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Da hab' ich gemerkt, dass ich kein Individuum bin

von Elena Philipp

Berlin, 15. Januar 2010. Eine rotierende Mühle hat Regisseur und Bühnenbildner Andreas Kriegenburg für die Uraufführung von Dea Lohers "Diebe" im Deutschen Theater eingebaut. Die Figuren stehen mal oben auf dem roh gezimmerten Rad der Fortuna, dann richten sie es sich mit Tisch und Stuhl unten auf der nun zweistöckigen Bühne ein. Manchmal hängen sie verträumt eine Schaukel an einen der Flügel, und wenn sie nicht aufpassen, bekommen sie mit der Mühlradkante einen leichten Schlag auf den Hinterkopf. Ein Bühnenbild mit reichen Möglichkeiten.

Dea Loher hat ihrem bevorzugten Regisseur im Auftrag des Deutschen Theaters in Berlin einen Episodentext für ein Dutzend Darsteller geschrieben. Ähnlich wie in Robert Altmans Film 'Short Cuts' verweben sich die einzelnen Lebensgeschichten. Deutet Kriegensburgs Mühle ein kontinuierliches Auf und Ab an, geht es in Lohers Text für die Figuren eher bergab. Sie starten hochgemut und hoffnungsfroh; am Ende sind ihre Hoffnungen zerbrochen, und zwei von zwölf sind tot.

Karge Spuren eines Lebens ohne Trost

Linda Tomason (Judith Hofmann), die das von Schließung bedrohte örtliche Thermalbad betreut, hat im Wald einen Wolf gesehen und träumt nun von einem Wildpark. Ihr Bruder Finn (Jörg Pose), ehemals Versicherungsmakler wie der Vater Erwin (Markwart Müller-Elmau), liegt in Schlafrock und Pyjamahose schlaff in einem prekär geneigten Schaufelradabteil und erzählt dem Publikum seine Lebensunlust: "Er würde nie mehr aufstehen. Nicht heute und auch an keinem anderen Tag." Finn wird später aus dem Fenster springen, nichts hinterlassend als das Gekritzel an den Wänden seines Zimmers - Namen, Telefon- und Versicherungsnummern, eine Erinnerung an seinen Vater, der ihn als Kind während einer schweren Erkrankung zum Kämpfen ermutigte. Kämpfen, streben - Finn hat aufgegeben, weil er "im Lauf der Zeit immer weniger wusste, was Grund und Ziel und Absicht oder Zweck des Kampfes sein sollte", wie Linda von seiner Zimmerwand abschreibt. Karge Spuren eines Lebens ohne Trost.

Tomason ist denn auch ein sprechender Name. Loher bezieht sich auf eine Idee des japanischen Künstlers Genpei Akasegawa. Finns Freund Rainer Machatschek (Bernd Stempel) erklärt sie Linda, die für kurze Zeit seine Geliebte wird: Ein Tomason, "das is n Ding, von dem kein Mensch weiß, wozus gut is". Es hatte vor langer Zeit eine Bedeutung, die jedoch vergessen ist. Der Mensch, ein nutzloses Objekt. So wie Lindas Namensvetterin Monika Tomason (Barbara Heynen). Der Aufstieg zur Supermarktleiterin in Holland ist ihr versprochen, ihm arbeitet sie mit Sprachkurs und Fernabitur emsig entgegen. Als die holländische Konkurrenz unerwartet den deutschen Konzern übernimmt, wird sie gekündigt - abbaubares Humankapital. "Da hab ich gemerkt, dass ich kein Individuum bin", kapituliert sie.

Steif-groteske Loriot-Puppen

Nicht mehr nur der Umwelt entfremdet, sondern ihrem eigenen Menschsein sind Lohers Figuren fremd geworden. Sie haben das Leben nicht gelernt, obwohl es so einfach ist wie Sprechen oder Schwimmen lernen, findet die als Einzige unversehrte, weil illusionslose Gabi. Neben dem Dinglichen entwirft die Autorin in "Diebe" für ihre Figuren noch einen anderen Existenzpol: das Tiersein. Da ist Lindas Wolf, eine Verheißung. Spuren eines Tieres meinen auch die Schmitts in ihrem Garten gefunden zu haben. Sie fühlen sich beobachtet - und empfinden die Bedrohung mit lustvollem Gruseln.

