Flucht ins esoterische Tischerücken

von Petra Hallmayer

München, 30. November 2009. "Es gab für mich keine Zukunft mehr", erklärte der Immigrant Isaac B. Singer in seinem autobiographisch gefärbten Roman "Verloren in Amerika". "Alles, woran ich denken konnte, lag in der Vergangenheit." Fremde in der Gegenwart sind auch die alten Männer in seinen fernab vom polnischen Shtetl angesiedelten Geschichten. Zwei von ihnen – "Späte Liebe" und "Die Séance" – hat der lettische Regisseur und Singer-Liebhaber Alvis Hermanis nun im Werkraum der Kammerspiele mit demselben Schauspielerpaar auf die Bühne gebracht, wo sie unter dem Titel "Späte Nachbarn" Premiere feierten.

Es sind Geschichten über das Alter vor der Erfindung von Viagra und der in Rudeln um die Welt jettenden Golden Agers. Die Männer, von denen Singer erzählt, sind einsam, misstrauisch, inkontinent und impotent, desillusioniert und voller Sehnsüchte. Sie rechnen mit keinen Wundern mehr und sind bereit, sich betrügen zu lassen.

Vergilbte Fotos schauen und Cornflakes knabbern
Die Inkontinenz raubt Harry Bendiner den Schlaf. Unendlich langsam quält er seinen schweren Körper aus seinem Bett und stakst auf wackligen Beinen auf die Toilette. Alvis Hermanis macht die Zeit, die im Alter ein so grausames Kriechtier wird, spürbar. Eine Stunde lang schauen wir zu, wie Harry in seinem mehrfach verriegelten Apartment zum Kühlschrank tapst, seine Milch mit Cola trinkt, Cornflakes aus der Packung knabbert, sein Geld zählt, vergilbte Fotos hervorholt und den Kopf wiegend "Tom und Jerry" im Fernsehen verfolgt. Es braucht einen Schauspieler wie André Jung, um jede dieser Minuten mit Intensität zu erfüllen, das leise Wimmern, die winzigen übermütigen Hüpfer, das Erlöschen. Draußen vor dem Balkon rauscht das Meer, doch für Harry ist es nicht realer als die Comicfiguren auf dem Bildschirm.

Plötzlich aber steht das Versprechen einer Liebe in der Tür in Gestalt von Ethel Brokeles (Barbara Nüsse), einem Mädchen aus einem Nachbarort seiner Kindheit, das zu einer diamantenbehängten Witwe aus der Rentnerhölle Miami geworden ist. In einer herrlich komischen Szene zieht sie ihn in ihre rosarote Nachbarwohnung, während er immer wieder umkehrt, um in ein Hawaiihemd zu schlüpfen oder sich seinen Wecker zu schnappen.

Rosarote Nachbarwohnung
Hier wird Hermanis' Hyperrealismus abgelöst von einer kleinen Komödie der nervösen Koketterie, in der Esther den närrisch lachenden Harry umtänzelt und bemuttert. Doch ebenso unverhofft, wie sie ihn herausgeholt hat aus seiner hellblauen Wabe, schickt sie ihn wieder fort. Greisenhaft krächzend steht sie starr gegen die Wand gelehnt, und in diesem unnötig überzeichneten Augenblick rutscht die Inszenierung zum ersten Mal aus.

Nach der Pause öffnet sich ein faschingsbunter, glitzernder Ramschguckkasten, über und über voll mit indischen Götterbildern, esoterischem Krimskrams, in dem Dr. Kalisher, ein heruntergekommener Intellektueller, lustlos die Trommel schlägt, während Mrs. Kopitzky ihren dicken Hintern schwenkt und sich in Trance wiegt. Schon einmal ist er vor ihren Avancen geflohen, aber nun hockt er wieder da und ergibt sich Kekse mümmelnd ihrem Hokuspokus, an den er nicht glaubt. Sein Leben ist ein Desaster. Er, der keinen anderen vor den Nazis zu retten versuchte, hat sich vor den Gespenstern der Schuld, in eine verrückte Erotik-Philosophie geflüchtet, die schon lange keinen Schutz mehr bietet.

Seine letzte aberwitzige Illusion, die Wiederbegegnung via Séance mit seiner einstigen Geliebten, die Mrs. Kopitzky ihm mit einem billigen Trick vorgaukelt, wird zu seiner tiefsten Demütigung. Und so schickt er sich schließlich drein, als sie ihm die urindurchnässten Hosen auszieht und ihn, als Elefantengott Ganesh, ausstaffiert ganz in Besitz nimmt. Nur die Augen funkeln noch böse durch die Brillengläser.

Schrullige Karikaturen versus existenzielle Härte
Wie André Jung diesen verdrucksten Männerwurm präzise bis in die kleinste Geste spielt, das ist wirklich fantastisch. Allein Hermanis macht uns das Lachen immer wieder zu leicht, setzt auf schrullige lustige Karikaturen und verwischt die bittere Melancholie und die existenziellen Härten in der Groteske. Er lässt Harry wie einen Käfer auf dem gewaltigen Leib der ihn umklammernden Mrs. Kopitzky zappeln, diese in medialer Entrückung tierische Grunzlaute ausstoßen und so die Komik in die Harmlosigkeit kippen.

