Nitribitts schöner Schein

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 16. Dezember 2009. Bei dieser Premiere ist alles anders. Keine Glocke schellt sekttrinkende Zuschauerschaften in den Theatersaal hinein. Im Foyer des weiten Bockenheimer Depots stehen nur einige wenige dunkel gekleidete, flüsternde Gestalten. Rechts sitzt ein Mann mit Kopfhörern, steht schließlich auf und geht durch eine Tür in gleißendes Licht hinein. Eine Frau im roten Rock läuft mit klappernden Absätzen quer durchs Foyer. Wenig später werde ich diese Absätze wiederhören, wenn sie per Kopfhörer durchs Ohr klackern. Und noch später werde ich den Mann mit den Kopfhörern wiedersehen, durch eine halbverspiegelte Glasscheibe.

Einzeln betritt man das Spiegelkabinett des Bernhard Mikeska. Und begegnet auf seinen Fluren den drei anderen Besuchern, die es zugleich und doch zeitversetzt durchlaufen. "Remake::Rosemarie" heißt der Abend, den jeweils nur 22 Personen sehen können – Mikeska nennt sie "Beobachter".

Ein Zimmer für jeden Zuschauer
In seinen "Szenischen Installationen für je einen Beobachter" baut der Theatermacher labyrinthische Fiktionsmaschinen, reiht Zimmer aneinander, in denen jeweils ein Zuschauer einem Schauspieler begegnet, der ihm exklusiv und hautnah eine Geschichte erzählt. Oder vielmehr einen Geschichtsfetzen, in dem Spuren gelegt, Perspektiven gebrochen und Tatsachen veruntreut werden. Das Interesse am Kriminalstück ist nicht zu übersehen, etwa in "Rashomon :: Truth lies next door", das 2007 zum Festival Impulse in NRW eingeladen wurde.

Auch in Frankfurt wird ein Kriminalfall aufgewickelt, werden Zeugen herbeigerufen und Aussagen gesammelt. Mikeska hat sich mit dem Autoren Lothar Kittstein die Geschichte der Rosemarie Nitribitt vorgenommen, jener Frankfurter Prostituierten, die am 1.11.1957 ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden wurde. In ihrem Notizbuch sollen sich die Namen vieler Prominenter gefunden haben. Ihre Ermordung wurde nie aufgeklärt, doch schon ein Jahr später kam der Film "Das Mädchen Rosemarie" in die Kinos. Eine Edelnutte, auferstanden aus Ruinen vor der jungen Dekadenz des Wirtschaftswunders, die nach kurzem Höhenflug tief fiel – das ist der Stoff, aus dem die Legenden sind.

Die letzte Stunde und ein rotes Sofa
Mikeska hat die Recherche wieder aufgenommen und fiktiv die letzten Stunden der Nitribitt durchgespielt. Hinter der lichtschlagenden Tür stößt man in vier fast identischen Zimmern mit einem roten Sofa, einer Wanduhr, einem Kalender, Tischchen und einer Blumenvase auf ihre Zeitgenossen. Rudi Endler (Thomas Schmidt) etwa, ein nervöser Typ, der mir händereibend in die Augen schaut, fragt, ob er zu früh sei? Denn da stürmt ein anderer Herr herein, dem das Hemd noch aus der Hose hängt.

Endler wird mir ein Angebot machen, das ich ausschlagen kann – die erste einer Reihe von Offerten dieses 50-minütugen Nahangriffs. Denn Mikeska und Kittstein machen die Zuschauer zu Komplizin und zu Verdächtigen. Ihnen wird ins Ohr geraunt: "Du Drecksstück", oder ins Gesicht gesagt: "Du schöner, schöner Mensch." Einzige Möglichkeit, Distanz zu halten, sind die Kopfhörer. Aus denen ertönt nicht nur die raunende Stimme der Nitribitt (Valery Tscheplanowa), wenn man sich kurzweilig alleingelassen auf Fluren befindet, wo sie Kindheitsgeschichten voller Elementarstoffe wie Milch, Lehm und Blut erzählt. Durch sie hört man auch die Schauspieler, die in nächster Nähe sprechen – in Mikroports. Hört das Rascheln ihrer Kleider, das Knistern ihrer Haut. Begegnet so also in ferner Nähe dem Pelzgerber Endler, der Rosemarie gern zu seiner Frau machen würde – wenn ihn dann der Vater nicht totschlüge.