Katrin Klein und Bernd Moss spielen das pastellfarbene Paar wie steif-groteske Loriot-Puppen. Ida Schmitt kiekst und zappelt und hat gar schröckliche Angst vor dem Tier, das eigentlich keines ist: Der Bestatter Josef Erbarmen (Helmut Mooshammer) ist dem anonymen Samenspenderpa seines minderjährigen, schwangeren Liebchens Mira (Olivia Gräser) auf der Spur.

Im vollständig eingerichteten Leben der Schmitts stört alles Neue, und so können sie sich nicht entscheiden, ob sie der ungewollt aus Gerhard Schmitts vormaliger Großzügigkeit resultierenden Familienerweiterung um Josef-Mira-Enkelkind zustimmen sollen: "Was sollen wir bloß tun. Gibt es irgendeinen Hinweis. ... Können wir irgendetwas gewinnen"? Was tun? Das Tier muss unschädlich gemacht werden. Orgasmisch jauchzend erschlagen Gerhard und Ida den Josef ohne Erbarmen mit Hammer und Bratpfanne. Der Mensch ist dem Menschen eben ein Wolf.

Knallkomische Spielweise

Was sich im Stück oft beklemmend liest, ist auf der Bühne vorwiegend komisch. Kriegenburg entdeckt in 'Diebe' das Boulevardstück. Der heitere Höhepunkt ist das Zusammentreffen des Innendienst-Polizisten Thomas Tomason (Daniel Hoevels), bis zu ihrer Kündigung der Mann von Monika, und Gabi Nowotny (Susanne Wolff), die von ihrem Freund Rainer Machatschek im Wald gewürgt wurde. Thomas ist ganz eckiger Komissar, der auf Seelsorger umschaltet, als Gabi ihren Tscheki gar nicht anzeigen, sondern sich nur versichern möchte, dass sie ihn rückwirkend belangen kann, sollte Ähnliches noch einmal vorkommen. Susanne Wolff röhrt, rotzt und dirigiert das Polizistchen, dass es eine Freude ist. Das Tempo stimmt, die Pointen werden mit Verve bewältigt - der einzige Zwischenapplaus des Abends ist fällig.

Mit der knallkomischen Spielweise, die Loher in die Nähe von Yasmina Reza rückt, bügelt Kriegenburg jedoch über die Subtilitäten des Textes hinweg. Im zweiten Teil des vierstündigen Abends gelingt ihm denn auch der Registerwechsel vom komischen ins dramatische Fach nicht mehr. Wenn Mira nach dem bestialischen Mord an Josef einen anschwellenden Klagegesang anstimmt, ist man als Zuschauer schon und noch meilenweit von der Figur entfernt, die als zeternde Berliner Göre auf das schnelle Lachen zusteuerte und nicht auf Mitempfinden. Das Tragische ist nurmehr als Oberfläche lesbar

Das Knirschen der Bühnenmühle

Dass die Inszenierung hochartifiziell um sich selber kreist, liegt aber auch am Stück, das kaum inszenatorisch zu füllende Leerstellen lässt. Obwohl die Zuschauer Finns Freitod miterlebten, hat Loher für Linda und den Vater noch lange Bewältigungsszenen verfasst, die ungekürzt auf der Bühne ausgebreitet werden. Kriegenburg weist auf das Übererfüllen des dramatischen Solls mit zusätzlichen Verdopplungen hin - die Figuren sprechen ihren Dialog und thematisieren episch-narrativ zugleich ihr Figursein, so wie es im Text steht; dann lässt Kriegenburg sie das Gesagte auch noch spielen: "Linda stellt 3 Tassen auf den Tisch", sagt Judith Hofmann und hebt jede einzelne Tasse kurz an. "Er hustet", sagt Helmut Mooshammer und hustet.

