Begriffsnotstand

Köln/Berlin, 15. Dezember 2009. In Köln soll der Opern- und Schauspiel-Gebäudekomplex abgerissen und neu gebaut werden. Eigentlich. Denn einstweilen sind die veranschlagten Kosten auf 364 Millionen explodiert. Am Donnerstag möchte der Stadtrat dennoch den Neubau beschließen werden. Unterstützt von den Initiativen Köln kann auch anders und Kölner Komment gibt es jetzt aber einen Aufruf, diese Pläne noch einmal gründlich zu überdenken. Mut zu Kultur – Inhalt vor Fassade heißt das Schreiben (hier zu lesen). Der Theaterregisseur Frank-Patrick Steckel hat ihn auch unterschrieben und seine Unterstützung in einem Brief an den Journalisten Jörg Jung, einem der Mit-Initiatoren des Aufrufs, begründet. nachtkritik.de liegt der Brief Steckels vor; er wird hier ungekürzt wiedergegeben.

 

Lieber Herr Jung,

verzeihen Sie mir, wenn ich es etwas umständlicher mache, als Ihnen lieb sein wird.

Zunächst ist ein Begriffsnotstand zu konstatieren, den zu beenden gegenwärtig schwerlich gelingen kann. Wir wissen ganz und gar nicht, wovon wir sprechen, wenn wir von "Kultur" sprechen. Vom "Kulturdezernenten" zur "kulturellen Dienstleistung", von da zur "Kreativbranche" (Rolf Bolwin) sind es jeweils nur kleine Schritte – am Ende kommt etwa eine Theaterschließung einer Firmenpleite gleich, einem "Marktversagen".

"Kultur" ist damit, das Reden über sie verrät es, ein warenförmiges Spektakel wie alle anderen Spektakel – wie Kunst (mit der sie hauptsächlich verwechselt wird), wie Bildung (mit der sie so gut wie nie in Zusammenhang gebracht wird), wie das Eisenbahnwesen und die Jogging-Industrie. Ein dumpfes Unbehagen an dieser Entwicklung bringt schließlich das Wortmonster "Hochkultur" zur Welt – hier hat sich der Begriffsnotstand in einen irreversiblen Begriffstiefstand verwandelt.

Wovon wir aber nicht mehr wissen, was es ist, davon werden wir bald nicht mehr wissen, wozu wir es brauchen. Und wovon wir nicht mehr wissen, wozu wir es brauchen, davon werden wir bald nicht mehr wissen, warum wir es bezahlen sollen – eine Frage, die in Bezug auf die Bundeswehr und das Spektakel ihres neuen fabulös teuren Transportflugzeugs nicht gestellt wird, hier geht es nur darum, wer bezahlt.

Unser unzureichender Kulturbegriff trägt aufgrund seiner Unzulänglichkeit wesentlich zur Zerstörung des von ihm Bezeichneten bei. Das ist die Stunde der Fassade.

Ich kann mir nicht helfen - der Ausruf Mut zu Kultur – Inhalt vor Fassade (ich meine "Ausruf", nicht "Aufruf") mutet seinerseits wie eine Fassade an. Wenn "Kultur" eine Sache der Mutigen sein soll – was wird aus den Feiglingen? Gehen sie des schönen Dings verlustig? Und die Inhalte vor den Fassaden haben zu wollen unterstellt, Fassaden wäre keine Inhalte – Warhol hätte die Suppe abbilden müssen, nicht die Dose.

Der Fassadencharakter Ihres Aufrufs (und hier meine ich "Aufruf") offenbart den Entleerungsgrad der hier in Rede stehenden Dose – eben des ihm zugrunde liegenden, von ihm vorgeblich beschützten Kulturbegriffs. In diesem Dilemma stecken Ihre politischen Gegner gleichermaßen, jedoch paradoxal verkehrt. Sie, die Dosenfabrikanten, haben den "Mut zum Neubau" -  die Suppe wird sich finden. Sie wollen, repräsentationssüchtig und mit der Kölner Bauindustrie notorisch verschwippt wie sie es sind, die Fassade vor dem Inhalt, was genau so unmöglich ist wie die Umkehrung.

Die gemeinschaftliche Verblendung vor diesem Zusammenhang stellt in meinen Augen ein ernstes Symptom für die Erkrankung unseres Kulturbegriffs dar – und damit für die Erkrankung unseres Gemeinwesens, in dem Politiker wie Bürgerbewegte sich gleich Ärzten gebärden, deren einzige Ambition darin besteht, den Patienten über seinen Zustand nach Möglichkeit zu täuschen, nicht etwa darin, ihn zu heilen.

