Bleib der eine, stets entzweite Mensch

von Anne Peter

Berlin, 16. Dezember 2009. Jetzt!, denkt man. Jetzt ist sie echt, diese Johanna. Jetzt scheint dort oben eine Figur mit ihrer ganzen großen, echten Wut zu uns zu sprechen. Eine Wut, die mit der Erkenntnis gewachsen ist und gegen Ende des Theaterabends in jenen berühmten Revolutions-bejahenden Brecht-Satz mündet: "Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und / Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind."

Die Wut hat ihre Stimme rau gemacht und Tränen aus den kajalverschmierten Augen getrieben. Es ist eine Wut, die man dieser Johanna allzu gern glauben, von der man sich wenigstens für einen Augenblick aufgerüttelt fühlen möchte. Doch schon entschwindet Katharina Marie Schubert gen Unterbühne, um kurz darauf in jenem weiß gleißenden Glitzerschuppen-Kleid wieder aufzustehen, mit dem sie den Abend begonnen hatte.

Komplexe systemstabilisierende Kräfte

Wir sind überführt: dem Revolutions-Kitsch sind wir aufgesessen, sonst nichts. Die ihr von Brecht noch zugebilligte Märtyrerrolle darf diese Johanna nicht spielen. Stattdessen stimmt sie am Ende ein in den Chor jenes System-stabilisierenden "Reiche den Reichtum dem Reichen! Hosianna!" und singt dann noch das Loblied der Zwei-Seelen-Brust: "Bleibe stets mit dir im Streite! Bleib der Eine, stets Entzweite!"

Hiermit wird gewissermaßen auch das Credo des Weder-Noch, das Nicolas Stemann in seiner "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" drei unterhaltsam-anregende Stunden lang ausbuchstabieren lässt, des beständigen Changierens in einem unendlich komplexen Gesamtzusammenhang, das keine Position als haltbare durchgehen lässt, am Ende bitter ironisiert. Und auch sonst wird bei Stemann wie gewohnt alles in sich stets weiterschraubender Ironisierung und Kommentierung bis zur Unhaltbarkeit entstellt.

Brechts "Heilige Johanna" hat, neben Jelineks Kontrakte des Kaufmanns, aus naheliegenden Gründen in dieser Finanzkrisen-Saison 2009/10 Hochkonjunktur. Tilmann Köhler inszenierte das Stück am Staatsschauspiel Dresden unlängst in kühl-wuchtigem Metallkisten-Setting als Testosteron dampfendes Boxgerangel, in dem die Figuren noch deutlich als solche erkennbar mit den zwei Seelen in ihrer Brust rangen.

Gerangel um die Mauler-Rolle

Stemann geht das Ganze erwartungsgemäß ganz anders an und ist über so etwas wie widersprüchlich fühlende Subjekte schon hinweg. Andreas Döhler, Felix Goeser und Matthias Neukirch verkörpern bei ihm, mal abwechselnd und Rollen-springend sowie Regieanweisungs-verlesend, mal chorisch das 'System Mauler' bzw. das obere Ende der sozialen Hierarchie – und lösen so das individuell haftbar zu machende Subjekt in ein jede Verantwortung zerstäubendes Kollektiv von Highclass-Konkurrenzlern auf. Wenn die Geschäfte des Fleischkönigs gerade gut laufen, streiten oder rangeln sie um die Mauler-Rolle. Wenn dieser zur Rede gestellt wird, will keiner der Mauler gewesen sein.

Die bei Brecht angelegte Romanze des moralisch angefochtenen Fleischbosses mit Johanna wird von Stemann ganz ins Reich der Soap-Kulissen verwiesen. Und geheuchelte Moral wird in aufgesetzte Sorgenfalten gepackt. Besonders eindrucksvoll der Hundeblick von Goeser, der immer mal wieder zur Rechtfertigung des vermeintlich naturgegebenen kapitalistischen Systems anhebt: "Gegen Krisen kann keiner was!". Die Bilder von demonstrierenden Menschenmassen, eingreifenden Polizisten, Plattenbausiedlungen, einem aus verschiedenen deutschen Großstadt-Bauten zusammengesampelten Bankenviertel, inklusive Berliner Fernsehturm, werden als Live-Video-Abfilmung von Miniaturmodellen auf die Projektionswand gebeamt. Und ein 23-köpfiger Chor leiht auf der Drehbühne mal den kleinen Spekulanten, mal den Arbeitslosen eine Stimme.