Kriegenburg verkürzt dem Publikum die gedehnte Erzählzeit mit flottem Easy Listening und Jazz, der gut zu den pastelligen 60er-Jahre-Tönen der Kostüme passt. Frank Sinatra, Andy Williams, Billie Holiday, und zu Anfang singt Judith Hofmann "Que Sera, Sera" von Doris Day - wunderbar leichte Songs mit melancholischen Texten von Aufbruch und gescheiterter Hoffnung. Hübsch, so hört man auch das Knirschen der Bühnenmühle nicht. Was vom Abend bleibt, ist gehobene Ermüdung.

Nur das Bühnenbild dreht sich im Kopf wie ein Karussell weiter.

 

Diebe (UA)
von Dea Loher
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Barbara Drosihn, Dramaturgie: Claus Caesar, Juliane Koepp.
Mit Olivia Gräser, Barbara Heynen, Daniel Hoevels, Judith Hofmann, Katrin Klein, Helmut Mooshammer, Bernd Moss, Heidrun Perdelwitz, Jörg Pose, Bernd Stempel, Susanne Wolff.

www.deutschestheater.de


Mehr zu Dea-Loher-Uraufführungen von Andreas Kriegenburg im nachtkritik-Archiv und auf nachtkritik_stuecke08: im Februar 2008 kam am Hamburger Thalia Theater die Uraufführung von Das letzte Feuer heraus, das im gleichen Jahr den Mülheimer Dramatikerpreis gewann. Weitergehende Informationen auch im entsprechenden Glossareintrag.

 

Kritikenrundschau

"Darauf hat man doch lange gewartet. Auf den Durchbruch für die so tastend und zäh gestartete Intendanz von Ulrich Khuon am Deutschen Theater Berlin", feiert Peter von Becker im Berliner Tagesspiegel (17.1.) die Uraufführung. Von Becker scheint, als sei mit einem jüngsten Pollesch-Solo in der Volksbühne und nun dieser Uraufführung das Hauptstadttheater "mitten im Frost überhaupt erst auf Betriebstemperatur gekommen". Das "fulminante zwölfköpfige Ensemble" wage immer wieder die grelle Farce. Dea Loher selbst legt aus Sicht des Kritikers in diesem Stück mitunter das Format eines modernen Molière an den Tag. Das Bühnenbild allerdings wirke eher hemmend auf die Inszenierung, die trotz der großen Effekte "auch gefangen in dieser allmählich erschöpfenden, vorhersehbar unabänderlichen Mühlradmechanik" zu sein scheint. "Dagegen spielt die Aufführung spürbar an. Und bleibt trotz einiger Überdehnungen und der nach der Pause verstärkten Melodramatik leicht. Bleibt kopfhell und sich ihrer Gefährdungen bewusst."

"Die Mühle des Lebens dreht sich vier heitere Stunden lang, wobei die Inszenierung selbst aus dem Gleichgewicht gerät", schreibt Julia Encke in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (17.1.). Andreas Kriegenburg habe sich entschlossen, Dea Lohers Episodenstück als Tragikomödie zu inszenieren, als Lebensunfähigkeits-Short-Cuts, in denen die Verbindungen zwischen den Figuren im heiteren Turnus der Bühnenmühle immer enger und schräger werden. Doch aus Sicht der Kritikerin verliert sich das Tragikomische des Stücks, diese bei Dea Loher niemals dem Leben abgelauschten, sondern verdichteten, überdrehten, oft sehr schönen, diesmal sogar witzigen Dialoge im Klamauk. "Mit albernen Effekten wird hier so ziemlich alles verspielt, was im Drama behutsam und gar nicht dick aufgetragen angelegt ist. Was übrig bleibt, ist einfach nur saublöd."

Es sei nicht der stärkste Abends des erprobten Duos Loher-Kriegenburg, sagt Michael Laages in der Sendung Fazit des Deutschlandradios (15.1.). Zwar handele es sich um eine extrem bunte, und auch extrem abwechslungsreiche Aufführung. Doch Laages findet bereits das Stück eine Spur beliebig und vermisst dann auch in der Inszenierung einen roten Faden, einen Kern, der alles zusammenhält. Konzentrationsmindernd wirkt sich seiner Ansicht nach auch die prägende Bühnenidee auf die Inszenierung aus, dieses Schaufelrad des Lebens, von dem Menschen verschlungen und ausgespiehen werden.

