Allerlei Flaggen gehisst

von Sabine Leucht

München, 19. Dezember 2009. "Geld ist, was gilt." So nennt sich eine Ausstellung im Münchner Museum für Geldgeschichte, die just an dem Tag eröffnet wird, an daem wenige Meter weiter im Residenztheater Georg Kaisers Stationendrama "Von morgens bis mitternachts" Premiere hat. Und während man in der Residenzstraße 1 mit alten Tauschmitteln vor der Erfindung der Münze aufwartet, steht am Max Joseph Platz die Idee des Tausches selbst schon wieder zur Disposition.

Kaisers Kassierer, der tief in die ihm anvertraute Kasse greift, weiß von den 60.000 Mark, die ihn fortan beschweren, nur, dass dafür etwas von Wert zu erringen sein müsste - etwas, "wofür sich der volle Einsatz lohnt." Aber Wünsche hat er keine und Dinge will er schon gar nicht. Also versucht er sein Glück mit der Dame, die im Pelz und mit glitzerndem Schmuck behängt den Duft der weiten Welt verströmt. Doch Madame ist nicht käuflich und der Kassierer nicht verliebt, deshalb trennen sich ihre Wege schnell.

Gibt er Huren Geld, entblößen sie häßliche Fratzen hinter der hübschen Larve. Und an solchen Wahrheiten ist der Kassierer nicht interessiert. Nur die gefährlichen Emotionen der Massen, die er entfacht, als er beim Sechstagerennen ungeheure Summen auf die Sieger setzt, die hätten ihn fast gepackt. "Verschmelzung!", ruft er, "Leidenschaft! Das ist es!"

Der Tod spuckt rostige Töne
Tina Lanik hat Georg Kaisers 1917 in München uraufgeführtes, selten gespieltes Stück inszeniert, das den kurzen Prozess einer Ent-Täuschung in sieben Stationen gliedert und mit Verweisen auf Jesu Leidensgeschichte nicht geizt. Auf Stefan Hageneiers signalroter Bühne voller Spiegel und verschiebbarer Wände kommt aber praktisch überhaupt kein Leiden vor. Und die knappe Summe, die Kaisers Protagonist am Ende unter sein erstes und letztes Abenteuer schreibt, steht schon von Beginn an mit leuchtenden Lettern im Raum: "Geld verschlechtert den Wert."

Auf diesen Lettern sitzt einmal der Tod oder das Mädchen und lässt Schnee auf die Bühne rieseln. Anne Schäfer spielt das Amalgam aus Dienstmädchen, Tochter, Gerippe und Kleine von der Heilsarmee/Sekte als eine Art Gliederpuppe, deren Stimme durch den seltenen Gebrauch rostige Töne von sich gibt. Da sie die Maske des Gerippes behält, die ihr früh schon aufgeschminkt wurde, ist für den Kassierer der Tod praktisch in jeder Szene gegenwärtig.

Mit dem Kopf durch die Wand
Auch sonst hat die Regie etliche Flaggen gehisst und kaum Zweifel daran gelassen, dass es hier nicht um Menschen, sondern um ein Exempel geht. Doch einen Beweis für etwas zu erbringen, dessen Ergebnis schon offen da liegt, ist die spannendste Übung nicht.

Dabei gelingen dem zweistündigen Abend einzelne schöne Bilder, über die das kulinarisch aufgeschlossene Publikum sich gerne entzückt. Wie etwa beim Sechstagerennen die in sich verschiebbare Skulptur aus fünf grünen Radfahrern - oder gleich zu Beginn, als Lambert Hamel im mittleren von drei aus dem Rot ausgeschnittenen Fenstern hängt und wie besessen stempelt, sich die Finger leckt und Papiere quittiert: Ein grauer Mann grauen Alters, kleine Brille, großer Schnauzer, korrekt gekleidet - und sehr sehr müde. Die Schießbudenfiguren, die gleich vor ihm in der Kassenhalle aufmarschieren - dick ausgestopfte Bäuche hier, ein hektischer Griff in den Schritt da, die Stimmen stets hart an der Grenze zum Überschnappen - machen die Flucht des Kassierers gut nachvollziehbar.

Die Flucht des Herrn K., wie ihn Eva Jantschitsch alias "Gustav" in einem ihrer Songs nennt. - Ein Schelm, wer hier an Kafka denkt: "Am wohl kältesten Tag/ im wohl schwärzesten Jahr/schlägt ein Mann namens K./ seinen Kopf durch die Wand einer Bank." Melancholisch schwebt Gustavs Kleinmädchenstimme über musikalisch sehr unterschiedlich grundierten Melodien, die bis auf eine alle eigens für diese Inszenierung entstanden sind. Und in den seltenen Fällen, in denen sie nicht nur als Lückenfüller für die kurzen Umbaupausen benutzt werden, bringen sie etwas vordergründige Wärme und hintergründige Schärfe in den kühl überzeichneten Abend, dem Kaisers Rasen, sein Tempo fehlt.