Tausend Hungertote auch während dieser Show

Wie so oft gereicht Stemann der Plot, der um halsbrecherische Insider- und Termingeschäfte am Fleischmarkt von Chicago gestrickt ist, zur großen Selbstreflexionsshow. Jeder Vorwurf, den man einem wohlfeil sozialkritischen Theater machen könnte, ist hier schon mitinszeniert. So betreten zu Anfang vier Schauspieler in Galakostümen die Bühne, Johanna in besagtem Glitzerkleid, die drei Männer in weißen Anzügen – es herrscht die Verlogenheitsatmosphäre einer Wohltätigkeitsveranstaltung.

Brechts Gutes-tun-wollende Johanna erscheint auf der Metaebene dabei quasi als Personifikation des kritisch beflissenen Kulturbetriebs. Bis zu ihrem Rausschmiss aus der Heilsarmee agiert die tolle Katharina Marie Schubert als eine Art einfühlsame Talkmasterin, sanft ermunternde Engagementsbetreiberin zwischen Anne Will und Sandra Maischberger, die alle Wohlmeinensblicke, alle Gutmenschengesten perfekt beherrscht und sich selbst ihre Rolle am allermeisten abnimmt. Da wird von prekären Verhältnissen, vom Elend, vom Hunger, vom Frieren der Arbeitslosen gespielt, die vor den zugesperrten Fleischfabriken sitzen, während man im Deutschen Theater stets Schuberts Abendkleid vor Augen und es ansonsten kuschelig warm hat: "923 Menschen sind seit Beginn dieser Vorstellung an Hunger gestorben", zeigt die Videoleinwand im Aktienkurs-Stil an und zählt mit jeder Sekunde einen Toten mehr, 924, 925, 926...

Und am Ende ein kleines Huch

Das untere Ende des sozialen Schaukelbretts wird von der aufwühlend sperrigen Margit Bendokat besetzt. Ihre trainingsbejackte Frau Luckerniddle schleppt in den beiden Lidl- und Obi-Tüten an ihrer Seite mutmaßlich ihr gesamtes Hab und Gut mit sich, ihre Schnarrstimme erinnert in diesem Kontext plötzlich an den Aufsagemodus der müden Straßenzeitungsverkäufer in Berliner U-Bahnen. Stemann wertet die Luckerniddle zum eigentlichen Störfaktor im Mauler-System auf, kann sie im Gegensatz zu Johanna doch weder integriert noch instrumentalisiert werden.

Bisweilen schleudert diese meist stoisch-stumpf blickende Person ihre Plastiktüten gefährlich wild um sich oder brüllt als Arbeiterführer propagandascharf ins Megaphon. Wenn sie ganz am Ende noch einmal gut kommunistisch darauf besteht, dass man hätte generalstreiken sollen, wird sie kurzerhand mit einer Maschinengewehrsalve – aus dem Klangbaukasten der Bühnenmusiker – niedergestreckt. Und Johanna kann nur noch ein "Huch!" ins Mikro hauchen. Mit diesem fatal hilflosen Achselzucken entlässt der Abend einen ins Nachdenkgewitter.


