Von Worten und Würsten

von Stefan Bläske

Wien, 7. Januar 2010. Was, wenn wir unsere Politiker beim Wort nähmen? Was, wenn sie uns wirklich aus dem Herzen sprächen? Dafür müsste der Präsident schon ein guter sein, voll Gutheit. Ja, Gutheit. Denn Güte, das ginge zu weit – finden die vier Präsidentenberater im einheitsgrauen Sakko. "Wie eine Jungfrau ist der Präsident / von keinem Samen jemals abgesudelt", und so stimmen sie an zum "Ave verum corpus, Präsident".

Dank "Ave Verum" haben wir Theaterbesucher uns schon beim Einlass in Kirchgänger verwandelt. Mozarts huldvoll-himmlische Motette hieß uns willkommen im "Nachbarhaus", das dem Schauspielhaus künftig (wie vor langer Zeit schon einmal) als kleine Spielstätte dienen soll. Bar- und Bühnenbetrieb werden sich hier abwechseln. Zum Auftakt kostümierte sich der Raum als kleine Kapelle, stimmungsvoll mit Weihnebel, Wand-Ewiglicht und Holzbankreihen aus einer alten Pfarre. Ein guter, erbaulicher Ort für eine Serie über die Zehn Gebote.

Der nächste, das bin ich mir selber

Serielle Dramatik und serielles Theater haben im Schauspielhaus unter Andreas Beck inzwischen schon Tradition. 2008 war die benachbarte Strudlhofstiege Ausgangspunkt für eine zwölfteilige Theaternovela nach Heimatdichter Heimito von Doderer. 2009 wurde Sigmund Freud in einer zehnteiligen "Doku-Fiction-Reihe" auf die Couch gelegt. Die aktuelle Serie nun scheint prima vulva weniger lustorientiert.

Es geht, wie das Programmheft ankündigt, um jenen ethischen Korpus, der zwar "notorisch gebrochen wird", aber "im Grunde von keiner Ideologie und Philosophie jemals in Frage gestellt wurde". Zehn zeitgenössische Autoren sollen zehn Stücke zu den zeitenüberdauernden Geboten meißeln. Kathrin Röggla ist dabei, Paulus Hochgatterer und Ilija Trojanow. Sprachakrobat und Theatertheologe Ewald Palmetshofer hat die Serie, die in Zusammenarbeit mit der Ruhrtriennale entsteht, kuratiert und nun – mit dem achten Gebot – eröffnet: "Du sollst nicht falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten." Der Nächste, das bin mir natürlich erstmal ich selbst.

Im Krankenbett mit Schwester Karin

Und so sind die Männer-Namen wohl Programm: Erich und Richard – zweimal mit ICH. Einmal vorweg ein ER. Und zuguterletzt auch noch die ARD. Wir sitzen in der ersten Reihe, schauen die Präsidentenansprache. Im Zweifel auch eine alte. (Die ARD beispielsweise hat Silvester 1986 versehentlich die ein Jahr alte Ansprache des deutschen Bundeskanzlers ausgestrahlt.) Meist macht das ja nix, sind eh immer die selben Floskeln. Auch Palmetshofer sieht das wohl so. Sein Präsident hält weniger eine Rede als eine Ausrede. Aber die Worte fallen – o höret! – in offene Herzen. Der gebrechliche, grantlige Erich fühlt sich nochmal jung und gut, während er in seinem Krankenbett mit Schwester Karin der Rede lauscht. Danach bringt er sich um: eine End- und Erlösung. Trotz dieser existentiellen Situation indes bleiben die beiden Figuren textlich und darstellerisch ähnlich farblos wie ihre blassblauen Crogs und krankenhaushellen Kostüme.

Ganz anders dagegen die zweite Paar-Konstellation. Sie tragen Acrylpullover und Plüsch-Pantoffeln, und eine Brille, Kassengestell. Wenn sie gemeinsam essen, liegt zwischen ihnen eine Fernbedienung. Die Präsidentenrede fällt bei Couch-Potato Richard auf derart fruchtbaren Boden, dass er sie gleich zum Anlass nimmt, die Beziehung zu beenden. "SANDRA: hat mit Präsidentenworten drinn' in seinem Mund / hat mit mir Schluss / weil diese Wahrheit / RICHARD: ist eine Tochter der Zeit / tut mir Leid / das sagt sogar der Präsident / ich hätt's nicht besser sagen können / nein / der spricht mir aus dem Herz / dass eine Wahrheit nur für eine Zeit lang gilt / und für die Zeit, in der sie Wahrheit war, war das auch schön ah / gut / weil halt die Wahrheit eine Tochter ist".

