spökenkiekerei zur Apokalypse

von Hartmut Krug

Cottbus, 28. November 2009. Als wär's ein Kinderspiel, so liegt vor dem Eisernen Vorhang ein aufgeschlagenes Buch neben kleinen Deichmodellen aus Sand und einem umgestürzten Eimer, während laut hallend stetig Wasser tropft. Wenn der Vorhang sich hebt, enthüllt er eine bühnenbreite, schwarz glänzende Schräge, über die beständig Wasser fließt. Im Halbdunkel steht eine Schar in schwarzledernen Südwestern, Vogelmasken vor dem Gesicht. Ein weißer, kindlicher Engel, ein weißes Pferdchen im Arm, spricht die ersten Prophezeiungen der Offenbarung des Johannes, und die Schar der Geister reagiert chorisch auf die apokalyptischen Warnungen und Visionen.

Theodor Storms letzte Novelle aus seinem Todesjahr 1888 zeigt Menschen zwischen Aufklärung und religiösen, spökenkiekerischen Ängsten. Die Bühnenfassungen, sowohl die von Armin Petras wie die in Cottbus verwendete von John von Düffel, betonen vor dem Hintergrund unserer heutigen Erfahrungen mit Klimawandel und Raubbau an der Natur die Janusköpfigkeit und Besinnungslosigkeit des modernen Fortschrittsgedankens. Dies radikalisiert Storm, der durch eine mehrfach gestaffelte Rahmenhandlung das Schwanken zwischen rationalistischem Weltbild und unterschwelligen Ängsten vor unbeherrschbaren Naturgewalten viel zurückhaltender ausdrückte.

Wind schleudert Mensch
Der Cottbusser Schauspieldirektor Mario Holetzeck hat für seine Inszenierung die von Düffel'sche Fassung bearbeitet und die Abschnitte der biblischen Apokalypse als recht plakative Warnung in die Handlung eingebaut. Der wiederkehrende Auftritt des Engels und der die geheimen Ängste der Menschen ausdrückenden (und zuweilen unfreiwillig komisch wirkenden) Geisterschar gliedern eine Inszenierung, die eine schauspielerisch klar konturierte Dorfgemeinschaft mit all ihren Ängsten und Kämpfen, ihren Liebesintrigen und gesellschaftlichen Zwängen zeigt.

Holetzeck baut große, eindeutige Arrangements und schafft mit wunderbarer Lichtregie eine atmosphärische Bildhaftigkeit. Wenn die Menschen zu Beginn mit Sandsäcken gegen die Flut kämpfen, dann dröhnt elektronisch verstärkte Live-Musik eines Cello/Schlagwerk/Akkordeon-Trios, und die Winde mächtiger Propeller schleudern die Menschen immer wieder die überflutete Schräge hinab. Nachdem die Flut eingedämmt ist, vereinen sich diese in Gemeinsamkeit zum erschöpften Menschenhaufen. Doch der löst sich schnell wieder auf, und widerstreitende Ehrgeizigkeiten und Liebesleidenschaften prallen aufeinander.

Papierschiffchen und Kreide-Rechnung
Die junge Vollina bedrängt einen jungen Hauke Haien erotisch, der doch nur mit seinen Sandmodellen der Deiche experimentieren will. Und Haukes Gegenspieler Ole Peters konkurriert, stärker als im Roman, auf allen Ebenen mit Hauke, dem Einzelgänger – Wenn alle mit der Flasche in der Hand dasitzen und "An der Nordseeküste" singen, steht Hauke allein vor der Gruppe.

Kai Börner spielt einen ganz in sein Denken eingesponnenen, für seine Sache eloquenten Hauke, der, wenn er beim Deichgrafen als Knecht angenommen wird, sich dessen Tochter mit zarter Ungeschicklichkeit nähert. Johanna Emil Fülle spielt diese Elke mit so schöner, verhaltener Selbstsicherheit und lässt ihre Figur in schüchterner Annäherung aufblühen, dass die von Haukes Unbedingtheit, mit der sich dieser seiner Deichbau-Leidenschaft hingibt, bedrohte Liebe zwischen den beiden mit ins Zentrum des Abends rückt. Wie die beiden sich im Wettstreit gegenseitig Rechenaufgaben stellen und diese dann mit Kreide auf dem Bühnenboden lösen, während Elkes gegenüber seinem Deichgrafen-Amt eher gleichgültiger Vater seine Rechnungen als Papierschiffchen zu den beiden hinabschickt, ist eines von vielen poetisch-plastischen Bildern, mit denen diese Inszenierung die Beziehungen zwischen Menschen erzählt.

