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Nicht ernst zu nehmen

 

10. Juni 2009. Ebenfalls im Juni entspinnt sich eine heftige Diskussion zwischen Nachtkritikern und ihren KommentatorInnen. Der erste Anlass ist ein Text des Münchner Theaterkritikers Christopher Schmidt über Verausgabungstendenzen der Theater, in dem dieser von einer zunehmenden Zahl von Inszenierungen schreibt. Dabei gehe ein "Mehr an Produktionen bei gleichbleibenden oder sogar bereits geschrumpften Ressourcen zwangsläufig auf Kosten der Zeit und Sorgfalt" der einzelnen Produktion. Außerdem inszeniere eine "immer kleiner werdenden Schar tonangebender Regisseure" die "wichtigsten der so vielen Premieren". Immer unklarer werde, "zu welcher Ästhetik" sich die Theater" bekennen. Dafür übersetze eine "anschwellende Traktatliteratur für den Zuschauer", was dieser auf der Bühne nicht mehr entziffere. Daran wirkten auch die Kritiker kräftig mit, indem sie immer häufiger nicht mehr über, sondern "in den hauseigenen Publikationen" für das Theater schrieben und dadurch ihre Unabhängigkeit preisgäben.

Das gibt den ersten Anlass für eine Diskussion über die Unabhängigkeit von Kritikern. Und die Marktförmigkeit des Kunst-Ausstoßes der Theater. Doch alsbald verschiebt sich die Diskussion hin zu der Praxis der nachtkritik-Redaktion, persönlich beleidigende Kommentare, zu zensieren. Die Redaktion bekommt ordentlich ihr Fett weg, schlägt aber unverdrossen zurück. Die Anonymität, die Anonymität – ach wie sehr ist sie umstritten.

Nach Verrauchen ihrer Wut wenden sich die KommentatorInnen wieder Christopher Schmidt, seinem Text und Kritikern im Allgemeinen zu. Gleichsam im Vorübergehen zeiht einer Schmidt noch der "geistigen Brandstiftung" wegen seiner Kritik an Dieter Dorns Bayerischem Staatsschauspiel, aber schließlich einigt man sich doch gütlich, dass Kritiken weder auf den Erfolg einer Produktion beim Publikum nennenswerten Einfluss besäßen, noch in ihrem Urteil und seinen Begründungen wirklich ernst zu nehmen seien. Wie auch, wenn junge Kritiker mit beschränkter Seherfahrung versuchten, sich durch Verrisse publizistisch zu profilieren, während routinierte Theaterbesucher mit ihrer größeren Erfahrung das Gesehene wesentlich angemessener einzuordnen verstünden. Kritiken dienten ganz einfach zur Unterhaltung am Frühstückstisch. Danach kapern "Wahlsinn", der kongeniale Nachfolger von "Uli Wahl", und "Jeanne d'Arc" die Diskussion und reiten mit Sprüchen von Heidegger, Nietzsche, Sloterdijk, Foucault und überraschenderweise auch Juli Zeh auf den Lippen in den Sonnenuntergang.


Am 11. Juni wird bekannt, dass Jürgen Gosch gestorben ist. LeserInnen von nachtkritik.de legen virtuelle Rosen zu seinem Gedenken nieder.

Am 30. Juni wird bekannt, dass Pina Bausch gestorben ist. LeserInnen von nachtkritik.de legen virtuelle Rosen zu ihrem Gedenken nieder.

 

 

 

 
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