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Die Trennung der symbolischen Körper von den real existierenden Choristen im Theaterzoo
oder
Ein Theaterdachschaden

13. Dezember 2009. Mon!, nach Volker Löschs erstem Berliner Auftritt mit Berlin. Alexanderplatz und einem Chor von 21 Ex-Sträflingen fliegen die Fetzen.
Welch ein "Schmonzes", ruft "G. Friedrich" aus, "Verblödung höchsten Grades". - "Johannes Wojaczek" dagegen sieht Hauptdarsteller Sebastian Nakajews treffliches Spiel "eindeutig geprägt von Charaktären und Erlebnissen der tatsächlich Hafterfahrenen". - Jede Literatur diene Lösch dazu seine These zu illustrieren "das an wirklich jedem problem die gesellschaft schuld ist", schreibt "volker blutig". "individualität und damit individuelle verantwortung auch individuelles leiden, fehler, irrtümer, trauer, sehnsucht... existieren für ihn nicht." - "Form/Function" sieht bei Lösch den "Holzschnitt" aus dem Hause Brecht, "Reduktion von Komplexität" durch die "eine gefährliche Art von Unreflektiertheit" entstehe.  - Was sei schon der Bankeinbruch eines Tegeler Knackis gegen die "organisierte Kriminalität", wenn "Ackermann Bankberater aussendet, die Stadtkämmerer von Cross Border Leasung Geschäften überzeugen sollen und ihnen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Verträge aufnötigen, die zum Bankrott der Stadtkasse führen", fragt "Richter". - "Rosa L.", die Nachfolgerin von  "Jeanne d’Arc", gibt zu bedenken: "Möglicherweise eröffnet die ästhetische Situation den Ex-Strafgefangenen genau den Artikulationsraum, welcher Ihnen ansonsten kaum zugestanden wird, da sie gemeinhin als "dem Milieu" zugehörig abgestempelt und stigmatisiert werden." - Lösch behaupte ja gar nicht, dass die Gesellschaft an allem schuld sei, schreibt "n. draeger", sondern "er macht unterschiedlichste Denk- und Reflexionsebenen zum Thema Verbrechen und Gesellschaft auf - ganz ohne eine einfache These zu vertreten!". "Müller" insistiert unterdes: "Dass Ackermann organisierte Kriminalität begeht stimmt doch. Entkräftige mal argumentativ das Argument, dass die Kriminalität reicher Leute erheblich größeren Volksschaden anrichtet als die Kriminalität armer Leute." Darauf "Willi Wonka": "Müller, schießen Sie Tore, aber schreiben Sie nicht!" – "Der Abend ist nicht politischer als die Comics von Carl Barks. Lösch ist bloß einer, der die plakativen Posen der Revolte für das Theater ausbeutet, ohne ans echte Ändern der Verhältnisse zu denken", befindet "Robbis Bier".  - Und "praxis agamben" glaubt anders als im Falle Lösch würde "bei rimini protokoll sicher keiner von ausbeutung reden, wenn die experten über heuschrecken oder wallenstein plaudern. das wäre voll die antirepräsentative trendige performance installation. nur bei den ausgesperrten, da läuten die alarmglocken.  …"

Wenn Theater so eine "geil zerfetzte" Debatte noch schafft: nicht schlecht", jubelt "werbung". "@werbung" ist ganz anderer Meinung: "Dann ist Theater gut, wenn es schlecht genug ist, einen auf die Palme zu bringen?"

Gute Ensembleleistung lobt "zuschauer", fragt sich aber "wo jetzt eigentlich die Frage war?" Und "Piscator" mutmaßt, ob nicht allein schon durch die präsenz der Ex-Knackis  "die hermetisch-bürgerliche theaterhierarchie in frage gestellt" werde. Inklusion in die Gesellschaft durch Ausstellung der Exklusion – gewissermaßen (d. Verf.) "@piscator" findet diese Praxis bloß "exhibitionistisch-voyeuristisch. wenn es wenigstens ein bißchen gefährlich wäre …"- Der "Tigerenten-Weihnachtsmann" sieht die "Entsolidarisierung der Gesellschaft" voranschreiten und ballt schon die Faust rebellisch in der Tasche. Fürchtet aber dass die Faust dort auch bleibe - in der Tasche. Ja, schreibt "Rosa L.", auch sie befürchte, "dass Volker Löschs Arbeiten letztlich eben doch nur einer Art Zoobesuch gleichen könnten. … Geht es hier um die Aneignung und damit gleichsam um die "Besetzung" des Bühnenraums als Teil des öffentlichen Raums oder um die Enteignung durch denselben? Öffnet sich der Spiel-Raum hier auf das Politische hin (was zu hoffen ist!) oder auf die reine Sensationslust?"  Mennoh, was ist denn jetzt: "werden bei rimini protokoll laien auch zum zwecke des profits anderer instrumentalisiert?" - "@50": das expertentum bei rimini ist nicht auf der seite des dressurexperten von ex-strafgefangenen." - "Rosa L.": Volker Lösch macht sich tendenziell eher zu einer Art napoleonischen Führers der "unterdrückten Massen", wohingegen sich die Experten bei Rimini Protokoll die Bühne tendenziell eher selbsttätig aneignen, bei Lösch steht die Masse Mensch bzw. der Chor im Vordergrund, bei Rimini Protokoll die individuelle Biographie. - "Protokollnachfrage": wieso denn? "ich habe bei rimini immer selektion durch die regisseure/in gesehen. ... warum jemand im chor agierend auch über einen "fremdtext" nicht von sich erzählen können soll, ist mir nicht ganz klar ..."


Und dann noch? Blamiert sich Claus Peymann im Berliner Ensemble, als er sich mit schlüpfriger Männerfantasie über Carlo Goldonis Trilogie der schönen Ferienzeit hermacht und das Ganze auch noch als politische Tat zu verkaufen sucht. Christoph Schlingensief annonciert den Baubeginn seines Opernhauses in Burkina Faso für Januar und gestaltet das Weihnachts-Feuilleton der Wochenzeitung Die Zeit als eine mehrseitige Anzeige für sein Projekt.
Und dann steht das Christkind draußen und will ins Haus.

 

 

 

 

 
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