Amelie Deuflhard – Kampnagel Hamburg, Intendantin

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2009, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Beeindruckende Theaterereignissen gab es im letzten Jahr so einige: unvergessen die Adaption des verbotenen Romans von Maxim Biller, Esra, in der Regie von Angela Richter, die wunderbar subtile Arbeit der Geheimagentur Reisen in einen anderen Tourismus, die den Zuschauer zwei Stunden in ferne Welten schickt, und die abgründig-poetische Arbeit Die Melancholie der Drachen von Philippe Quesne, die eine Liebeserklärung an die Kunst und das Theater ist.

Doch für mich persönlich war das stärkste Erlebnis das Festival Abidjan Mouvement, das Monika Gintersdorfer initiiert und an verschiedenen Orten in Abidjan (Elfenbeinküste) durchgeführt hat. Das Festival führte die Besucher durch diese, selbst für viel reisende Europäer unbekannte Stadt, an die unterschiedlichsten Orte: In einfache Unterstände, die fast ohne Mittel zu brodelnden Theaterhäusern wurden ebenso, wie in "normale" Kulturräume; in die glamouröse Rue Princesse und in einfache Viertel am Wasser. Es führte zu Begegnungen zwischen Europäern und Afrikanern, die so nur in diesem Kontext stattfinden konnten.

Monika Gintersdorfer arbeitet seit Jahren künstlerisch an einem gleichberechtigten und konfrontativen Austausch zwischen deutschen und afrikanischen Darstellern. Wegweisend in diesem Kontext ist Othello c’est qui?, ein Othello Kommentar, der die afrikanische und die europäische Kultur konfrontativ aufeinander prallen lässt. Eine Produktion, die in Hamburg auf Kampnagel mit Darstellern aus den beiden Kulturen entstanden ist. Dass diese Arbeit auch in Abidjan vor einem Publikum, das noch nie im Theater war, Stürme der Begeisterung hervorgerufen hat, hat mich mehr als alles andere in dieser Spielzeit berührt.

Und noch einmal Afrika: Die Planung für das Operndorf in Burkina Faso von Christoph Schlingensief und Francis Kere ist ein weiteres herausragendes Projekt, das uns neue Zugänge auf die afrikanische Kultur erschließen wird, ein Projekt, in dem Kunst und Leben auf einzigartige Weise verknüpft werden sollen. Schlingensief verfolgt einen postkolonialistischen Ansatz unter dem Motto: von Afrika lernen. Man darf gespannt sein für 2010!


Was man in deutschsprachigen Theaterleitungen über das Jahr 2009 sonst noch denkt, sagen: Andreas Beck (Schauspielhaus Wien), Karin Beier (Schauspiel Köln), Thomas Bockelmann (Staatstheater Kassel), Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Matthias Fontheim (Staatstheater Mainz), Elmar Goerden (Schauspielhaus Bochum), Markus Heinzelmann (Theaterhaus Jena), Jan Jochymski (Theater Magdeburg), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin), Sewan Latchinian (Neue Bühne Senftenberg), Julia Lochte (Münchner Kammerspiele), Enrico Lübbe (Theater Chemnitz), Joachim Lux (Thalia Theater Hamburg), Stephan Märki (Nationaltheater Weimar), Roland May (Theater Plauen-Zwickau), Barbara Mundel (Theater Freiburg), Amélie Niermeyer (Schauspielhaus Düsseldorf), Christoph Nix (Theater Konstanz), Elias Perrig (Theater Basel), Oliver Reese (Schauspiel Frankfurt), Friedrich Schirmer (Deutsches Schauspielhaus Hamburg), Holger Schultze (Theater Osnabrück), Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden), Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater Düsseldorf), Lars-Ole Walburg (Schauspiel Hannover), Barbara Weber (Theater Neumarkt Zürich), Hasko Weber (Staatstheater Stuttgart), Tobias Wellemeyer (Hans-Otto-Theater Potsdam), Kay Wuschek (Theater an der Parkaue Berlin).

 
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