Die heilige Johanna der Schlachthöfe
von Bertolt Brecht
Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Oliver Helf, Nicolas Stemann, Kostüme: Esther Bialas, Komposition und musikalische Leitung: Thies Mynther, Video: Claudia Lehmann, Chorleitung: Marcus Crome, Dramaturgie: Sonja Anders, Licht: Matthias Vogel.
Mit: Margit Bendokat, Andreas Döhler, Felix Goeser, Matthias Neukirch, Katharina Marie Schubert (Schauspieler), Johannes Alfred Mehnert, Thies Mynther, Antonio Palesano, Richard von der Schulenburg (Musiker), Ekaterina Grizik (Live-Video), Christiane Droz, Nina-Maria Fischer, Barbara Jaenichen, Gesina Drebber, Christa Meier, Irene Oberrauch, Silvia Pagel, Josephine Rösener, Winnie Siepert-Lemke, Ingetraud Skirecki, Lothar Butszies, Werner Feja, Stephanus Fränzel, Volker Giese, Thomas Hartkopf, Uli Heim, Fritz Walter Huste, Christoph Jaenichen, Henry Kotterba, Manfred Meier, Reinhard Schmidt, Jens Wetzel, Tobias Wuttke.

www.deutschestheater.de


Mehr zu Nicolas Stemann in nachtkritik-Archiv: Im Oktober 2009 inszenierte er am Thalia Theater Lessings Nathan der Weise. Und im April 2009 brachte er Jelineks Die Kontrakte des Kaufmanns in Köln zur Uraufführung. Mit Schillers Räubern befasste sich Stemann 2008 bei den Salzburger Festspielen in Kooperation mit dem Thalia Theater. Und Friedrich Schiller lieferte auch die Basis für Elfriede Jelineks RAF-Stück Ulrike Maria Stuart, das 2007 zum Theatertreffen eingeladen war.

 

Kritikenrundschau

Für Ulrich Weinzierl (Die Welt, 18.12.) ist mit dem "Huch!" am Schluss der Abend "auf den Begriff gebracht". Diese Inszenierung ist für ihn ein "Fehlgriff": "Stemann hat, was Könner auszeichnet, eine unverkennbare künstlerische Handschrift. Die darf sich alles erlauben, wenn sie konsequent bleibt. Hier indes zerfließen szenische Krakelzeichen ins Beliebige, ein Klecks reiht sich an den anderen." Es ist, als hätte Stemann "seine eigentümliche Sprache verloren, als würde er in fremden Idiomen stammeln". "Naturgemäß" liege der Reiz von Brechts Lehrstück "keineswegs in der ideologischen Doktrin, sondern in der virtuosen Travestie des hohen Tons der Verse, in denen da Ökonomie und Moral, das Krudeste und das Erhabene abgehandelt sind". Doch "wie ungeheuer banal und albern" wirke das bei Stemann. Die Aufführung schwanke "zwischen Verfremdungseffekten, Kabarett, Slapstick und musikalischer Revue". Alle Figuren werden hier "dem Gelächter preisgegeben. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Lesen wir stattdessen lieber den armen, klugen B. B.!"

"Abgegriffen" ist auch laut Irene Bazinger (FAZ, 18.12.) das, was Nicolas Stemann hier "abliefert": "Das Ensemble ist nämlich durchgängig gezwungen, auf völlig banale Weise zu zeigen, dass es Theater spielt, dass dazu Worte und Figuren gehören – vermutlich damit das Publikum nicht vergisst, wo es ist und was es sieht." Das sei zwar zuweilen "lustig", wirke aber "ziemlich hilflos, wenn die Darsteller in fliegenden Wechseln die Rollen tauschen und die Besucher ostentativ augenzwinkernd über das Offensichtliche informieren". Stemann nehme zwar das Stück ernst, "aber das Stück nimmt ihn nicht für voll". Und "wo der Autor von Fleisch und Tücke redet, gibt's beim Regisseur nur Luft und technischen Aufwand, und wo jener plastisch komplex wird, nur durchsichtige Posen".

