Was sind zwei Tote gegen einen Völkermord?

von Sarah Heppekausen

Mülheim an der Ruhr, 3. Dezember 2009. Die westafrikanische Theaterszene ist stark vertreten an diesem Abend in Mülheim. Im Ringlokschuppen läuft "Betrügen" mit Performern von der Elfenbeinküste beim Impulse-Festival. Im Theater an der Ruhr startet die Reihe Theaterlandschaften, die diesmal Produktionen aus Benin, Burkina Faso und Mali präsentiert (bis 6. Dezember). Wahrscheinlich nehmen sich die beiden Veranstaltungen gegenseitig ihre Zuschauer weg, zumindest am Raffelbergpark sind am Eröffnungsabend nur wenige Reihen besetzt. Während sich Gintersdorfer/Klaßen in "Betrügen" dezidiert mit interkulturellen Klischees auseinandersetzen, sehen die Zuschauer im Theater an der Ruhr 'rein' westafrikanisches Theater.

Afrika diesmal ohne Schlingensief

Etienne Minoungou aus Burkina Faso eröffnet mit seinem eigenen Stück "Auf Leben und Tod" ("À la vie, à la mort"). Minoungou ist Autor, Regisseur, Schauspieler und Gründer des Uraufführungsfestivals "Les Récréathrales" in Ouagadougou. Mediale Aufmerksamkeit hierzulande hat die Hauptstadt Burkina Fasos in diesem Jahr vor allem deshalb bekommen, weil Christoph Schlingensief dort eine Oper plant. Der Regisseur und sein Vorhaben sind an diesem Abend allerdings kein Thema, auch nicht im Publikumsgespräch nach der Vorstellung.

Minoungou spielt selbst, zusammen mit dem blinden Schauspieler Bienvenu Bonkian. Der ertastet sich seinen Weg auf der Bühne mit den Füßen. Sich kreuzende Stäbe liegen da auf dem Boden, in der Verlängerung ragen sie nach oben. In der Luft stoßen sie zusammen und bilden so eine Art Zeltdach ohne Plane. Bonkian dienen sie zur Orientierung, für seine Rolle Ludovic sind die Stäbe eine Mauer. Ludovic ist zum Tode verurteilt, weil er auf der Flucht nach einem Banküberfall zwei Polizisten getötet hat. Er verbringt seine restliche Lebenszeit in einer vier Quadratmeter großen Zelle und mit einem Mithäftling.

Bitterkomisches Endspiel

Es sind äußerst sympathische Gefangene. Der eine, der zwei Menschen auf dem Gewissen hat und seine Strafe ungerecht findet: "Nur zwei" – was ist das schon gegen Völkermord wie in Ruanda oder Darfur? Der andere sitzt lebenslänglich wegen Hochverrats. Er wollte den Präsidenten erschießen. Er ist ein politischer Überzeugungstäter, der für Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit gekämpft hat, die Revolution aber nicht einmal besingen kann: Die Internationale verwechselt er mit der französischen Nationalhymne. "Euch Intellektuelle kann man so einfach täuschen", meint Gute-Laune-Ludovic dazu.

Minoungou verhandelt in seinem Stück politisch brisante Themen, aber weder indem er sie verharmlost noch indem er sie zur Tragödie emotionalisiert, sondern indem er die beiden Figuren im Angesicht des Todes ein bitterkomisches Endspiel aufführen lässt. Sie diskutieren über Vor- und Nachteile der Hinrichtungsarten ("Erhängen ist nicht ästhetisch") und spielen verschiedene Szenen der Gottesbegegnung durch (trifft er im Himmel auf einen katholischen Gott, betet er kniend "Gegrüßet seist du, Maria", bei Allah muss er Flugtickets nach Mekka vorweisen können). Gezeigt wird berührende Schauspielkunst auf reduzierter Bühne.

In Burkina Faso gibt es kaum Subventionen für die Theater, die Kompanien müssen viel reisen. Mit wenig Personal und unaufwändigen Bühnenbildern geht das besser. Im zweiten Stück des Abends stehen ebenfalls nur zwei Schauspieler auf der Bühne, platziert sind ein Tisch, zwei Stühle, herumliegendes Kinderspielzeug. Auch in Benin dominieren die kleinen Produktionen.

Szenen einer Ehe

"Der letzte Schritt" ("Le dernier pas") von Moussa Konaté deckt nach der politischen Arbeit aus Burkina Faso ein zweites zentrales Thema der westafrikanischen Theaterliteratur ab: die sozialkritische Beziehungskomödie. Safou und Séiba sind seit zehn Jahren verheiratet. Sie hütet Haus und fünf Kinder, er verschwindet abends zu seiner Geliebten, die er sich bald zur Zweitfrau nehmen will. Sie trägt zu Beginn noch Kopftuch, er hantiert permanent mit zwei Handys am Ohr. Sie fühlt sich eingesperrt, er sagt, sie provoziere ihn. Szenen einer Ehe, in der er den Macho mit herrischer Drohgebärde gibt und sie die eifersüchtige Gattin mit welker Haut und schlaffen Brüsten, bis sich der Mann selbst als ein Betrogener herausstellt.

Die unterschiedlichen Ebenen ihrer Beziehung – vom verliebten Pärchen bis zur Gewaltbereitschaft – loten die beiden Schauspieler auch räumlich aus: Sie sitzen nicht nur auf dem Stuhl, sondern auch auf dem Tisch, sie stehen nicht nur auf dem Boden, sondern auch auf dem Stuhl, sie liegen auf dem Tisch und zusammengekrümmt am Boden. Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt die boulevardeske Inszenierung nur, weil die Zwangslage der Frau in vielen afrikanischen Ländern noch immer aktuell ist.

Die Produktion der Compagnie Kauris d'Afrik wurde im vergangenen Jahr auf dem internationalen Festival FITHEB (Festival International de Théâtre du Benin) gezeigt. Dieses Festival wird immerhin mit 800.000 Euro vom Staat gefördert. Etienne Minoungou hingegen kann sich – so bitter das ist – wohl auch freuen, dass sich die Mächtigen seines Landes so wenig um das Theater kümmern. Kritische Stücke, die Unterdrückung thematisieren, würden in Burkina Faso sonst wahrscheinlich zensiert.


Auf Leben und Tod
von Etienne Minoungou
Regie: Etienne Minoungou und Hamado Tiemtore, Bühne: Patrick Janvier.
Mit: Etienne Minoungou und Bienvenu Bonkian.

Der letzte Schritt
von Moussa Konaté
Regie: Isidore S. Dokpa.
Mit: Sophie Mêtinhoué und Guy Ernest Kaho.

www.theater-an-der-ruhr.de

 

Mehr zu der Theaterlandschaften-Reihe des Theaters an der Ruhr im nachtkritik-Archiv: über die Theaterlandschaft im Benin (November 2008), im Iran (November 2007), im Irak sowie über das Gastspiel des Theaters Sogolon aus Mali (September 2007).

 
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