Markus Heinzelmann – Theaterhaus Jena, Künstlerischer Leiter

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Herausragend ist für mich 2009 ein spürbares Erstarken der Komödie insgesamt im Theater. Ich finde, dass dadurch die Unterscheidung zwischen Unterhaltungs- und Intellektproduktion, wie schon lange überfällig, im Positiven aufgeweicht wird. Beeindruckend zum Beispiel, wie René Pollesch es schafft, politisches Theater und Komödie zu kombinieren bzw. sich beides immer wieder nicht nur nicht ausschließt, sondern Symbiose wird.

Die Komödie, wenn sie nicht als plattes Unterhaltungstheater aufgefasst wird, ist meiner Meinung nach deshalb ein Gewinn, weil sie ermöglicht, politische Themen undogmatischer zu zeigen und spielerisch frei zu sein. Sie kann durch den Humor Distanz schaffen, dadurch wiederum den Zuschauer direkter mit Themen konfrontieren und ihn inhaltlich einbeziehen. Außerdem kann sie neue Zuschauerschichten (wieder) für die Bühne interessieren.

Herausragend erschreckend fand ich die wieder aufkommende Diskussion um die finanzielle Grundsicherung (zum Beispiel Wuppertal) und die Debatte, die Daniel Kehlmann angestoßen hat. Darüber hinaus habe ich das Gefühl, dass ein Generationenwechsel im Gange ist und die begonnenen Diskussionen um Strukturveränderungen und Positionen des zeitgenössischen Theaters intensiviert werden könnten. Hier in Jena war es im letzten Jahr besonders spannend zu sehen, wie beim Crash Boom Bau–Festival und auch bei dem Stadtprojekt Der Dritte Weg ganz neue Partnerschaften in der Stadt entstanden sind und wie das große Interesse vieler Jenaer zu aktiver Beteiligung und intensivem Austausch geführt hat.

Was man in deutschsprachigen Theaterleitungen über das Jahr 2009 sonst noch denkt, sagen: Andreas Beck (Schauspielhaus Wien), Karin Beier (Schauspiel Köln), Thomas Bockelmann (Staatstheater Kassel), Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Matthias Fontheim (Staatstheater Mainz), Elmar Goerden (Schauspielhaus Bochum), Markus Heinzelmann (Theaterhaus Jena), Jan Jochymski (Theater Magdeburg), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin), Sewan Latchinian (Neue Bühne Senftenberg), Julia Lochte (Münchner Kammerspiele), Enrico Lübbe (Theater Chemnitz), Joachim Lux (Thalia Theater Hamburg), Stephan Märki (Nationaltheater Weimar), Roland May (Theater Plauen-Zwickau), Barbara Mundel (Theater Freiburg), Amélie Niermeyer (Schauspielhaus Düsseldorf), Christoph Nix (Theater Konstanz), Elias Perrig (Theater Basel), Oliver Reese (Schauspiel Frankfurt), Friedrich Schirmer (Deutsches Schauspielhaus Hamburg), Holger Schultze (Theater Osnabrück), Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden), Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater Düsseldorf), Lars-Ole Walburg (Schauspiel Hannover), Barbara Weber (Theater Neumarkt Zürich), Hasko Weber (Staatstheater Stuttgart), Tobias Wellemeyer (Hans-Otto-Theater Potsdam), Kay Wuschek (Theater an der Parkaue Berlin).

 

 
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