Elmar Goerden – Schauspielhaus Bochum, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Das Wunder einer bestimmten Probe, an einem Abend im September, werde ich lange, vielleicht nie vergessen. Eigentlich wollten wir uns nur treffen, um die Szene nochmals in Ruhe zu lesen: Lear im Sturm, allein. Die Fenster des Proberaums zum Hof standen offen, es war noch warm, keine Assistenten, keine Souffleuse, keine Scheinwerfer.

Klaus Weiss saß schon in Lears offener Smokingjacke am Tisch, vor sich den, wie oft?, durchforschten Text und eine Flasche Mineralwasser. Mit einem Handtuch über dem Kopf sah er aus wie ein altgewordener Talmudschüler, der nicht aufhören kann, sich stets aufs Neue zu wundern über die Schrift und was sie in sich birgt. "Wir proben nicht, wir lesen nur". Musik hatte ich mitgebracht, ein Art endloses Klavier, "Piano Phase" von Steve Reich. Nach einer Weile regte sich etwas unter dem Handtuch, Lear erhob sich und ging die paar Schritte vom Tisch zur Bühne, umrundete dort sein Bett, langsam, schneller, dann fiel er in einen eigenartigen Trab. Lief um sein großes schwarzes Bett, lief im unentrinnbaren Kreis um sein Leben, schwer atmend, lief und lief krumm durch den Sturm in seinem Kopf, lief wie Becketts Lucky vor einem unsichtbaren Pozzo. Runde um Runde formten sich die Worte aus der Atemnot, "Blast ihr Winde ...". Dann war es still. Und dunkel geworden. Zu reden gab es nichts, wir hatten es ja erlebt.

Ein anderer Abend, ein anderes Haus. Alkestis, eine Inszenierung quasi im "toten Winkel" des Angesagten, von Dieter Dorn am Münchener Residenztheater (am Anfang des Abends war im Bühnenhaus die Sonne als große leuchtende Scheibe nicht unter-, sondern unbestreitbar aufgegangen!). Pheres, der uralte, dennoch lebenshungrige Vater des Admetos, streitet um den letzten Rest ihm vergönnten Lebens. Stur, wortgewaltig und voll verzweifelter Lebenslust. "Ist es auch nicht mehr lange, so ist es doch Leben!". Rudolf Wessely spielt den Pheres mit unbändigem Trotz, und im Laufe der Abrechnung mit seinem Sohn scheint es, als ob sich in seine Rede noch etwas anderes mischt. Ein störrisches Plädoyer für ein Theater, das unaufhaltsam verschwindet als scheinbar Alt- und Überflüssiggewordenes. Das dennoch weiterspielt und nicht nachlässt. Weil es unverbesserlich an einen Sinn im Kern der Worte glaubt und an die Sprache, das Sprechen als Weg dorthin. Ein Theater, das unnachgiebig fragt: und woran glaubst Du?


Was man in deutschsprachigen Theaterleitungen über das Jahr 2009 sonst noch denkt, sagen: Andreas Beck (Schauspielhaus Wien), Karin Beier (Schauspiel Köln), Thomas Bockelmann (Staatstheater Kassel), Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Matthias Fontheim (Staatstheater Mainz), Elmar Goerden (Schauspielhaus Bochum), Markus Heinzelmann (Theaterhaus Jena), Jan Jochymski (Theater Magdeburg), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin), Sewan Latchinian (Neue Bühne Senftenberg), Julia Lochte (Münchner Kammerspiele), Enrico Lübbe (Theater Chemnitz), Joachim Lux (Thalia Theater Hamburg), Stephan Märki (Nationaltheater Weimar), Roland May (Theater Plauen-Zwickau), Barbara Mundel (Theater Freiburg), Amélie Niermeyer (Schauspielhaus Düsseldorf), Christoph Nix (Theater Konstanz), Elias Perrig (Theater Basel), Oliver Reese (Schauspiel Frankfurt), Friedrich Schirmer (Deutsches Schauspielhaus Hamburg), Holger Schultze (Theater Osnabrück), Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden), Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater Düsseldorf), Lars-Ole Walburg (Schauspiel Hannover), Barbara Weber (Theater Neumarkt Zürich), Hasko Weber (Staatstheater Stuttgart), Tobias Wellemeyer (Hans-Otto-Theater Potsdam), Kay Wuschek (Theater an der Parkaue Berlin).

 

 
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