Beim Gegentor dämmern die Götter

von Jürgen Reuß

Freiburg, 4. Dezember 2009. Zwei Männer und zwei Frauen im goldenen Glanzanzug vor der Rückwand einer bühnenfüllenden Stellwand. Nimmt man unsere Nationalfarben als Steigerungsform, ist das Gold an diesem patriotischen Fußballpremierenabend "Wir im Finale" im Kleinen Haus des Theater Freiburg der Superlativ. Für die folgenden neunzig Minuten plus ein bisschen Vor- und Nachbereitungszeit kennen wir keine Roten und keine Schwarzen, sondern nur noch Goldene.

Diese goldene Generation ist eine verunsicherte, amorphe Masse: "Ich. Naja. Das Leben. Hm." Aber wenn sie sich erstmal zur Mannschaft formiert oder vorm Bildschirm, im Stadion, auf der Trainerbank oder im Fernsehstudio, dann gibt es dieses Gefühl: "Irgend etwas Großes demnächst. (...) Vielleicht ein Sieg. Ein großer Sieg."

Die Situation ist der Ball

Fußball als Krieg, Fußball als Religion, Fußball als Politik, Fußball als Wirtschaft, die Kanzlerin im Stadion, Wettbetrug, Motivationstraining – Marc Becker hat mit der Textvorlage für diesen Theaterabend das Gerede von Fußball als Realitätsmodell einmal beim Wort genommen. Die Schauspieler Lena Drieschner, Rebecca Klingenberg, Konrad Singer und Martin Weigel übersetzen es in ein furioses Sprachfeuerwerk. Sie geben den ins Stadion strömenden kollektiven Hoffnungen und Frustrationen eine Stimme, impfen als Trainer den auserwählten Repräsentanten auf dem Rasen das mitreißende Wir-Gefühl ein, sammeln als Journalisten Stimmen und kommentieren das Spielgeschehen.

Dann beginnt es, dieses Substrat von Ritualen zwischen Hoffen und Bangen der sich um das runde Spielgerät versammelnden Sinnsucherbanden. Die Palette reicht vom gemeinsamen Brüllen der Nachnamen bei der Spielervorstellung, über das "Fleischmann. Krautner. Der auf Bartels. Fleischmann"-Rezitativ, Fußballerphilosophisches wie "Die Situation ist der Ball. Zeit vergeht, während der Ball rollt", bis zum ordinären Ausraster: "Wo ist bei diesem dummen Arschloch bitte schön die Leidenschaft".

Regisseur Marcus Lobbes hat dieses Stimmengewitter mit viel Witz und Tempo bei einfachsten Mitteln choreographiert. Außer ein bisschen Stellwandrumschieben, mal ein Mikro oder eine Runde Handtücher in der Halbzeit setzt die Inszenierung auf die Präsenz der Schauspieler. Und die zahlen ihm das Vertrauen mit Leistung auf dem Platz zurück.

Die Spannung steigt – und der Blasendruck!

Da merkelt Rebecca Klingenberg immer wieder ranwanzendes Politikgefloskel ins Mikro oder lässt mit kaum merklichem Lächeln das Schlüpfrige in die Männerwelt einfließen. Da spricht Martin Weigel als Lichtgestalt sein erlösendes "Ja, gut", bläst Konrad Singers martialischen Welterklärungen ein strammes "Ja!" in die Ohren und hängt dann als Jesus vorm Publikum, während Lena Drieschner mal waidwund blinzelt, mal fluchend rohrspatzt und das Quälende banger Schlussminuten vor dem Endsieg im steigenden Blasendruck spiegelt.

Insgesamt eine gelungene Inszenierung mit schönen Tempowechseln, vielen netten, manchmal nur durch unmerkliche Gesten eingestreuten Ideen und grandiosen Höhepunkten wie dem Götterdämmerungsinferno beim Gegentor kurz vor der Halbzeit. Und über Fußball als Realitätsmodell lernt man, dass die ganze Welt von Politik bis Religion nur hineingepumpt wird, weil er ein massentaugliches Gefäß ist. Das muss keinen Sinn ergeben, das muss nur funktionieren.

 

Wir im Finale
Material für einen patriotischen Fußballabend
von Marc Becker
Regie: Marcus Lobbes, Bühnenbild: Wolf Gutjahr, Kostüme: Wolf Gutjahr, Dramaturgie: Josef Mackert, Video: Michael Deeg.
Mit: Lena Drieschner, Rebecca Klingenberg, Konrad Singer, Martin Weigel.

www.theater.freiburg.de

 

Weitere Nachtkritiken zu Aufführungen von Marcus Lobbes: Romeo und Julia in Mannheim (November 2008) und Elfriede Jelineks Macht Nichts in Kassel (Juni 2009). Seine Freiburger Inszenierung der Uraufführung von Felicia Zellers Kaspar Häuser Meer war 2008 zu den 33. Mülheimer Theatertagen eingeladen.

Mehr zu Marc Becker: im September 2008 inszenierte er in Oldenburg seine Bearbeitung von Don Quijote und Sancho Pansa, im Mai 2008 sein Stück Glück für alle, im Oktober 2007 Goethes Faust 1.

 

 
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