Alles scheint möglich
Aber: "Überleg's dir!" raunt er und schiebt mich zur Tür hinaus. Es folgen weitere Liebesgeständnisse, Verdächtigungen, Anrufungen: "Du musst dich nicht jetzt entscheiden. Überleg’s dir!" In einem denkwürdigen Auftritt wird auch die Hauptfigur selbst erscheinen, ihren Mund zum Kuss darbietend: "Was sollen wir tun? Wir können alles machen, was du willst."

Ein hautnahes Zumutungstheater, das bei fast penetranter Intimität schönen Schein am laufenden Meter produziert und einen ebenso starken Fiktionsstrudel entwirft wie ein Hollywoodfilm. Nachher weiß man ohnehin nicht mehr über den Fall Nitribitt. Aber ein bisschen mehr über das eigene Zuschaubegehren, über das Machtspiel des Sehens und Gesehen-Werdens und von Scham und Nähe. Trotzdem ist die kalte Winterluft vorm Bockenheimer Depot mehr als willkommen, frostig die Traumverwirrung beiseite wischend.

 

Remake::Rosemarie
Eine szenische Installation für je einen Beobachter
Regie: Bernhard Mikeska, Text: Lothar Kittstein, Raum: Evi Wiedemann. Mit: Valery Tscheplanowa, Thomas Huber, Martin Rentzsch, Esther Hausmann, Thomas Schmidt, Yevgenia Korolov, Lotte Schüßler, Günter Knauf.

www.schauspielfrankfurt.de

Mehr über Bernhard Mikeska im nachtkritik-Archiv: Im Oktober 2007 entstand im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee Ghosts:: who's watching you?.

 

Kritikenrundschau

"Es geht um Fiktion und Realität. Die Zuschauerperspektive wird zerstört. Das Guckkastenprinzip aufgehoben. Der Betrachter in einen ambivalenten Zustand versetzt", so Michael Hierholzer in der FAZ Rhein-Main-Zeitung (18.12.). An diesem Abend werden die Besucher einzeln begrüßt. Dass sich die Schauspieler um jeweils nur einen Zuschauer kümmern - er später dämmere einem, dass das kein Luxus sei, "sondern Teil eines Experiments. Eines philosophischen Menschenversuchs". Rosemaries Reich, das man mit Sender und Kopfhörer ausgestattet betritt, verweise mit seinen Utensilien auf das Jahr 1957, in dem die Frau eines gewaltsamen Todes starb. Der Parcours garantiere eine Theatererfahrung der besonderen Art, "mit direkter Ansprache. Mit einer Nähe, die sich ins Unangenehme steigert. Mit der Fiktion einer Intimität, die einen ausgesprochen seltsam berührt, ja: verstört."

Auch Peter Michalzik (Frankfurter Rundschau, 18.12.) hat die Kopfhörer aufgesetzt. "Da spricht jemand, flüstert, schnauft, atmet ganz nah, fast innen drin in Ihrem Kopf. 'Du bist mein Fuchs', sagt die Stimme. 'Na, mein kleines Tier' schleicht sie sich in Ihr Ohr. 'Spürst Du Dein Herz schlagen', fragt sie schmeichelnd. 'Spürst Du die Hitze in Deinem Herz?' Da denken Sie, dass Sie wissen, wer Sie sind. Aber denkste." Es gehe um den ungeklärten Mord an Rosemarie Nitribitt, "und auf jeden Fall nehmen Sie irgendwie am ihm teil". Ebenso sicher sprechen die Personen ganz persönlich mit Ihnen, sie sprechen Sie an, und Sie können manchmal antworten, wenn Sie wollen, "je nachdem, wer diese Personen sind, mit denen Sie allein sind, sind auch Sie jemand anderer. Und darum geht's: Wer bin ich, tief in mir drin? Der Vergewaltiger der kleinen Rosalie Marie Auguste, der reiche Freier, der arme Freier, die Zugehfrau? Oder vielleicht die Nitribitt selbst?" Je nachdem, wer man sei, antworte man anders. "Hier ist man als Zuschauer richtig gefordert, je mehr man versteht, welche Rolle man gerade übernommen hat, desto mehr kann man sich einlassen und desto mehr hat man von dem Selbsterfahrungstrip, auf den Mikeska und sein Texter Lothar Kittstein einen hier schicken."

 

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