Hans-Dieter Schütt (Neues Deutschland, 18.12.) schreibt dagegen: Die Inszenierung "empfand ich so stark, dass die Lust am Theaterbeschreiben verging. Es gibt Kunst, da bist du schnell wieder draußen, also drin im akuten Lebensgefühl." Stemann spiele mit dem Stück. "Das ist sein Bekenntnis zur Ohnmacht, 'There ist no Alternative' leuchtet es auf der Leinwand. Kapitalismus for ever. Für immer? Das heißt: so weit unsere beschränkte Fantasie reicht. Aber die Inszenierung leidet auch an dieser Ohnmacht, an diesem ironischen Weltverhalten, Stemann ist ein Durchreisender im orientierungslosen Raum, er gesteht, dass es die Reise in einer Gespensterbahn ist." Es sei "zum Wahnsinnigwerden. Johanna wird wahnsinnig." Und im Programmheft stehe der Satz: 'Nach sechzig Jahren Sozialer Marktwirtschaft in Deutschland scheint es 2009 legitim, mit Brechts 'Johanna' im Hinterkopf zu fragen: Warum wollen WIR keine Gewalt?' Es gibt gute Gründe und feige Gründe. WIR. Die wohlanständigen Wegseher, redlichen Ich-Interessler, diskursfiebrigen Sprachlosen."

Und "wie macht man Kapitalismuskritik, wenn man ausgerechnet 1968 geboren ist und nicht die geringste Lust hat, das Theater seiner Rabenväter zu wiederholen?", fragt Rüdiger Schaper (Der Tagesspiegel, 18.12.). "Nun", so seine Antwort, "der Regisseur Nicolas Stemann nimmt (...) die schwere Sache leicht." Es gebe hier zwei Möglichkeiten: "Entweder macht sich Stemann über das alte politische Theater und seine Parolen lustig und findet das alles eigentlich blöd: Dagegen spricht, dass das im Grunde schon Brecht erledigt." Oder aber Stemann "will zeigen, dass wir unfähig sind, politisches Theater überhaupt noch auf die Bühne zu stemmen. Dafür spricht die Mauligkeit seiner Protagonisten, ihre demonstrativ zur Schau gestellte Unlust und ihr fader Zynismus". Diese Haltung übertrage sich auf die gesamte Veranstaltung: "Zynisch, müde, gequält höflich und heiter. Kurz: verlogen. Was soll's, Brecht ist Mist, Kapitalismus ist Scheiße, und dem Theater fällt dazu halt nichts mehr ein." Das ergebe "einen schrecklich matten Abend zwischen Hoffen, dass es einmal wieder besser wird, und Bangen, dass es jetzt immer so läppisch weitergeht".

Ist dieses "Huch-Theater" wirklich "eine komplexe Variante der Kapitalismuskritik?", fragt dagegen Dirk Pilz (Berliner Zeitung, 18.12.). "Ist es, zum Beispiel, komplexer als jenes von Volker Lösch (...)? Und ist es intelligenter, wenn bei Stemann alles in Frage gestellt wird, nur nicht seine Inszenierungsprämisse, derzufolge sich das verantwortliche Subjekt in Systemdampf aufgelöst hat? Es sieht bei Stemann zumindest alles sehr tricky aus." Anders als zuletzt am Hamburger Thalia Theater, "wo er mit 'Nathan der Weise' auch seine eigene Verzweiflung angesichts dieser unserer überaufgeklärten Welt mitinszeniert hat, stellt er hier nur eine schale Botschaft aus". Sie laute: "Es gibt keine einfachen Wahrheiten." Es hätte sich aber gelohnt, darüber "etwas unvoreingenommener, vorsichtiger" nachzudenken. Der Abend würde nicht "derart abgekapselt, besserwisserisch wirken". Brecht werde damit von Stemann unterboten: "Dessen Stück handelt von der Überprüfung der 'großen geistigen Systeme', und keines lässt er aus. Stemann demontiert ebenfalls alles, nur nicht sein gemütliches Huch zu allem."

Nicolas Stemanns sonst "so leichtes Balancieren von inhaltlichen Schwergewichten" komme hier nicht zum Zuge, schreibt Katrin Bettina Müller (taz, 18.12.): "Während der Regisseur sonst auf der Metaebene, mit der Reflexion seiner Theatermittel, stets auch inhaltlich den Horizont aufreißt, bleibt dieser Zugriff bei Brecht, der diesen Geist ja vorgegeben hat, plan." Aus diesem Schema schere allerdings eine aus, die Schauspielerin Margit Bendokat: "Ihre Verteidigung des Kommunismus ist genau jene Stelle, an der man unsicher wird, wie ernst das gemeint ist; die Schauspielerin, schon lange am Deutschen Theater in Berlin und gelernte Ostlerin, schafft es ausgerechnet mit einem routiniertes Leiern pathetischer Worte, das Zuhören und Mitdenken wieder einzuschalten. Da war mehr als Theater, da knallte Geschichte durch eine elegante Oberfläche, plötzlich und präzise." Und so, wie Bendokats Agitatorin die Lage schildert, "zwischen den Spekulierenden und den Verarschten, so lässt Stemann seine Inszenierung auch enden. Es gibt keinen Grund mehr, nicht zu Gewalt zu greifen."