Betrachtet man den Kölner Vorgang in diesem Licht, häufen sich die beweiskräftigen Symptome in erschreckendem Maße. Die Theaterkunst ist in erster Linie eine Kunst und bildet, vorsichtig gesagt, als solche eine in den jeweiligen kulturellen Prozess sowohl eingebettete als auch ihm entgegen tretende menschliche Äußerungsform – wie die anderen Künste auch. Aber welcher "Kulturdezernent" verstünde sich heutzutage wohl noch als "Kunstdezernent"? Die Zeiten von Hilmar Hoffmann, Richard Erny und Herrmann Glaser sind vorbei. Herr Quander spricht nurmehr von einer "Verwaltungsmeinung".

Das finanzielle Schindluder, das die sich unbewegt "Kulturpolitiker" nennenden Rotstiftterorristen nun allenthalben mit dieser im Gegensatz zu anderen Künsten per se öffentlich ausgeübten Kunst treiben, steht, um nur ein Beispiel zu nennen, in striktem Gegensatz zum Vormarsch privater Kunstsammlungen in öffentlich geförderten Museen, in denen Kunst zunehmend als Vermögenswert exponiert wird – gerade Köln kann davon ein Lied singen.

Theater aber verschwendet Geld und Zeit – jeder Versuch, diesen Umstand betriebswirtschaftlich zu beschönigen, ist auf Dauer vergeblich; in Bremen ist er schon nach zwei Jahren (darin liegt die allseits unterschätzte Bedeutung der aktuellen Bremer Krise) gescheitert. Eine Stadt, die diesen Umstand – aus welchen Gründen auch immer - nicht länger ertragen will, sollte selbstverständlich keine Theaterneubauten planen.

Ein Neubau des Kölner Schauspiels hätte allerdings von künstlerischer Seite von vornherein nicht befürwortet werden dürfen. Alle Gründe, die jetzt zu Recht gegen ihn angeführt werden, waren a priori gegeben. Selbstverständlich hat Karin Beier Recht, wenn sie die Bereitschaft, einen unsinnigen und noch dazu abstoßenden Neubau an Stelle des zweckmäßigen und großartig-nüchternen Riphanbaus zu  errichten, in ein Verhältnis setzt zu der mangelnden Bereitschaft, das örtliche Theater so zu alimentieren, dass es eine Zukunft hat.

Der fachmännische Verweis auf die Kameralistik ("investiv" ist nicht "kosumtiv") ist geeignet, mit Brecht zu sprechen, "den Zorn des Denkenden" hervorzurufen – er ist selbst ein Symptom für die grassierende Hirnerweichung in Rathäusern und anderen Verwaltungs- und Leitungsspelunken. Der springende Punkt ist nur, dass auch dann, wenn diese Bereitschaft der Stadt existieren würde, der Neubau jeder Berechtigung entbehrte. Die technischen und anderen Mängel, die sich im Laufe der Jahre an dem Gebäude zeigten, waren nahezu immer mit recht bescheidenen Mitteln zu beheben – und wenn sich seit meiner letzten Arbeit in Köln vor rund zehn Jahren keine dramatischen Verfallserscheinungen bemerkbar gemacht haben, rechtfertigt der Zustand des Hauses seinen Abriss in keiner Weise.

Und käme die Sanierung auch genau so teuer zu stehen wie der (offenbar kläglich inkompetent kalkulierte) Glas-Keramik-Palast, geböte der schützende Umgang mit der architektonischen Substanz der Stadt es gleichwohl, das Gebäude zu erhalten und den denkmalpflegerischen Aspekten den Vorzug vor der Optimierung von Betriebsabläufen einzuräumen.

In diesem Sinne haben wir es mit einem kulturellen Problem zu tun. Und in diesem Sinne unterstütze ich Ihren Aufruf. Bitte setzen Sie meinen Namen in die Liste – nur versprechen Sie sich keine große Wirkung!

Mit herzlichen Grüssen – Frank-Patrick Steckel.

PS. "Die Griechen hatten keine Zeit für Kultur." (Heidegger)


Mehr zur Debatte um Neubau oder Sanierung des Opern- und Schauspiel-Gebäudekomplexes lesen Sie hier.

 
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