"Wenn du mien Leevster bist"
Da schweben zwei ängstliche Männer mit Leuchtflaschen im Boot hoch oben über die Bühne durch den Nebel, um scheinbare Geister aus der Nähe zu sehen. Da singt man – dramaturgisch klug eingesetzt – "La Paloma" mit der Zeile "einmal muss es vorbei sein". Da foppt der Deichgraf den auf seinen Tod wartenden Hauke mit einem Scheintod. Da wandelt sich ein Fest in Zeitlupe vom Tangotanz zur Massenkeilerei. Da wäscht sich die noch kinderlose Elke ihre Scham beschwörend im Wasser des Deichbaus zum Sehnsuchtslied "Wenn du mien Leevster bist, kumm bi die Nacht", und von Haukes Schimmelkauf wird in von Feuerzeugen geheimnisvoll erleuchteter Dunkelheit erzählt.

So betont die Inszenierung gegen Haukes Klarheit des Gedankens immer wieder das Geheimnisvolle, Bedrohliche gegenüber einer Welt, wie wir sie zu kennen meinen. Und Kai Börner lässt seinen Hauke im Ehrgeiz eines Mannes, der nur durch das Erbe seiner Frau zum Deichgrafen geworden zu sein scheint und nun allen das Gegenteil beweisen möchte, sich fanatisch verhärten.

Menetekel-Spektakel
Immer strömt dabei das Wasser, gegen den Deichbau, aber auch vom Himmel herab auf die dekorativ beschirmte Gesellschaft. Und allgegenwärtig ist der Tod. Der alte Deichgraf trägt sein Leichenhemd von Anfang an unterm Blazer, und offene Särge dienen als Esstisch, als Karren oder als wenig hilfreiche Bollwerke gegen die Flut.

Am Schluss muss der apokalyptische Kinderengel auch das schwachsinnige Kind von Elke und Hauke spielen, was dramaturgisch nicht recht überzeugt (auch wenn die achtjährige Lara Brewing mit enormer Textsicherheit und konzentrierter Bühnenpräsenz fasziniert). "Jeder empfängt das, was er verdient", verkündet der Engel, und während Hauke bei Storm noch freiwillig Frau und Kind in den Tod folgt, gehen hier alle in der Sturmflut zu Grunde. Denn keiner war schuldlos, jeder hat sich vor allem um seine egoistischen Interessen gekümmert. Doch Hoffnung bleibt, denn eine weiße Taube fliegt.

Holetzeck zeigt Theater als große, bildhafte Erzählung, als Menetekel-Spektakel. Die zwei pausenlosen Aufführungsstunden versetzen den Zuschauer zwar nicht unbedingt in atemlose Spannung, aber sie nutzen eine alte Geschichte mit Plakativität und szenisch-schauspielerischer Phantasie, um Probleme unserer gefährdeten Welt zu verdeutlichen.

Der Schimmelreiter
von Theodor Storm in der Bühnenfassung von John von Düffel
Regie: Mario Holetzeck, Bühne: Gundula Martin, Kostüme: Susanne Suhr, Musik: Hans Petith, Dramaturgie: Guido Neubert.
Mit: Kai Börner, Johanna Emil Fülle, Michael Krieg-Helbig, Jan Hasenfuß, Thomas Harms, Oliver Seidel, Stefanie Höner, Susann Thiede, Lara Brewing und den Musikern Susanne Paul, Tobias Dutschke, Volker Schindel

www.staatstheater-cottbus.de

 

Mehr zu Storm auf der Bühne im nachtkritik-Archiv: Armin Petras inszenierte seinen "Schimmelreiter" im Juni 2007 in Köln.

 

 

 
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