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Ulkigst genossener Stuhlorgasmus

9. April 2009. Frank Castorf, der Geliebte, der Unerreichte, in den Himmel gehobene und in den tiefsten Krisenabgrund niedergeschriebene Castorf, inszeniert Amanullah Amanullah, einen Franz Arnold & Ernst Bach-Schwank im Prater der Volksbühne. Mit afghanischem König, Augenrollen, Türenklappen, Gekreisch mit österreichischem Akzent. Für den hauseigenen Skandalruch sorgt der Verlag. Er argwöhnt allfällige Regiegewalttätigkeit gegen das literarische Kulturgut und verbietet die Verwendung des Original-Titels "Hulla di Bulla" .

Die Kommentare tröpfeln Castorf-unüblich eher spärlich. "Benjamin Blümchen" freut sich über "geile schauspieler" und die Rückkehr eines Ensembles. "Henriette Schwungfuß-Brolle" bekam Denkanregungen etwa zu "repressiven Mechanismen in einem Staat" in einer Aufführung weit über "dem üblichen Boulevardniveau". Heftiger schlagen die Commentatores mit den Flügeln als "Johnny Cash" knochentrocken für das 1928 geschriebene Stück "sozioökonomische und politische Parallelen" zur Weltwirtschaftskrise 1929 aufzuzeigen" sich anschickt. Sobald eine demokratische Gesellschaft sich nicht mehr auf "der Basis eines gemeinschaftlich ausgehandelten politischen Diskurses, sondern auf der eines reinen Verwaltungshandelns" aufbaue, liege "darin möglicherweise der Keim" für "mafiöse Verstrickungen". Das wiederum lasse sich mit dem von Castorf in den Schwank hineinmontierten "Artaud in Verbindung bringen, da die Pest ähnlich funktioniert: Sie löst einen lebendigen Organismus von innen heraus auf". Genauso lasse sich die "gegenwärtige Lage in Afghanistan beschreiben". Denn statt Freiheit und Demokratie herrschten "die Drogenökonomie mit ihren Händlern, Clans und Warlords". Uff.

Unbeeindruckt von derlei politischen Exegesen entgegnet "Kraftfahrzeug", das Theater sei nicht der Ort, "um den Klimawandel, die ökonomische Krise, die Armut der Massen diskursiv zu verhandeln". Erst in der "Reibung mit dem Publikum", das "frenetisch" nach den Lachen machenden "Belanglosigkeiten" verlange, könne "ein Theater-Bewußtsein" provoziert werden, das "für den Blick auf die Welt jenseits der Kunstinstitution von Belang sein kann". Castorf schaffe das, na klar, in dem er Politik und Leiden "affektiv" bündele und das Publikum fast folterhaft lange dem Theatralischen aussetze. Dagegen findet "puppetofmasters", Theater sei gar nicht "obligiert kopflastig" zu sein. Er jedenfalls habe die Aufführung "ulkigst genossen".

Das reicht, um die Diskussion in einen polemischen Schlagabtausch zu treiben, in dem Castorfs Aufführung, von einem "Stuhlorgasmus" abgesehen, keine, Heiner Müller, die Vornamen von Dostojewski, Italo Calvino, Giorgio Agamben, Fernsehserien im Allgemeinen sowie Walter Benjamins berühmter "Tigersprung ins Vergangene" im Besonderen eine prominente Rolle spielen.

 

 
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