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Die Innenseite des Laberhorizonts

12. Oktober 2009. In Berlin treffen sich Theatermacher, Autoren und anderes buntes Volk, um über das Verhältnis der Theater zu den Autoren zu diskutieren.

Gibt es einen Uraufführungsstau? Nein, gibt's nicht. Brauchen die Autoren mehr Geld und Zuspruch vom sowie mehr Bindung ans Theater? Ja. Mehr Geld und Zeit vor allem, am besten als Hausautoren. Aber wer soll die bezahlen? Die ausgequetschten Theater? Wovon? Brauchen die Theater bessere Stücke? "Welthaltige" oder "unterhaltende"? Sowohl als auch. Braucht es noch mehr Förderprogramme? Ja, sagen die Teilnehmer des Symposiums Schleudergang Neue Dramatik. Nein, völliger Quatsch, eine "Förderlücke" gibt es nicht, schreibt Gunther Nickel vom Deutschen Literaturfonds in Darmstadt und eröffnet damit auf nachtkritik.de eine bewegte Diskussion.

Schnell und zum wiederholten Male stellt sich heraus, dass keiner so gut und eloquent jammern kann wie die Autoren. Zwar gibt es Stipendien, Preise und sonstige Dotierungen noch und nöcher, aber die Schreibenden haben trotzdem das Gefühl, ihre Qualitäten und Qualifikationen würden nicht angemessen wertgeschätzt. Und es stimmt ja auch: von den 12.500 bekannten AutorInnen hierzulande können gerade einmal 8 Prozent laut einer Erhebung des VS von ihrer literarischen Arbeit leben. Und die anderen?

Von der Freiheit eines Dichtermenschen

"Ich will einfach angemessen bezahlt werden, nicht vom Staat finanziert, fordert einer, "mal was Neues an die Füße, den Kühlschrank mal 'vollpappen', so was." Ja, wie kommt es eigentlich, fragt "Omar" zurück, "dass noch die mittelmäßigsten Autoren glauben, sie müssten von ihren Stücken leben können?" Ob es angemessen sei, so ein Dritter, vom Staat zu fordern, den Autoren das Schreiben wenigstens auf niedrigstem Niveau zu "finanzieren"? Pahhh! Gestandene Autoren haben ein Recht darauf, Hausautorenstellen angeboten zu bekommen, grätscht einer seitwärts in die "unsägliche Debatte".

Oder doch lieber Dichter im Nebenberuf? Um Himmels Willen ruft "Arno Schmidt". Ob man sich "in Leserkreisen" überhaupt "klar darüber" sei, "was ein Dichter an rein handwerksmäßiger Ausstattung mitbringen muß? Den angeborenen Sinn für Rhythmus und Wohlklang, für Naturschönheit und dichterische Situationen. Der gute Schriftsteller muß einen aktiven Wortschatz haben, der das mehrfache von dem des Durchschnitts beträgt …"

"Ich finde den nebenberuf gar nicht so schlecht", wendet "frage" ein, "klar das schlaucht: acht stunden arbeit plus nachts am schreibtisch, vielleicht noch kinder und haushalt etc. und dann liegt man eben mit mitte vierzig unter der erde."

Auch am hohen Ton mangelt es hier nicht. "Arno Schmidt" findet es "traurig genug", daß "ein Dichter, der Unwiederholbares zu leisten imstande wäre, 'zeitraubende Brotarbeiten nebenbei' betreiben muß". – Und noch einmal "wabert der Wobel": "die geschichten rattern in meinem kopf, also schreibe ich". Schreibt ein Romantiker, "wenn mich niemand aufführt, führe ich mich selbst auf. so einfach ist das. wenn ich kein geld habe, suche ich mir einen teilzeitjob. kein problem. ich mache und schreibe und arbeite wie ich will. ich bin frei. und das macht glücklich. -- manchmal bin ich einsam. aber wer ist beim schreiben nicht einsam. ich bin flexibel. ja. ich bin alleine. ja. eine familie ernähren ist auf diese art unmöglich. aber wenn ich diesen beruf ausführen will, so muß ich mich mit diesen bedingungen arrangieren..."

Also wie war das noch mal mit der zeitgenössischen Dramatik?

Die wird doch landauf landab gespielt, schreibt Gunther Nickel. Aber doch nur weil die Theater mit Uraufführungen in den Rezensionen der überregionalen Presse vorkommen wollen, wirft "Barsch" dazwischen. Vielleicht hat diese Dramatik inhaltlich gar keine "Relevanz", provoziert ein "Autor": "Warum adaptieren wir jede Spielzeit -zig Romane und Filme, aber kein Theaterstück schafft es je auf die Leinwand?" Was soll das heißen, antwortet der Chor der Gerechten, ist "erfolgreich" etwa gleich "gut"? Dann kannste ja gleich die BILD-Zeitung als Vorbild nehmen. "Ein Medium, das das Populäre verdammt", kommt die Widerrede, "marginalisiert sich selbst". Und der Gegenschlag: "wenn sie populär werden wollen, dann verdingen sie sich doch als krimiautor, drehbuchschreiberling, schlagersänger..." – "ich glaube nicht, daß theater in einer kapitalistischen gesellschaft, eine relevanz bekommen kann wie z.b. ein rockkonzert oder ein fußballspiel. theater ist im positiven sinne anstrengend, nach-denken ist für viele menschen immer noch nicht sexy" – "was wir brauchen sind einfach sehr gut geschriebene Stücke, keine Stücke die uns schon wieder erklären, dass der Kapitalismus die Reichen reicher macht, - das sagt uns der Tatort in Tateinheit mit der Tagesschau – nein, es darf ruhig um die Innenseite des Laberhorizonts gehen." – "… wenn man gute stücke schreibt, würde man damit auch genug geld verdienen: wenn die mindestforderung für ein auftragswerk bei 5000 euro liegt, könnt ihr euch ausrechnen, was das bedeutet." – "… Es geht im 'subventionierten Betrieb' wieder um gefährliche, wilde Autoren und Autorinnen, die uns mit ihren Phantasien zugleich schocken und in ihren Bann ziehen." – "unter finanziellem druck schreiben leute sowieso besser: ich muss sagen, das macht krank und mürbe. da bin ich nicht wirklich 'leistungsfähig'."

Was noch? Der Spielplan in Kassel und Castrop-Rauxel, ein überarbeiteter Dramaturg in Trier, ein Aufruf, 100 Hausautorenstellen zu schaffen oder 10 Prozent der Gesamtsubvention für Theater von 3 Mrd. Euro an die Autoren auszuschütten. Oder wenigstens ein Uraufführungstheater herzugeben mit dreißig Millionen Etat.

 

 

 

 
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