Von einer" immerwährenden ironischen Brechung" berichtet Eberhard Spreng (Deutschlandfunk, Kultur heute, 17.12.). Jede Handlung, die die Geschichte vorantreiben könnte, werde wieder persiflierend zurückgenommen. "Kaum ist eine Szene skizziert, zieht sich eine ihrer Figuren wieder aus dem Spiel auf die Metaebene zurück. Ist das die marxsche Charaktermaske der ökonomischen Rolle, die hier gezeigt wird? Nein, es ist der Stemannsche Regiebaukasten der immerwährenden Migration der Zeichen von einer Darstellungsebene zur nächsten." Das habe einigen "Witz", doch "am Ende hat Stemanns Regiezeichenbausatz sein Pulver verschossen, ist auch die Ironie müde geworden und hat einem melancholischen Pathos Platz gemacht. Aber all das ist einem Stück gegenüber äußerlich geblieben, das sich nur bei oberflächlicher Betrachtung eignet, um mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 von der heutigen Krise zu erzählen".

Für Christopher Schmidt (Süddeutsche Zeitung, 18.12.) hingegen zielt "der ganze Gestus des Abends" darauf, "Brecht als Ahnvater des Diskurs-Pop zu rehabilitieren". Er hat einen "listigen Versuch" Stemanns gesehen, "dem Unterhaltungskünstler im Lehrmeister zu seinem Recht zu verhelfen". Dabei erweise er sich "als der beste Schüler seines Autors" Brecht. Und Katharina Marie Schubert erweise sich wiederum als "ein wahres Vorweihnachtsgeschenk für Berlin. Sie spielt die Johanna mit augenzwinkernder Nonchalance, eine vom Himmel gefallene Fee im langen Paillettenkleid". Die Frage nach dem gewaltsamen Widerstand bleibe hier "kokett offen". Überhaupt inszeniere Stemann nach der Pause "skizzenhaft, zuletzt fahrig". Aber auch hierbei gebe es "tolle Kabinettstückchen, intelligente Seitenhiebe und wunderbare Musik". Stemanns Inszenierung wirke am Ende "unfertig, aber wirklich fertig werden kann man kaum mit diesem Stück. Spielen jedoch sollte man es - dieser ebenso amüsante wie analytische Abend zeigt, wieviel Klasse in dem Schulbuch-Klassiker steckt, wenn man sein vergilbtes Etikett abreißt".

Laut Hannah Pilarczyk (Spiegel online, 17.12.) wiederum geht dieser Theaterabend "auf völlig unerwartete Weise schief". Mit seinen Inszenierungen von Elfriede Jelineks Texten habe er gezeigt, "wie beherzt er Stücke in die Mangel nehmen kann: Er führt vor, wo sie Empörungsfolklore leisten, walzt den Slapstick aus und lässt dennoch ihren moralischen Kern intakt". Bei der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" habe ihm Brecht diese Arbeit aber "leider schon abgenommen". Deshalb bekomme man hier "erstmalig einen sehr ratlosen Stemann zu sehen". Leicht setze der Abend an, doch die Inszenierung wirble durcheinander, "sobald Brechts Text etwas mehr Wind macht". Und als hätte Stemann "selbst erkannt, dass seine Banalisierung von Brecht ins Leere läuft, setzt er nach der Pause plötzlich auf Bierernst". Allein der "herausragenden Margit Bendokat" gelinge es, "über den gesamten Abend Komik und Betroffenheit zu gleichen Teilen zu verschmelzen".

 

 
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