Zur Zuhörerfreundlichkeit erzogen
Selbst die expressionistische Sprache, die bei der Lektüre auf hohen, wackeligen Stelzen zu rennen scheint, klingt vor allem bei Hamel erstaunlich gebändigt, zur Zuhörerfreundlichkeit erzogen. Etwas vom expressionistischen Furor überlebt dafür in Szenen, wo sich Schauspieler mit eingeschaltetem Föhn weit aus dem Fenster lehnen (Oliver Nägele illustriert die Redensart "in alle Winde verstreut") oder die in grotesk hässliche Strickwaren gestopfte Kassiererfamilie eng aneinander gedrängt musiziert, Koteletts brät und strickt und die Uhr nach Vati, Mann und Sohn gestellt hat. Gestorben wird hier vor Schreck darüber, dass der vor dem Mittagessen das Haus verlässt. Dagegen ist der finale Schuss in den eigenen Kopf wahrhaft eine Befreiung.

 

Von morgens bis mitternachts
von Georg Kaiser
Regie: Tina Lanik, Bühne: Stefan Hageneier, Kostüme: Su Sigmund, Musik: Eva Jantschitsch.
Mit: Wolfgang Menardi, Juliane Köhler, Oliver Nägele, Anne Schäfer, Lambert Hamel, Dennis Herrmann, Gabi Geist sowie Radfahrer und ein Kind.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Mehr zu Tina Lanik: Im November 2007 inszenierte sie Bertolt Brechts Im Dickicht der Städte in München, im Mai letzten Jahres Romeo und Julia, beides am Residenztheater, und im Mai 2009 Thomas Jonigks Diesseits im Münchener Cuvilliés Theater.

 

Kritikenrundschau

Es sei erfreulich, meint Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (21.12.), "Lambert Hamel mal in einem anderen Element als dem des exaltierten Großschauspielers zu erleben". Als Kassierer in Georg Kaisers "Von morgens bis mitternachts" am Residenztheater München wirke er "wie eine traurige, manchmal fast kafkaeske Stummfilmfigur – da ist nichts Auftrumpfendes, nur die große Müdigkeit eines Mannes, der zu lange in der Bürgerlichkeit verharrte und nun unbeholfen nach einer Leidenschaft sucht, die er gar nicht kennt." Die Inszenierung Tina Laniks aber sei "signalhaft und unterkomplex": Es werde "eigentlich nur grell vollzogen, was es zu beweisen" gelte. Der Text bleibe "fremd und krude". Eine Inszenierung dieses Stückes müsse "schon etwas von der Glut einfangen, die aus Kaisers abgehackten und doch so gespreizten Sätzen stiebt (...). Dafür aber ist Tina Laniks Regie zu modisch cool. Hier schreit nichts, schmerzt nichts und dräut auch keine Erkenntnis, die nicht schon von vornherein groß angeschrieben wäre."

Tina Lanik finde in ihrer Inszenierung von Kaisers "Von morgens bis mitternachts" "starke, surrealistische und grell-groteske Bilder, die der bravourös bewältigten expressionistischen Sprache entsprechen", schreibt Gabriella Lorenz in der Münchner Abendzeitung (21.12.). Allerdings habe "die kühle Aufführung auch deutliche Längen". Der glänzende Lambert Hamel spiele die Figur des Kassierers "mit trockener Gefasstheit und scharfer Kontur". Und das Ensemble überzeuge in allen wechselnden Rollen.

In Tina Laniks Inszenierung seien "die Figuren das, was sie bei Kaiser auch sind: Zerrbilder", meint ein auf der Website von Deutschlandradio (20.12.) namentlich nicht genannter Autor: "Mit vergröbertem Gestenrepertoire, monströsen Perücken und abenteuerlichen Glupschaugenbrillen." Diese Exaltiertheit konterkariere Tina Lanik, "indem sie immer wieder Mal das Tempo verschleppt. Und Lambert Hamel, der sonst gerne zu dick aufträgt, hält sich in der Rolle des Kassierers wohltuend zurück, agiert für seine Verhältnisse geradezu minimalistisch." Das Ergebnis "dieser Mischung aus Understatement und Übertreibung" sei "eine Art reduzierte Revue. Nicht ohne Reiz, aber: keine Inszenierung, die das Stück rettet."

 

 

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