Hasen sind neugierig

von Simone von Büren

Zürich, 17. Dezember 2009. "Der Anfang ist das Prinzip allen Handelns und bleibt als Prinzip bestehen, wenn er längst vergangen ist", sagt die Frau im Regenmantel. Der Anfang ist wichtig. Der Anfang der Aufführung. Der Anfang des Lebens. "Wir haben einfach angefangen", erzählt einer von fünf begeisterten Menschen in identischen Matrosenanzügen, die von einem gelungenen neuen Gesellschaftsmodell schwärmen, das alle Probleme von "damals" – aus dem Ruder gelaufener Kapitalismus, Klimakatastrophen, Wirtschaftskrise – implodieren liess. Und alles begann mit der Schule...

Aber das war gar nicht der Anfang, stellt sich heraus, als ein kleines Mädchen den von sich und ihren Errungenschaften eingenommenen Erwachsenen eimerweise Wasser über den Kopf kippt. Klitschnass krallen sie sich an dem von rechts nach links kippenden Tisch fest und landen Wasser spuckend am Boden: Der tollen Gesellschaft ging also der Sturm voraus, Sinnbild für Krise. Und der wiederum führte auf die Insel – Topos für einen utopischen Raum, in dem fern von jeder Zivilisation alternative Geschichten entstehen können.

Bambuspodeste, Bananen, Hasenzähne
Regisseurin Sandra Strunz und Bühnenbildner Dominic Huber scheuen in der Gestaltung dieser Insel für ihre "theatrale Feldforschung" nicht vor Klischees zurück: Vor dem auf mehrere Stoffbahnen aufgeteilten Sepia-Bild einer tropischen Insel stehen Bambuspodeste, die im Verlauf des Abends zu Wänden, Schiffen und Redeplattformen kombiniert werden. Die Gestrandeten tragen Baströcke und Hawaii-Blumenketten, essen Bananen und spielen Panflöte zu einem Live-Wellen-Soundtrack.

Doch die Konkretisierung der Insel und die tagebuchartigen Schilderungen, die unter anderem Daniel Defoes im Titel zitierten Roman "Robinson Crusoe" entnommen sind, weichen bald – und eher abrupt – einer Debatte über Bildung und Erziehung. Aussagen berühmter Pädagogen wie Rousseau und Thoreau wirbeln durch den Raum, ohne explizit aufeinander bezogen zu werden.

Manche werden in didaktischem Ton vorgetragen, manche frech parodiert: Adornos komplexe Ausführungen über die Ausbildung des Einzelnen zur Mündigkeit als Bedingung für Demokratie werden als schnulziger Musicalsong gegeben. Und Hasen mit Flauschohren und Papierzähnen zitieren ihren "Freund, den Polizisten" – sichtlich verkürzt und verdreht – mit pädagogischen Einsichten im Stil von "Hasen sind neugierig, und wenn sie es nicht sind, fehlt ihnen was."

Auf den autoritären Lehrer mit dem Stock folgt ein Wutanfall über die Kosten der 26 verschiedenen Schulsysteme in der Schweiz. In einem komischen Plädoyer für "Mut zur Strenge" wird der Erzieher mit dem Gärtner verglichen, der die Pflänzchen an die Stange bindet, damit sie richtig wachsen. Und ein Kinderloser bedauert, nie seinem Kind sagen werden zu können, welche Bücher ihm wichtig sind.

Und eine Schulglocke
Es gibt ein paar Bauchlandungen, das eine oder andere verkommt zum blossen Gag oder bleibt rätselhaft – etwa die lautlose, wiederholt über den Haufen gerannte Jazz-Band. Ab und zu läutet eine schrille Schulhaus-Glocke, die schliesslich auseinandergeschraubt wird und angetippt einen lieblichen Klang von sich gibt. Die wie beiläufig kommunizierten Prozentsätze psychisch angeschlagener Lehrer und mit Ritalin behandelter Kinder, die Prüfungsfrequenzen und Suizidraten an Gymnasien zeigen, dass die bestehenden Modelle versagt haben. Ideen für eine offenere, konstruktivere Art der Bildung gibt es – an diesem Abend und überhaupt – viele gute.

"Robinson oder die Insel der Visionen" stellt ein Potpourri vor, ohne dabei viel zu konkretisieren oder zu vertiefen. Die Stärke des Abends liegt nicht in der Innovation der Konzepte, sondern in den poetischen Bildern – etwa dem hoffnungsvollen Schlussbild, in dem jemand nicht durch den Einsatz technischer Bühnenmaschinerie beflügelt wird, sondern durch die kollektive Anstrengung von Menschen.

 

Die Aufführung besticht auch mit ihrem spielerischen Ansatz – eine Sonnenfinsternis wird choreographisch illustriert, und Lampenschirm-Köpfe, Prinzessinen-Glitzerkleid, Gemshörner und Papageienmaske erzählen von der alten Freude an der Verwandlung. Lustvolles Spiel ist noch keine Lösung für die vorgestellten Probleme, aber es ist ein Ansatz, ein Anfang. Und um Anfänge geht es gemäss der Frau im Regenmantel, darum, "Anfänger auf immer höherem Niveau" zu sein.

 

Robinson oder die Insel der Visionen
Eine theatrale Feldforschung von Sandra Strunz / Treibhaus Produktionen
Konzept: Sandra Strunz, Imanuel Schipper, Regie: Sandra Strunz, Bühne: Dominic Huber, Kostüme: Selina Peyer, Musik: Rainer Süssmilch, Dramaturgie: Imanuel Schipper, Licht: Christa Wenger.
Mit: Matthias Breitenbach, Irene Eichenberger, Lara Körte, Linda Olsansky, Gustav Strunz, Rainer Süssmilch

www.gessnerallee.ch


Mehr zu Sandra Strunz: Im Rahmen des Festivals After the Fall inszenierte sie Ende Oktober 2009 die Uraufführung von Dirk Lauckes Stück Für alle reicht es nicht, noch mehr finden Sie in unserem Glossar.

Kritikenrundschau

Man erlebe in der Gessnerallee ein paar gestandene Schauspielerinnen und Schauspieler, "die sich Baströckchen umbinden, Blumengirlanden umhängen und nicht einmal rot werden dabei", so Tobias Hoffmann in der Neuen Zürcher Zeitung (19.12.), der seine Kritik in fünf Lektionen aufschreibt. In Lektion zwei heißt es: "Alle auf der Bühne scheinen zu wissen, was sie tun, nur ist der Zuschauer nicht ganz überzeugt, dass das Schiff auf Kurs ist." Oder in Lektion drei: "Kinder, die sich ins Spiel vertieft haben, sehen oft sehr ernsthaft aus. Wenn Erwachsene Kindern Spass bereiten wollen, sieht das manchmal unfreiwillig komisch aus." Fazit: "Der im Stück zitierte Satz 'Das Gehirn lernt immer' ist falsch. Manchmal wird im Hirn die Delete-Taste gedrückt."

Nicht nur sehr gescheit und gelungen, sondern auch sehr unterhaltsam findet hingegen Simone Meier im Zürcher Tagesanzeiger (20.12.) diesen Abend - aus ihrer Sicht eine Mischung aus Rimini Protokoll und René Pollesch. Denn diese Verhandlung und Dokumentation der Bildungs- und Erziehungsfrage hat, wie die Kritikerin schreibt, ein paar wunderbare Momente und vor allem ein "schön widerspenstiges Kind" und fliegt allem Anschein dieser Kritik nach höchst luftig und lustig über die mit Theoretikern und Statistik unterfütterte Gesellschaftsfrage.

 

 

 
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