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Spaghetti mit Holzhammer

26. Juli 2009. Erfolgsautor Daniel Kehlmann hält die Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. Kehlmann wettert gegen das Regietheater oder das, was er dafür hält, und findet Spaghettiessen auf der Bühne langweilig. Außerdem wirft er dem Theater von heute vor, seinen Vater, einen Regisseur von gestern, an der Ausübung seines Berufes gehindert zu haben. Kann er das alles ernst meinen? fragt der Wiener nachtkritik-Korrespondent Stefan Bläske und schreibt, nichts sei aus dieser Rede über das gegenwärtige Theater zu lernen. Kehlmann fehle es an grundlegenden Kenntnissen. Er ignoriere völlig die veränderten Sehgewohnheiten, ignoriere, dass etwa Schiller, den er stückemäßig in historischem Kostüm gespielt sehen wolle, selbst Stoffe aufgegriffen und für seine Zeit und sein Theater modernisiert habe.

Uiiii, wie das die KommentatorInnen aufbringt. "Hohl, widersinnig und ungenau" sei diese Polemik wider die Polemik schreibt "kr" gleich als erster und besteht darauf, Kehlmann habe eine Debatte "jenseits der Klischees von 'Werktreue' und 'Aktualisierung' anzustoßen versucht". Und "jl" bekräftigt: "Das Problem ist doch, daß gegenwärtiges Regietheater allzu oft mit seinem ständigen over-acting, mit den geistverhöhnenden Holzhammer-Symboliken und den Matsch-Blut-Schminkmaterialschlachten einen Kampf gegen eine visuelle Profi-Schockindustrie kämpft, den sie schon lange verloren hat". Im heutigen "Medienwettbewerb" könne das Theater nur in "der Disziplin sensibles, bedächtiges, kluges und intellektuell herausforderndes Worttheater aufgrund intelligenter Texte" konkurrieren. Und "Ulf Steinebrunner" merkt an: es gebe verflixt viele Menschen, mehr jedenfalls als Blaeske sich offenbar vorstellen könne, die "Kostümbälle und Textfanatismus" mögen.

Die Gegner solcher Konservativismen verschlägt es ob dieser Vehemenz zunächst die Wortgewalt. Etwas schwächlich weist "Theatermacher Tobias" drauf hin, dass "Theater seine Energien schon immer aus Musik, Tanz, blödestem Quatsch und hoher Literatur" bezogen habe. Erst "si tacuisses" wird grundsätzlich: Kehlmann konstruiere mit "unterstellungen eine scheinbare diktatur des regietheaters, dass keine andere ästhetik zulassen würde", er suggeriere das Bild eines unverständlichen Theaters und unterstelle ein linkes, anscheinend "scheinheiliges Theater, dass im Reihenhaus wohnen" will. "Das alles ohne Fakten oder Beispiele..."

Aber die Kehlmänner geben sich unbeirrt: das "verstaubte 68er regietheater" solle "nicht jammern", sondern "endlich für das publikum produzieren!" Ausrufezeichen, schreibt "troja". Blöde nur, darauf weist "abstrakta" hin, dass gerade das von K. verachtete Theater der Castorf, Thalheimer, Stemann "hohen zuschauerzulauf" hatte und habe, und warum? Weil es sich um KUNST handele, "eine eigene sprache, einen gesellschaftlichen ausdruck der ZEIT". Zuletzt bleibt eine Frage, naturgemäß, unbeantwortet stehen: "Also, woran erkennt man WIRKLICH GUTES THEATER????"

Am 30. Juli wird bekannt, dass Peter Zadek gestorben ist. LeserInnen von nachtkritik.de legen virtuelle Rosen zu seinem Gedenken nieder.

 

 

 

 
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