In der Welt (18.1.) stimmt Ulrich Weinzierl eine Hymne an: Mit "Diebe" habe die langjährige Zusammenarbeit Lohers und Kriegenburgs "ihren bisherigen Höhepunkt erreicht". Kriegenburg verstehe sich "auf ästhetische, streng artifizielle Chaosbändigung wie wenige andere", und auch diesmal sei das Mühlrad seines Bühnenbilds eine "Wundertrommel". Lohers dramatische Mittel wiederum schöpften ihre Kraft "aus einer dichterischen, vieldeutigen Sprache, die Pointen zuzuspitzen weiß und auch das Schweigen gestaltet. Es stößt das Tor zum unendlichen Raum immer wiederkehrender Fragen auf, sie wurden einst als die ewigen bezeichnet: Woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir?" In "Diebe" münde das "in der anrührenden Farce, auf dem Boulevard zerbrochener Träume. Solch virtuos erzeugter, schwer erträglicher Leichtigkeit des Seins begegnen wir in deutschen Bühnenlanden selten. Dass Loher sich dazu aufgerafft hat, stimmt froh", zumal hinter allem "die Logik des überlebenswahren Aberwitzes" stecke, "ein pechschwarzer Groteskhumor".

Lohers "Diebe" schwankt für Tobi Müller in der Frankfurter Rundschau (18.1.) "zwischen klugen Aufschüben, allzu offenen Berührungen, deftigen und zarten Szenen, besonders zwischen den Älteren". Es sei "ein unsicheres Stück, vielleicht ein Aufbruch. Routiniert scheint der Text nur in der Sprache, immer wieder". Szenen und Figuren würden zusammengehalten "von der Komik und Tragik der verschwindenden Unterschiede. Unheimliche Ähnlichkeiten: Ich bin nicht wie Sie, wir sind verschieden, das sind Schlüsselsätze in diesem Text, in dem die Figuren ihre Einzigartigkeit zu behaupten suchen, die ihnen doch ständig entwischt." Kriegenburg mache "erst einen melancholisch heiteren, dann einen tief dunklen Abend daraus". Diese "pädagogische Stilabfolge der Inszenierung, der brav konsekutive Ansatz" ermüde dann doch. Und doch möchte man "aus diesem Abend immer wieder einzelne Singles auskoppeln".

"Was passieren kann, wenn die Garantien der Schwerkraft und die Gewissheiten für eine Weile zumindest literarisch außer Kraft gesetzt werden, zeigt Dea Loher (...) in ihrem neuen Stück", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen (18.1.): "Als hätte Dea Loher sich aus weiter Ferne an Botho Strauß erinnert, tauchen hier Paare und Passanten auf, die der Zufall vereint, trennt, in unvermutete Verbindungen weht, aus der Luft greift, über den Haufen wirft." Andreas Kriegenburg gelinge "eine grandios hinreißende Überraschung. Er vermag nämlich alle Elendsfolklore von diesen Fragmenten gescheiterter Lebensentwürfe zu pusten und darunter mit empathischer Intelligenz schrecklich-schöne Narreteien zu entdecken." Das Ensemble erweise sich "als strahlend inspiriert", als sei "die neue Belegschaft mit diesem vital wie geschlossen überzeugenden Höhenflug endlich in Berlin angekommen". Fazit: "eine brillante, beglückende, zauberisch burleske Rêverie: arme Menschen, kleine Geschichten – reiches, großes Theater."

