Lebende Last im Gepäcknetz

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 2. Januar 2010. Eine Frau nutzt die Stille am Ende der Vorstellung während des kurzen Blacks: "Dafür braucht Wuppertal kein Schauspielhaus", ruft sie. Tosender Applaus ist die Antwort der anderen. Im Foyer geht die Diskussion im kleinen Kreis, aber doch hörbar, weiter. Ein engagierter Verteidiger der Inszenierung beendet sie mit: "Dann fahren Sie doch nach Düsseldorf." Wären die Fakten nicht so bitter, könnte man sich glatt freuen über soviel verlautbarte Theaterleidenschaft. Einsparungen in Höhe von zwei Millionen Euro sollen laut Haushaltssicherungskonzept verordnet werden, Nicht-Sanierung des derzeit geschlossenen Schauspielhauses und eine komplette Schließung bis 2012 drohen.

Plakate im Foyer

Im Eingangsbereich des Theaters, dessen kleine Spielstätte im Foyer zurzeit mit kleineren Produktionen bespielt wird, hängen ausgedruckte Emails an den Oberbürgermeister mit Wäscheklammern befestigt an einer Leine. Proteste aus den Theatern Deutschlands, von Essen bis Weimar, darunter einige Leidensgenossen. Unterschriften der Zuschauer werden auch gesammelt, schlichte Plakate erklären wogegen: "gegen Kaputtsparen", "gegen Trostlosigkeit", "Wuppertal braucht nicht nur Geld", "Wuppertal braucht Inspiration". Der wirkungsvollste Protest aber sind wahrscheinlich die Aufführungen selbst, die jeden Abend wahrnehmbaren Diskussionsstoff bieten. Wenn sie auch nicht immer solch offenkundigen hervorrufen, wie Peter Wallgrams Inszenierung von Felicia Zellers 2003 uraufgeführtem Stück "Ich Tasche".

Sechs lange Stuhlreihen hat Pia Maria Mackert auf die Bühne gestellt. ICE-erscheinungsbildgetreu fünf Reihen in weiß, dazwischen eine in rot. Auch die Darsteller fügen sich anstandslos ins Bild, drei ganz in weiß gekleidet, eine im roten Abendkleid. Menschliches Inventar: Sie gehören zum ICE wie die automatischen Türen oder die ins Englische übersetzten Durchsagen des Zugpersonals, die in der Regel mehr für fremdschämende Verkrampfung als für Verständnis sorgen. Peter Wallgram hat diese in seine Inszenierung eingefügt und damit den Wiedererkennungswert noch vergrößert.

Menschen auf Schienen gelegt

Das ist lustig, aber unnötig. Denn Zellers Protagonisten (vom Jeanstyp bis zum frustrierten Mann am Handy), die sich während des gesamten Stücks im Zug befinden, versprühen in ihren Wortschwällen, Satzfetzen und Stammeleien ausreichend alltägliche Wirklichkeitserfahrung. Zellers Figuren formen sich aus Wortmaterial, monologisieren vielmehr als dass sie miteinander reden.

Peter Wallgram lässt sich ganz auf Zellers Sprach-Rhythmus ein. Vorgesehene Wortwiederholungen wiederholen seine Schauspieler noch ein paar Mal mehr, bis zum Sprung in der Sprechplatte. Sie verausgaben sich körperlich beim Reden. Zum Beispiel Sophie Basse als Fuck the Commerce, die immer alles verliert, deren bollige Hände in Boxerhandschuhen stecken, mit denen sie unmöglich ihre Fahrkarte wiederfinden kann. Sie erklärt sich um Kopf und Kragen und wird kurzerhand zur Tasche im Gepäckfach umbesetzt. Oder Marco Wohlwend, der als Karohemd sein Fernbeziehungssexleben beim Handytelefonat öffentlich preisgibt und seinen Worten sprunghafte Gesten folgen lässt, der wutentbrannt Stühle stapelt, als könne er so sein auseinandergerissenes Leben ordnen.

