Oliver Reese – Schauspiel Frankfurt, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Das außergewöhnlichste Theatererlebnis war die letzte Inszenierung, die Jürgen Gosch noch hat machen können: Idomeneus von Roland Schimmelpfennig am Deutschen Theater – ihre Entstehungsgeschichte, ihre Probenzeit – und schließlich die Premiere. Ich könnte lange davon erzählen. In Stichworten: diese Aufführung war nicht geplant. Ich hatte Gosch – nach der krankheitsbedingten Absage seiner "Carmen" und nach dem berauschenden Erlebnis seiner Arbeit an der "Möwe" – am Krankenbett eine neue Arbeit angeboten. Irgendwie dachte ich mir, er wird arbeiten, nicht nur kranksein wollen.

Als ich ihn besuchte, hatte er den Grund längst geahnt, überfiel mich mit dem "Idomeneus"-Vorschlag. Erst in den Proben habe ich dann verstanden, wie sehr dieser Text ihm Anlass für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod war. Nur die Schauspieler machten mit, die sich ihm noch einmal stellen wollten. (Die Absagen einiger Eingeladener haben mich sehr überrascht.) Die Proben waren ein unendlich berührendes Erlebnis. Gosch, von Krankenpflegern ins Theater getragen, die Schauspieler zu immer mehr Anarchie, Gewalt, Humor und Eros ermutigend.

Unfasslich schließlich die Spannung der Premiere: das jüngste Ensemblemitglied meldet sich nachmittags krank, eine Versammlung aller Beteiligten führt am Ende zu Goschs Entschluss, lesend, improvisierend spielen zu lassen. Kein Halten mehr für die Tränen, als Johannes Schütz den Regisseur in seinem Rollstuhl zum Schlussapplaus herein schiebt und das Publikum sich geschlossen zu standing ovations erhebt.

Was man in deutschsprachigen Theaterleitungen über das Jahr 2009 sonst noch denkt, sagen: Andreas Beck (Schauspielhaus Wien), Karin Beier (Schauspiel Köln), Thomas Bockelmann (Staatstheater Kassel), Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Matthias Fontheim (Staatstheater Mainz), Elmar Goerden (Schauspielhaus Bochum), Markus Heinzelmann (Theaterhaus Jena), Jan Jochymski (Theater Magdeburg), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin), Sewan Latchinian (Neue Bühne Senftenberg), Julia Lochte (Münchner Kammerspiele), Enrico Lübbe (Theater Chemnitz), Joachim Lux (Thalia Theater Hamburg), Stephan Märki (Nationaltheater Weimar), Roland May (Theater Plauen-Zwickau), Barbara Mundel (Theater Freiburg), Amélie Niermeyer (Schauspielhaus Düsseldorf), Christoph Nix (Theater Konstanz), Elias Perrig (Theater Basel), Oliver Reese (Schauspiel Frankfurt), Friedrich Schirmer (Deutsches Schauspielhaus Hamburg), Holger Schultze (Theater Osnabrück), Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden), Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater Düsseldorf), Lars-Ole Walburg (Schauspiel Hannover), Barbara Weber (Theater Neumarkt Zürich), Hasko Weber (Staatstheater Stuttgart), Tobias Wellemeyer (Hans-Otto-Theater Potsdam), Kay Wuschek (Theater an der Parkaue Berlin).

 

 
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