Mit der Geflügelschere in Richards Hühnerbrust

Es ist die zentrale, und – trotz der eigenwilligen Gleichsetzung der Großworte "Wahrheit" und "Liebe" – wohl auch die spannendste Passage in Palmetshofers Stück und Sebastian Schugs Inszenierung. Populistenrelativismus und Politikersprache springen über auf des Pärchens Privatleben. Gerade noch schien alles in Ordnung für die hühnchenmampfende Sandra (herrlich Fleisch und Worte kauend: Katja Jung), da erleichtert sich Richard oral mit seinem stinkenden Herzensauswurf (Steffen Höld blickt dabei wunderbar naiv aus der türkisgemusterten Wäsche). Die Verlassene ist grausam konsequent: sie schneidet – damit sein Herz auch wirklich sich erleichtern kann – mit der Geflügelschere ihrem Richard hinein in seine Hühnerbrust ...

Drastisch also, ein bisschen moralisierend, und glücklicherweise gewohnt wortgewandt führt uns Ewald Palmetshofer vor, was passiert wenn wir kalte Herzen herzen und dumme Worte wörtlich nehmen. Sebastian Schug hat das unaufdringlich auf die kleine Bühne gestellt: mehr Vortrag als Theater, mehr Rede als Spiel. Damit entspricht er dem Thema "Präsidentenrede", und auch den Zehn Geboten, bei denen es so sehr aufs Wort ankommt. Die Serie zum Zehnwort, zum Dekalog hat begonnen. Neun weitere Texte warten auf ihre Aufführung. Neun Mal noch wird laut gerufen "Du sollst". Und notorisch wird dies dann gebrochen werden, Gott sei Dank.

 

herzwurst. immer alles eine tochter (UA)
von Ewald Palmetshofer
Regie: Sebastian Schug, Bühne: Michael Zerz, Kostüme: Eva-Maria Lauterbach Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit Angela Ascher, Steffen Höld, Katja Jung, Johannes Zeiler

www.schauspielhaus.at

 

Mehr lesen über Ewald Palmetshofer im nachtkritk-Archiv: im November 2007 inszenierte Felicitas Brucker am Wiener Schauspielhaus die Uraufführung von hamlet ist tot. keine schwerkraft. 2008 wurde das Stück für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Hanna Rudolph inszenierte Palmetshofers zweites Drama wohnen. unter glas im März 2008 in Graz. Im Frühjahr 2009 wurde am Schauspielhaus Wien faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete uraufgeführt. Und hier spricht unter den Wolken von Mülheim an der Ruhr Ewald Palmetshofer persönlich.

 

Kritikenrundschau

Palmetshofer geht es in seinem Text über das achte Gebot auch um den Wahrheitsgehalt der öffentlichen Rede heute, so Günter Kaindlstorfer im Deutschlandfunk Kultur vom Tage (7.1.) Wie schon in seinen früheren Texten erweise sich der Autor auch in diesem Einakter - Spieldauer: 45 Minuten - als "philosophischer Sprachspiel-Verwurster, der dekonstruktivistische Phrase und legeren Alltagstalk zu einer temporeichen Theatertirade zusammenfaschiert." Regisseur Sebastian Schug habe in der früheren Bar des Schauspielhauses eine kleine Kapelle eingerichtet, mit Holzbankreihen aus der Pfarre und ewigem Licht und weihrauchartigem Theaternebel, der en masse versprüht wird. "Auf der kleinen Bühne treten vier Schauspieler vors Publikum, Sprachmasken mehr denn Akteure. Sie deklamieren den Text, diesmal eine Mixtur umgangssprachlicher Phrasen und geschredderten Philosophen-Jargons, und fertigt daraus eine eingängige, allerdings wenig nachhaltige Sprachsoße."

 

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