Vorbehaltlos überzeugen kann dieser Theaterabend nicht, aber er hat große Momente. Wenn Harry mit leeren Augen Ethels Abschiedsbrief in den Händen hält und schweigend die Balkontür schließt, die Vorhänge zuzieht, das Meer und das Licht wieder aussperrt, das ist wunderbar schlicht und todtraurig.


Späte Nachbarn
nach zwei Geschichten von Isaac B. Singer
Aufführung im Rahmen des Festivals Spielart
Regie: Alvis Hermanis, Bühne und Kostüme: Monika Pormale.
Mit: André Jung, Barbara Nüsse.

www.muenchner-kammerspiele.de
www.spielart.org

 

Mehr zu Alvis Hermanis im nachtkritik-Archiv: Geschichten von Isaac B. Singer hat Alvis Hermanis schon einnmal inszeniert, und zwar in Die Geheimnisse der Kabbala im April 2009 in Köln. Am Burgtheater Wien brachte Hermanis Ende Oktober 2009 Eine Familie von Tracy Letts auf die Bühne. Eine Reise zurück in die sowjetische Vergangenheit waren Schukschins Erzählungen, die im Mai 2009 bei den Wiener Festwochen entstanden. Aber auch The Sound of Silence, das im November 2007 im Rahmen von spielzeit europa auf die Bühne kam.

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (2.12.) bewundert Eva-Elisabeth Fischer die "frappierende Genauigkeit" von Alvis Hermanis, schränkt aber ein, dass der lettische Regisseur bei der Uraufführung von "Späte Nachbarn" am Ende "just über diese" stolpere. Im Verlauf des Artikels geht es dann aber vor allem um die schauspielerischen Vorzüge der Arbeit. André Jung und Barbara Nüsse "sind Erzähler und Spieler in einem" und dabei "generöse Komödianten, die ungebremst dick auftragen, aber auch hauchfeine Nuancen setzen dürfen". Mit knickbeinigem Schlurfen und spontanen Hüpferchen, mit "kokett gerecktem Bein" und "schamlos" entblößtem "Colgate-Gebiss" stürzten sie sich "wollüstig in die Niederungen der Klamotte", wobei sie deutlich machten, dass es sich dabei stets nur "um die manische Seite ihrer Depression" handle. Denn: "'In Amerika verlieren die Leute den Verstand."

In beide Normal 0 0 1 148 844 7 1 1036 11.1282 0 21 0 0 Normal 0 0 1 212 1209 10 2 1484 11.1282 0 21 0 0 n von Hermanis ausgewählten Singer-"Séancen" werde "die existenzielle Verlorenheit des Menschen ausstellt", so Christoph Leibold im Deutschlandradio Kultur (Fazit, 30.11.). Die veranschauliche der Regisseur, indem er André Jung Harrys morgendlichen Verrichtungen "in quälender Langsamkeit minutiös durchspielen" lasse. "In der Banalität dieser Handlungen spiegelt sich die ganze Belanglosigkeit eines Daseins ohne Sinn und Zweck." Auch das Theater verstehe Hermanis "als eine Art Séance; als einen Erinnerungsraum, in dem man zwar keinen Geistern, wohl aber dem Geist der Vergangenheit nachspüren kann". Dabei suche er "bewusst die weichzeichnende Unschärfe, die sich beim Blick aus zeitlicher Distanz zurück in die Vergangenheit einstellt. Statt um die politische Wirklichkeit von heute geht es Hermanis um eine zeitlose poetische Wahrheit". Wie er hier sein Thema entwickle, sei "im ersten Drittel des Abends (...) durchaus spannend". Habe der Zuschauer allerdings erkannt, "worauf Hermanis abzielt (ohne dass sich daraus weitere Einsichten ableiten ließen)", ziehe sich das Ganze in die Länge. Dagegen kämen auch die "eigentlich grandios" agierenden Schauspieler "nicht vollends an". Vor allem Jung dränge in der "Beiläufigkeit" seines "realistischen, zugleich aber stark reduziertes Mienen- und Gestenspiels" "nie ins Bedeutungsschwangere", changiere dabei "zwischen Verkörperung und Verfremdung".

Alvis Hermanis schenke den beiden Figuren aus Singers "Späte Liebe" "beinahe die Echtzeit ihrer Begegnung", Barbara Nüsse und André Jung dem Münchner Publikum "zwei der sicherlich bittersüßesten, rührendsten Charaktere" dieser Saison, schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen (3.12.). Zwei weitere kämen nach der Pause bei Singers "Die Séance" noch dazu, womit Hermanis "seine atmosphärisch dichte, liebevoll detaillierte Uraufführung" "zur funkelnden Perfektion komplettiert". Der Regisseur verlege sich einerseits "aufs pure Erzähltheater", paare es andererseits jedoch "mit schönster Körperlichkeit". Hinter den vier Figuren lauere "stets der Abgrund, in den die Erinnerung die Vergangenheit gerissen hat". Hermanis' "Bildpoesie" entfasse auch Kostüm und Requisite, worin Ethels "Affektüberschuss" und Harrys "Lebensüberdruss" gespiegelt würden. Grenzmann hat es in so manchem Moment dieses Abends "in der Seele" geknirscht – "ein schöner Theaterglücksschmerz, der sich (...) im Zuschauerkopf festsetzt".

 

 
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