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Schlingensiefiaden

 

1. Mai bis 27. August 2009. Christoph Schlingensief beschäftigt die Gemüter der Kommentatoren-Gemeinde den ganzen Sommer lang. Nach seinem kontrovers debattierten Auftritt mit seiner Kirche der Angst auf dem Theatertreffen 2009, schreibt Marla P.: "Die Mythifizierung Schlingensiefs hat längst eingesetzt. Wir sind Schlingensief, wo er doch gleich auch noch den Krebs für uns austrägt. Nie war er so selbstdarstellerisch wie jetzt, aber von einem Selbstdarsteller spricht keiner mehr."

"Kirche der Angst" nimmt die Erkrankung Schlingensiefs zum Thema und Ausgangspunkt. "w.a." fragt, ob die andren Diskutanten etwa meinten, C.S. hätte "mit seinem Buch und seinem Öffentlichmachen" nichts bewegt in Sachen Krebs? "Viele waren berührt, haben etwas empfinden können und die tiefe der auseinandersetzung mit der dunklen seite in uns erfahren können", schreibt "Olaf" und ruft am Ende Schlingensief zur "Weltkunst" aus. "Jeanne d'Arc", die Unvermeidliche, behauptet, die Aufführung eröffne die Möglichkeit, "das Unverständliche ästhetisch wahrzunehmen, wo es rational nicht (mehr) fassbar" sei.

Da habe der Herr S. mit dem Krebs ja mal ein "gänzlich unbeackertes Feld" aufgetan, ätzt "aha". Während sich für den Krebs in seiner Familie keiner interessiere, werde Schlingensief "gefeiert, als hätte er Amerika entdeckt". "Roland Hübsch" findet, das "geliebte schwarze Schaf des Feuilletons" langweile mit "seinem Privat-Krempel", während "Jeanne d'Arc" schwurbelt, "das Fließen und Ausdehnen der Raum-Zeit, das Dahinfließen von Augenblicken" könne "wahrgenommen" werden in der Aufführung, "fixierte Denk- und Ordnungsschemata" würden "aufgebrochen", "Dimensionen des Tabus" an die "Oberfläche geschwemmt". Und gegen Zeitgenossen wie "Papst" gewandt, der froh ist, dass er den "verlogen weinerlich humorfreien Himmel" des Schlingensief-Universums gegen eine "saftig zynische Hölle" der nachtkritik-Kommentatoren tauschen kann, schreibt "Jeanne d'Arc", wie Beuys erkläre Schlingensief "lieber dem toten Hasen Bilder" als den "menschlichen Wesen mit ihrem sturen Rationalismus" und, schwupps, das Geoffenbarte, hier ward's Ereignis.

Nebenher macht auch ein fleckiger Stuhlgang Furore, der abermals die unnachahmliche "Jeanne" dazu anregt, sich an die "deutsche Toilettenideologie nach Zizek" zu erinnern, und letztendgültig zu fragen: "Warum ist etwas und vielmehr nichts?"

Der Onkel in der Sänfte

Kaum ist diese erste Schlingensiefiade vorüber, setzt auch schon die zweite Welle ein. Im Juni bringt ein Redaktionsblog eine Diskussion in Gang, die am Ende zeigt, wozu das Internet und seine Gemeinde fähig sind.

Aber der Reihe nach. Am Anfang schwebt der Onkel unserer Redakteurin auf einer Sänfte über die Unwegsamkeiten im Kamerun der vorletzten Jahrhundertwende. Er zitiert Goethe, um seine schwarzen Träger zu erbauen. Dann kommt der Weltkrieg, dann ist der Onkel alt und die Redakteurin sitzt, ein Kind noch, ihm zu Füßen und lauscht seinen Afrika-Erinnerungen. Schließlich kommt Schlingensief und will ein Opernhaus errichten in Afrika. Und unsere Redakteurin muss an ihren Onkel denken.

Kurz danach erscheint ein Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit, der Schlingensiefs Besuch in Afrika schildert (1). Und schon bricht die erwartbare Diskussion los: Ist Schlingensief ein Kolonialist, der den "Negern" Wagner-Opern nahe bringen will oder ein Rassist, weil er glaubt Wagner sei besser als afrikanische Musik, oder sowieso ein Maniac, den man vor sich selber schützen müsse. Oder ist Schlingensief ein Guter, vielleicht sogar ein ganz Guter, der einfach was tut, wo die anderen nur schwätzen?

Ist es angemessen, fragen etliche Mitstreiter, dass Deutschland als Teil des Westens dafür sorgt, dass afrikanische Produzenten unter den herrschenden Bedingungen des Welthandels chancenlos am Weltmarkt bleiben, die Regierung aber via Goethe-Institut den Schlingensiefschen Kultur-Export subventioniert? Ist es richtig, dass die Festung Europa sich vor den Zuwanderern aus Afrika abschottet, aber deutsche Künstler nach Afrika schickt, damit sie dort, so Schlingensief, "lernen"? Schlingensief selbst macht auch mit in dieser Auseinandersetzung und wundert sich über den Grad an bösem Willen, an Missverstehenslust, den die Diskutanten aufbringen, insofern: alles beim Alten.

