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"die welt hat sich für mich verändert"

4. September 2009. "Mätzchenhaft", ein "Suppenwürfel", "leer", als "Augenwischerei" verreißen die Zeitungskritiker Anfang September Matthias Hartmanns Faust 1 und 2, die Eröffnungsinszenierung seiner Intendanz am Burgtheater. Tobias Moretti spielt Faust, Gert Voss Mephisto, Katharina Lorenz die Grete. Im zweiten Teil spielt unter anderem Joachim Meyerhoff an der Seite einiger Bildschirme. So sehr die Kritiker murren, die Wiener lieben den Hartmann-Faust. Auch die Nachtkritikerin zeigt sich angetan.

"nichts berührt, nichts wird erzählt", wir schauen "mit vor schreck geweiteten augen in die Zukunft", beschwert sich "schillerchen" am Morgen nach der Premiere. So "schlechtes, dummes Theater" bekräftigt "goethelein", "einfach unglaublich" stöhnt "pudel". "Susanne Peschina", der die Chose durchaus gefallen hat, schreibt, man sehe die "Handschrift eines 3-fachen Vaters, der gewohnt sei, seinen Kindern schwer Verständliches verständlich zu machen", das "Leid der Guten" werde "gedämpft, damit die lieben Kleinen beim Einschlafen keine bösen Träume", worauf "goethelein" trocken erwidert: "schülertheater gibts in wien aber besseres."

Ein ehemaliger Hartmann-Wegbegleiter diagnostiziert aus der Ferne: "herrn hartmann fehlt der kern. die innerlichkeit, die etwas mehr als form und äußerlichkeit auf der bühne aussagen will. aussagen MUSS." Während "manekineko" das Gespräch mit der Kehlmann-Debatte kurzschließt: "80 prozent der hier nachzulesenden kommentare scheinen von den unerlösten zu kommen. so wie michael kehlmann selig schon in zweiter generation überzeugt ist, die dilettanten und mafiosi hätten ihn als burgtheater- und josefstadtdirektor verhindert und an seiner stelle die dilettanten und mafiosi peymann und gobert in die ämter geputscht: so gibt es in dieser stadt bis heute unerlöste "faust"-regisseure und burgtheaterdirektoren…".

Ganz konkrete Kritik formuliert "1808": "Die armen Schauspieler und der böse dumme, dumme Hartmann. … War das so ? Wir werden's nicht herausfinden." Aber, mit gleichsam schillerscher Burgtheater-Drohgebärde: "Ich entlasse einen Gert Voss nicht aus der Verantwortung!" Und ebenso herrlich weiter: "Warum Herr Voss? Eine völlig eindimensional gespielte Karikatur ohne Charisma / Persönlichkeit. .. Wo ist die Bestialität, Gefährlichkeit, Dämonie? Wann, lieber Herr Moretti haben Sie das letzte Mal ihr Leben von einer Reaktion ihres Partners auf der Bühne abhängig gemacht? Zurück ... zurück, ich mein das im Ernst! Wo Herr Moretti ist Ihr persönlicher innerer Schmerz – Faust – Zorn ? …". Derweil "Herman the German" speziell "Faust zwo" äußerst "grenzwertig" vorkam: "Eine verklebte Blut & Boden Metaphorik, mit High-Tech-Mitteln erzählt. Diese Landnahme-Szene mit den Spielzeugbaggern, die den Frauenleib kolonisieren zum Beispiel."

Dagegen erkennt "Norbert Retter" nach dem "erschütternden" Stück: "ich weiß nicht mehr wie so weiter gemacht werden kann, nach diesem abend hat sich die welt für mich verändert", einfach erfrischend sei es, wie Hartmann zeige, dass Goethe "schon früh den schindluder der kapitalistischen gedankenleere entlarvt" habe. Und bei "Enrico Zapf" verschwimmen Satire und Ironie mit ehrlicher Bedeutung: "Schon allein das Glück, den großen Burg-Schauspieler Voss in dieser Glanzrolle, ja Paraderolle erleben zu dürfen, hat mein Leben bereichert."

Und außerdem? Na, Pollesch und "Jeanne d'Arcs" "Sprengung der gegenwärtigen symbolischen Realitätskonstruktion" selbstverständlich, Macho-Genies, "Papageien-Schauspieler", "verhuschte Hausfrauenblondchen", die "quasi lacanschen Frau im 'Antichrist' von Lars von Trier", "Sex vor der Ehe" in Bayern, "Gretchen" in islamischen Ländern, die "Machtkonstruktion des fremdbestimmten Befehls: »Genieße!«", eine "anonyma" mit zwei älteren Herren als Geliebten sowie der Butler von "Jeanne d'Arc".

 

 

 

 

 
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