Beobachten, belauschen, ansprechen

Übertriebene, verzerrte Gestalten zeigen die Schauspieler. Wie Comicfiguren, denen die Sprechblasen abhanden gekommen sind, trippeln sie zwischen den Szenen die Stuhlreihen entlang. Sie verschlucken Silben, versprechen sich und verdrehen die Sätze, nehmen Textbücher zur Hand und wechseln die Rollen.

Wie schon in der Oberhausener Uraufführung hat sich auch Wallgram für eine minimierte Besetzung mit nur vier Schauspielern entschieden. Das funktioniert, weil die Wuppertaler Darsteller gar nicht erst versuchen, deutlich voneinander zu unterscheidende Charaktere abzubilden. Zwar hat jede Figur ihre eigene Sprache, ihren eigenen Tick, aber die Begegnung mit ihr bleibt spotartig. Ganz wie im realen Bahnfahrer-Leben. Sein Gegenüber kann man beobachten, belauschen und ansprechen, kennenlernen kann man es – wenn überhaupt – nur schemenhaft. Einfühlung ist bei Felicia Zeller zumindest fehl am Platz.

Verzweifelte sprechen

Der 32-jährige Wallgram, der mit "Ich Tasche" seine erste größere Regiearbeit vorstellt, inszeniert das kleine Stück durchdacht, wenn er manche (un)ausgesprochene Vorgabe der Autorin auch zu genau nimmt. "Ein rückgespulter Film" sagt Jeanstyp in der letzten Szene. Wallgram lässt also nochmal die Anfangsszene spielen. Das machen die Schauspieler großartig, aber es fügt dem Stück keine neue Sinnebene zu, auch nicht als Groteske.

Aber wenn den drei weißgekleideten Darstellern nach dem Zugunglück das rote Blut aus dem Mund tropft und sie bei der Wortbildung behindert, ist das ein stimmiges Schlussbild für ein permanentes Sprechen am Rande des Verzweifelns. Ein performativer Akt, der sogar ins Bühnenbild passt. Dafür braucht Wuppertal sehr wohl ein Schauspielhaus.


Ich Tasche
von Felicia Zeller
Regie: Peter Wallgram, Bühne und Kostüme: Pia Maria Mackert.
Mit: Sophie Basse, Holger Kraft, Maresa Lühle, Marco Wohlwend.

www.wuppertaler-buehnen.de


Mehr zu Felicia Zeller im nachtkritik-Archiv: Anerkennung fand sie allen voran mit Kaspar Häuser Meer. Wir besprachen die Freiburger Uraufführungsinszenierung als sie bei den Mülheimer Theatertagen 2008 gastierte und auch die Aufführung an den Münchner Kammerspiele. Auf www.nachtkritik-stuecke08.de gibt es auch ein Porträt der Autorin und ihres Stücks.

 

Kritikenrundschau

Für Martina Thöne von der Westdeutschen Zeitung (4.1.) ist "Ich Tasche" ein "Wechselspiel zwischen Intimität und Distanz: Felicia Zeller zeigt Reisende, die wohl lieber allein im Abteil wären, aber auf engstem Raum miteinander auskommen müssen." Das Wuppertaler Premierenpublikum halte in Peter Wallgrams Inszenierung "teilweise die Luft an – nicht nur, weil das Quartett in vollendeter Eintracht die Blähungen eines Sitznachbarn imitiert und damit die peinliche Nähe amüsant auf den Punkt bringt." Die Produktion komme "durch gut gesetzte Einschnitte zügig in Fahrt", sie sei "mal komisch, mal unterhaltsam, mal faszinierend, mal nervig – wie bei einer echten Zugfahrt eben". Allerdings sei Wallgrams erste größere Regiearbeit "nicht wirklich konsequent: Zellers rhythmisch-musikalische Texte, die sich an der Grenze zwischen Kunst und Realität bewegen, werden nur sporadisch wiederholt. Und um wirklich übertrieben zu wirken, müssten die Requisiten durchgängig überzeichnet sein. (...) Vielleicht wäre es besser gewesen, den Minimalismus in noch absurdere Höhen zu treiben."

 

 
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