Die warme Waffe Glücksversprechen

von Anna Hahn

Kaiserslautern, 10. Dezember 2009. Am Schluss platzt der bis dahin so beherrschten Ellen dann doch der Kragen: "Eine gute Freundin weiß, wann sie die Beine zusammenhalten muss. Und wenn das nicht klappt, wann sie den Mund zu halten hat", wirft sie Mara an den Kopf. Der Attackierten ist weder das eine noch das andere gelungen. Nicht nur, dass Mara ein Kind bekommen hat von Tom, mit dem Ellen seit 20 Jahren verheiratet ist. Jetzt ist sie auch noch beim Versuch, reinen Tisch zu machen, gründlich gescheitert.

Ellens Schärfe in dieser Szene ist exemplarisch für das Stück "Perfect Happiness" von Charles den Tex und Peter de Baan, das einen Theaterabend lang die beängstigenden Auswüchse eines konsequenten Selbstverwirklichungsdrangs vorführt. Gastregisseurin Sylvia Richter hat die Deutsche Erstaufführung dieser bösen Dreiecksgeschichte am Pfalztheater Kaiserslautern auf die Bühne gebracht.

Unheimliches Abzählen von Schinkenscheiben
Dabei beginnt die vom flotten Geschlechterkampf sich langsam in einen Thriller entwickelnde Geschichte eigentlich ganz harmlos. In dem luftig eingerichteten Esszimmer (Ausstattung: Bettina Merz), das sich dank drehbarer Stellwände später in ein Büro, ein Restaurant und einen Fitness-Raum verwandeln wird, bereiten Ellen und Tom das Abendessen. Sie necken sich und streiten scherzhaft über die korrekte Anzahl an Schinkenscheiben, so dass einem als Zuschauer die inszenierte Glückseligkeit dieses Paares schon fast unheimlich wird.

Hinein dringt Mara, eine Freundin aus Jugendtagen, und mit ihr eine folgenschwere Idee: Mara wünscht sich ein Kind, aber keinen Mann und hat sich, wie allmählich klar wird, als Samenspender Tom ausgesucht. Was anfangs nach einer von Alkohol befeuerten Albernheit ausschaut, entwickelt sich zu einer ernsthaft und verbissen geführten Diskussion, in der persönliche Verletzungen nicht ausbleiben.

Wechselnde Bündnisbildung
Das niederländische Autorenduo führt seine drei Figuren so geschickt neben- und gegeneinander, dass sich immer wieder neue Konstellationen bilden, vermeintlich sichere Bündnisse ins Wanken geraten und Einzelne in die Isolation gedrängt werden. So sind es zunächst die Frauen, die sich in Geschlechtersolidarität üben und von Männern, inklusive Tom, nur als "Spitzenprodukte" und "Objekten" reden. Tom revanchiert sich wiederum, indem er seine Dienste für Maras Fortpflanzungswunsch direkt vor Ort anbieten will.

Ihre schnellen, messerscharfen Dialoge funktionieren auch, weil sie auf Augenhöhe kämpfen. Kopfmenschen, gewöhnt daran, berufliche Herausforderungen mit klarem Verstand und ohne emotionale Regungen anzugehen, das sind sie alle drei. Doch das hier ist kein Deal, kein Millionenspiel, bei dem sich ein persönliches Empfinden einfach ausschalten lässt. Denn es geht ans Eingemachte.

Ellen bricht als erste ein. Die Reflexion ihrer kinderlos gebliebenen Partnerschaft mit Tom führt zum Geständnis einer Abtreibung. Hannelore Bähr nimmt sich den angemessenen Raum, um in Momenten wie diesen, die überdrehte Heiterkeit im Tempo nach unten zu fahren. Es ist auch sicherlich ihre Figur, in der sich Zweifel am eigenen, als "Glück" betitelten Ego-Trip am deutlichsten spiegeln.

Verwandlung zum Albtraum
Bis Tom sich seinerseits gewiss wird, was in seinem Leben von Bedeutung ist, vergeht einige Zeit. Rainer Furch changiert zwischen flapsigem Strahlemann und eiskaltem Unternehmer, der seiner Frau schließlich unter hämmernden Aerobic-Rhythmen gesteht, dass er sie nicht verlieren wolle. Bis dahin haben er und Mara heimlich das Kind gezeugt, seine Firma verkauft und den Erlös trickreich am Fiskus vorbeigeschmuggelt.

Das Abend hat nach zwischenzeitlichen, kleineren Längen noch einmal Fahrt aufgenommen und seine frühere Leichtigkeit gegen einen Zynismus eingetauscht, den Mara zu spüren bekommt. Antje Weiser spielt die Verzweiflung einer Verliererin, die schlussendlich ihrer eigenen Strategie zum Opfer fällt, ergreifend, aber ohne falsche Dramatisierung aus. Tatsächlich kommt das Ende böser als erwartet: Wissend, dass Mara ihm durch ihre illegalen Machenschaften beim Firmenverkauf unterlegen ist, nimmt Tom ihr kurzerhand das gemeinsame Kind weg. In der Spiegelung der Anfangsszene verkommt Maras Vorstellung vom "perfekten Glück" endgültig zum Albtraum.

Perfect Happiness (DEA)
von Charles den Tex und Peter de Baan, Deutsch von Frederik de Winter
Regie: Sylvia Richter, Bühne und Kostüme: Bettina Merz.
Mit: Hannelore Bähr, Rainer Furch, Antje Weiser.

www.pfalztheater.de

 

Mehr zur niederländischen Dramatik, in der das well-made-play noch ein sehr junges Genre ist, gibt es auf www.nachtkritik-spieltriebe3.de in einem Hintergrundbericht über Theater in den Niederlande und einem Porträt über Nathan Vechts Stück Fahrradfahren für Malawi, in dem eine Nachbarin zur besten Abendessenzeit vor der Tür steht.

 

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