Nie komme in Dea Lohers Texten "ein Fragezeichen vor, immer zielt sie aufs Ganze", konstatiert Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (18.1.): "Die Loher-Kunst ist eine Zumutung. Kompromisslos, kantig, klug." In "Diebe" habe sie nun "den Ausbruch geprobt", unvermittelt würden hier "verschiedene Typen, Lebens- und Seelenlagen" aufeinanderknallen: "Die Differenzen sind ihr diesmal wichtiger als die eine, alles überwölbende Atmosphäre." Andreas Kriegenburg sei mit seiner Uraufführung "dicht am Text, wenn er die Abgründe zwischen den Figuren herausinszeniert – er stellt verschiedene Spielweisen gegeneinander". Gegen Ende werde "mehr gebarmt und weniger boulevardisiert, alles jedoch bleibt flächig, alles rauscht folgenlos vorüber". Der Regisseur habe "augenscheinlich nicht gewusst, was er einem Stück hinzufügen soll, das selber nicht mehr will, als mit Komödien-Elementen zu experimentieren. Am Ende produziert diese Inszenierung nichts als einen vierstündigen Mulm, aufgeschäumt durch Lach-Blasen." Immerhin sei das Mühlrad der Bühne "eine schöne, große Metapher. Sie ist allerdings so schön und so groß, dass sie im Laufe der Inszenierung alle Differenzen und Nuancen niederwalzt.
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Eine "zeitlose Schicksalsgemeinschaft" sei das, was hier auftrete, meint Simone Kaempf (taz, 19.1.): "Unkalkulierbare Kräfte müssen ertragen werden, die sich mal in die eine, mal in die andere Richtung wenden, das ganze Kippelige der Existenz, das jenseits von kulturellen oder gesellschaftspolitischen Zuschreibungen existiert." Dea Loher habe im deutschen Theater "eine herausragende Rolle als Schmerzensfrau", und umso größer sei "die Überraschung über den Geist der Komödie", der in Kriegenburgs Inszenierung herrsche: "Gelächter passt bei Lohers Figuren also auch." Im "Stil eines Stationendramas" entstünden "Begegnungen, aus denen sich ein Befindlichkeitspanorama bilden könnte, wenn, ja wenn klarer wäre, durch welche Mentalitätsgeschichte die Figuren eigentlich gehen und was von außen auf sie wirkt". Kriegenburg hat "zahlreiche Stücke von Dea Loher zur Aufführung gebracht und ihnen meist ein optimistischeres Weltbild entgegengesetzt". Hier aber gerate die Komik "zunehmend überzeichnet". Und dieses Überzeichnen "stört die rädchenartige Zusammengehörigkeit der Figuren und verstellt den Blick auf den Kern von Lohers Stück. Nach vier Stunden Kriegenburg offenbart er sich am ehesten im letzten Standbild: Die zwölf Schauspieler stehen vorne auf der Bühne und schauen über das Publikum hinweg in die Ferne. Alle zum ersten Mal gemeinsam und doch jeder für sich, in stummer Ratlosigkeit, was da noch kommen mag."

Dea Loher, schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (20.1.2010), betreibe seit Jahren "einen poetischen Schamanismus", der aus "scheinbar banalen Umständen existentielle Konflikte" hervorzaubere. Obwohl das Personal von Diebe förmlich danach schreie und trotz Szenen "voller Sprachwitz", sei "Diebe" "natürlich" keine "waschechte Komödie". Kriegenburg habe das Karrusell aus dem sehr ähnlichen "Letzten Feuer" um 45 Grad gedreht und es zu einem "Mühlrad des Lebens" gemacht. 37 Szenen lang werde das "herrische Instrument" "beturnt, beschrieben, zum Schaukeln und Sonnen benutzt", es spucke die Figuren aus und putze sie weg, ein "Memento Mori des Technikzeitalters". Die von Kriegenburgs "Spaß-Gas" animierten Schauspieler spielten "Karikaturen von Großstadtmenschen", die mit der "randstädtischen Atmosphäre" von Lohers Stücks nicht mehr viel gemein hätten, trotz weitgehender Texttreue. Die "grundsätzliche Entscheidung zur Parodie" raube Lohers "tapferem Pessimismus" die "entscheidenden Töne und Tiefen". Humor sei bei ihr immer eine "Trotzreaktion auf Verzweiflung" gewesen, diese Balance sei in "Kriegenburgs Typen-Komödie" nicht mehr gewahrt.