Mit Sitzheizung und Judenmassakereinlage

von Andreas Klaeui

Zürich, 19. Dezember 2009. Besammlung im Kassenfoyer: zur Busfahrt an einen unbekannten Ort. Für die Schweizer Erstaufführung von Jelineks "Stück des Jahres" scheut Regisseur Leonhard Koppelmann keinen Aufwand. Eine Viertelstunde Prolog im Foyer, Wagenvorfahrt mit "Also sprach Zarathustra", eine halbstündige Busfahrt durch Zürich, Klappstuhlverteilung in einer aufgelassenen Werkstatt, neunzig Minuten Pièce de résistance, Rückfahrt ins Schauspielhaus und Epilog im Kassenhäuschen.

 

 

Es ist zu viel; es lenkt nur ab. Gewiss, während der Fahrt laufen über den Deckenmonitor Schwarzweißbilder und T. S. Eliots Gedicht "The Hollow Men" (auf das Elfriede Jelinek im Text rekurriert).

Gewiss, "Auf in die Schweiz!" bricht die Gräfin Batthyány nach ihrem "Gefolgschaftsfest" mit Judenmassakereinlage; man ahnt Assoziationen mit Viehwaggons und Deportiertenzügen. Doch ist die Schweiz im konkreten Fall ein vorweihnachtliches Samstagabendzürich, die Sitzheizung im Pullman angenehm warm eingestellt und die Assoziation, wenn schon, die mit einer Touristenrundfahrt.

Zu umständlich, zu eng
Dem aufwändigen Setting gegenüber steht allein eine Schauspielerin. Aber was für eine! Isabelle Menke rettet, was zu retten ist. Sie ist grandios in der Vielfalt ihrer Farben und Facetten, in ihrer Rhetorik der Wortkaskaden, eine Jelineksche "Botin" mit hunderterlei verschiedenen Stimmen. Was fehlt, ist einzig die Geisterstimme der Geschichte.

Leonhard Koppelmann lässt den Untoten, die durch Jelineks Stück wüten, den Zombies der Unvergangenheit, keinen Raum. Seine Inszenierung ist zu umständlich, zu abbildend, zu eng, als dass sich Jelineks weitschweifende, tiefgehende, kalauernd und assoziativ entlarvende Wortspiegelfelder auftun könnten. Isabelle Menke tut, was sie vermag, und sie vermag viel. Im Werkstatt-Teil sogar ungebrochene Konzentration aufzubauen.

Doch im Kassenhäuschen drauf ist sie schon wieder hinter dickem Glas; gebannt und beschwichtigt. Ihre Kunst stößt an die Grenzen einer äußerlich gedachten Setzung.

Dies engt ein – was sich so aber zuletzt einstellt, ist Beklemmung.

 

Rechnitz (Der Würgeengel) Schweizerische Erstaufführung
von Elfriede Jelinek.
Regie: Leonhard Koppelmann, Räume/Licht: Nadia Schrader, Kostüme: Agnes Raganowicz.
Mit Isabelle Menke.

www.schauspielhaus.ch


Die Uraufführung von Elfriede Jelineks Stück Rechnitz (Der Würgeengel) durch Jossi Wieler fand im November 2008 in den Münchner Kammerspielen statt. 2009 wurde das Stück mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet. Ein ausführliches Dossier zum Stück gibt es auf nachtkritik-stuecke09.de, der Festival-Seite von nachtkritik.de zu den Mülheimer Theatertagen 2009, wo auch der Text nachzulesen ist, den Elfriede Jelinek zur Preisverleihung schrieb.

 

Kritikenrundschau

 Einen "umheimlich starken Abend" annonciert ein "tan/sda" kürzelndes Duo im Zürcher Tagesanzeiger (21.12.). Unter der Regie von Leonhard Koppelmann meistere die zweieinhalbstündigen Schweizer Erstaufführung allein "die fantastische Isabelle Menke". Im Foyer am Pfauen begrüsse sie, hier noch gepflegt uniformierte Reiseleiterin, ihr Publikum, häute sich im Verlauf des Abends "wie eine Zwiebel, während sie das Publikum komplizenhaft umgarnt, brillant kalauernd gefangen nimmt, diabolisch, ordinär, irr, grössenwahnsinnig, dann aber wieder ganz nüchtern und selbstverständlich einbezieht in den unbegreiflichen Schrecken, der sich in Rechnitz abgespielt und in der Schweiz überspielt worden ist."

Skeptischer äußert sich Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (21.12.). Zwar stürze sich Isabelle Menke "mutig in die Wortflut", lasse sich von ihr tragen, stemme sich dagegen, lausche ihrem Echo. "Doch was zu viel ist, ist zu viel." "Die Botschaft erdrückt diese 'Botin', welcher Jelinek verschiedene sich ver- und widersprechende Stimmen leiht." Die Regie begnügt sich dem Eindruck der Kritikerin zufolge mit der Kleidernummer: "Leonhard Koppelmann, bisher hauptsächlich als Hörspielregisseur tätig, lässt seine tapfere Schauspielerin ziemlich – oder unziemlich – im Stich." Es lohne sich trotzdem, Isabelle Menkes nach Variationen und Nuancen suchenden Hör-Spiel zu lauschen. Das Kernstück des Theaterabends wirkt jedenfalls stärker auf die Kritikerin "als die geheimnisvoll raunend mit 'Spurensuche' angekündigte, uns freilich ganz brav an den Pfauen zurückführende Busfahrt. Am Ende der Reise siegt der Text klar über die Inszenierung. 1:0 für Elfriede Jelinek."

 

 
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