Neues erscheint indes, als die Kommentatoren anfangen, den Blick von dem exzentrischen Projekt eines Opernhauses für Afrika – das in Wirklichkeit genauso gut Schule, Krankenhaus und Kulturhaus wie eine Oper werden soll – abzuwenden und stattdessen auf sich selbst zu richten. Wie rassistisch sind wir eigentlich selbst? Wie kommen wir eigentlich dazu, nicht den leisesten Winkel des Kontinents Afrika zu kennen, aber durchaus vollmundig Strategien zu empfehlen, wie den Armen dort zu helfen sei? Unterstützen gerade Künstler mit ihren Projekten in Afrika die Politik der Nachhaltigkeit, was immer das bedeuten möge, oder ist nicht gerade diese Geste, etwas Luxuriöses wie ein Opernhaus in eine der ärmsten Gegenden der Welt zu bauen, ein Schlag mitten in die böse Fratze des rein zweckorientierten, grundschlechten Kapitalismus?

Libretto

Fast unhörbar erst, beginnt es im Schilf zu flüstern: lasst uns ein Libretto schreiben für die Oper. "Bettina" ruft "Carlos Palabras", den Poeten, auf, der fühlt sich geehrt, "Felicitas" hilft im Büro, und "Karl Laberfeld" hat "Respekt" vor Pferden, seit er vom Schimmel Diabolo fiel. "Corinna" kündigt ihren Job als Krankenschwester, "Raphael" kocht "spitze Ingwertee", "Sven Jurgel" recherchiert. Und dann beginnt die Produktion des Librettos: "… aus der Ackerwinde, das heitre / Sauget das Gift … Wollt ihr Negergesänge? Huri-Tänze? …" Nebenbei bleibt Zeit für das "ausweglos Tragische" und mancherlei Spekulationen über Identitäten der anonymen Librettisten. Raffael träumt von einem Traumzimmer wie aus einem französischen Film, in das er die Geliebte … blöderweise liegt bloß im Nebenzimmer eine alte Leiche, die er auf dem Gewissen hat.

Überraschenderweise entpuppt sich in Kommentar 198 Mitdiskutant "Helmut" als Kenner von Land und Leuten in Burkina Faso und der Sitten. Dort, teilt er mit, schweigen die Burkinabé auf peinliche Vorschläge wie den eines Opernhauses aus Höflichkeit und mögen die hierzulande so geschätzten Lehmbauten des Architekten und Schlingensief-Mitstreiters Francis Kéré gar nicht leiden. Sagt Helmut.

Während Schlingensief nach Burkina Faso reist und ein sehr dunkles Video eines Lagerfeuers ins Netz stellt, auf dem Trommeln zu hören sind und die Stimme des Meisters, wie er mehrfach das Wort "nachtkritik, nachtkritik" in die afrikanische Nacht hinein ruft, werden Stimmen laut, die argwöhnen, die afrikanische Oper sei der Versuch von Schlingensiefianern, jede Kritik am Projekt Festspielhaus durch "Aberwitz" zu unterwandern. Und verlässlich wie das Rattern tibetanischer Gebetsmühlen am Morgen erhebt sich die Frage: "Und was hat das noch mit Schlingensief zu tun?"

Es ist gleichsam schon im Herbst der Diskussion, da meldet sich "Larissa Schneider-Sölleking" aus Schniebelwald im Taunuskreis zu Wort. In der Gemeinde Schniebelwald, berichtet sie, "haben wir einen prozentualen Ausländeranteil von 0", und weil die Kinder auch aus dem Gröbsten raus seien, käme der Hobbyorganistin der örtlichen Kirchengemeinde das "Abenteuer Afrika" gerade recht. Dann wandert die Diskussion hinunter nach Namibia, wendet sich, unvermeidlich, Claus Peymann zu, streift den Bundesgerichtsghof in Karlsruhe, Flaubert oder Flohbär, beschäftigt sich mit den 18 Kilo, die Klaus Maria Brandauer im Playboy abgenommen hat, weil er 22 Tage lang nur Wasser trank, widmet sich den Begrenzungen eines Lebens als Organistin in Schniebelwald und außerdem fragt "Jeanne d'Arc" nach der "Konstruktion des Begriffskonzepts Liebe".

Die Redaktion blamiert sich, indem sie die lieben User verdächtigt, gar nicht Corinna, Feli, Bettina, Karl, Heribert, Sven und all die andern, sondern nur ein oder zwei User mit vielen Masken zu sein. Und am Ende sind Teil eins und Teil zwei eines Librettos Die Afrikanische Oper produziert und "Konrad" stellt alle Uhren wieder auf Anfang: "Kann jemand ganz kurz zusammenfassen, worum es hier überhaupt geht? Ich verstehe es nicht. Zunächst wurde Schlingensiefs Afrikaprojekt besprochen, also kritisiert und verteidigt, auch von Schlingensief selbst. Dann kam eine Art Libretto auf. Dieses besteht aus teilweise übernommenen, teilweise abgeänderten Passagen aus Werken toter Schreiber. Wieso soll das ein Libretto sein? Auf dem Weg gab es eine Art Romanze mit spanischen Einsprengseln und gegenseitigen Freundschaftsbekundungen. Jetzt zerfasert es alles, und gefakte oder reale Kirchgängerinnen winken einander zu. Dazwischen gab es noch Hinweise auf dies und das, Atta Atta und ich kann singen. Bin ich verrückt, oder sind die alle albern?"

(1) http://www.zeit.de/2009/27/DOS-Schlingensief

 

 
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