Geschichtsloses Foto-Theater

von Wolfgang Behrens

Berlin, 25. August 2007. In Christoph Rüters Filmporträt über die Schauspielerin Angela Winkler "Sei einfach und stolz" (2004) gibt es einen seltsam bezwingenden Moment. Winklers Lebensgefährte Wigand Witting erzählt, dass ein Kritiker ihr anlässlich von Peter Zadeks "Mutter Courage"-Aufführung am Deutschen Theater Berlin (2003) vorgeworfen habe, sie spiele im Grunde gar nicht. Witting bestätigt das nüchtern: "Angela kann gar nicht schauspielern." Daraufhin bricht Angela Winkler in ein frohes, entwaffnendes Lachen aus – "Ja, stimmt! Ich kann gar nicht schauspielern" – und lässt ihren Blick nach innen gleiten, wo er sich mutmaßlich in unendlichen Tiefen verliert.

Der Menschenmacher

Angela Winkler lacht hier nicht über einen Witz, sie lacht das helle Lachen des Erkennens: Ja, sie spielt auf der Bühne nicht, sondern sie lotet dort eben jene Tiefen ihres Menschseins aus, in die ihr weltverhangener Blick so oft hinabzusteigen scheint. Wer also mit der Schauspielerin Angela Winkler arbeiten will, der muss mit dem Menschen Angela Winkler arbeiten, muss diesen Menschen entdecken wollen. Von daher war es wohl nur eine Frage der Zeit, dass Angela Winkler auf Peter Zadek treffen würde, ihren Meisterregisseur. Weil Zadek, so hört man es allenthalben, sich nicht für Schauspieler interessiert, sondern für Menschen – oder wie der große Theaterwissenschaftler Henning Rischbieter es formuliert: "Er macht aus Schauspielern Menschen."

"Peter Zadeks Menschentheater" heißt denn auch die Ausstellung, die die Akademie der Künste Berlin vom 26. August bis zum 21. Oktober in ihren neuen Räumlichkeiten am Pariser Platz zeigt. Ursprünglich zum 80. Geburtstag des Akademiemitglieds geplant, wird die von Zadeks langjähriger Kostümbildnerin Barbara Naujok kuratierte Schau jetzt mit gut einjähriger Verspätung realisiert – was den kuriosen Umstand mit sich bringt, dass die begleitende Buchpublikation (Klaus Dermutz [Hg.], Peter Zadek. His way, Berlin: Henschel 2006) schon seit einem Jahr auf dem Markt ist und mit der Ausstellung herzlich wenige Überschneidungen bietet. Dafür aber hofft die Kuratorin, nun dem Kern von Zadeks Theater – den Menschen also? – auf der Spur zu sein: ein hehres Ziel.

Ibsen oder Realität?

Den Kern der Ausstellung bilden zunächst einmal großformatige Fotografien, hie und da ergänzt von den unvermeidlichen Videoschnipseln. Während die Videos – wie meist – das Theater nur unzulänglich abbilden und höchstens zu dem einen oder anderen Wiedererkennungseffekt beitragen ("Ach ja, das war Gert Voss als Shylock!"), sind die Fotos stark. Sehr stark mitunter. Da sieht man Ben Becker in Neil LaButes "Bash" (Hamburger Kammerspiele, 2001, siehe unten links) in einem Interieur, das einem in der Zweidimensionalität des Fotos von Roswitha Hecke wie ein formvollendetes Edward-Hopper-Bild entgegentritt: eine Einsamkeitsstudie (wer sich an Beckers läppisch-nuschelndes Spiel erinnert, wird das Foto der szenischen Darbietung vielleicht überlegen finden). Und man sieht vor allem die Triptycha, Diptycha und altarartigen Bildanordnungen Gisela Scheidlers, komponiert etwa aus Fotos zu Zadeks legendären Aufführungen des "Othello" (Schauspielhaus Hamburg, 1976) und des "Hamlet" (Bochum, 1977).

Zadek_Bash_Foto-Hecke
Zadek_Peer_Gynt_1_Scheidler
© Roswitha Hecke
© Gisela Scheidler      

Scheidlers Bildern wohnt eine bemerkenswerte Qualität inne: Sie scheinen nicht die Inszenierungen zu dokumentieren, sondern die Realität bestimmter Augenblicke. In vielen Fällen laden ihre Theaterfotos gar dazu ein, das Dargestellte mit der Realität zu verwechseln – das Foto "Peer stürzt, Frauen standen an seiner Seite" (zu Zadeks "Peer Gynt" am Berliner Ensemble, 2004, siehe oben rechts) zeigt einen am Boden liegenden, von vielen Händen gehaltenen Uwe Bohm als Peer Gynt: Es könnte jedoch auch das zufällig beobachtete Zeugnis eines Vorfalls bei einer Demonstration oder Straßenschlacht sein. Scheidler selbst spricht davon, dass sie als Journalistin "dichte" Momente der Realität aufsuche – und dass sie bei Peter Zadeks Theater auf den Glücksfall stoße, eine bereits verdichtete Realität vorzufinden.

Ein begehbares Fotoalbum

So also schlendert man durch die Ausstellung und begegnet den Menschen Peter Zadeks (neben Angela Winkler noch Eva Mattes, Isabelle Huppert, Ulrich Wildgruber, Bruno Ganz und vielen anderen), gesehen durch die Brille einiger brillanter Fotografinnen. Und in Momenten, in denen sie – im Jargon der Eigentlichkeit gesprochen – "intensive Authentizität" ausstrahlen. Hängung, Größe und Eigenart der Bilder vermitteln das Gefühl, eine Fotokunstausstellung zu besuchen. Was dabei allerdings völlig über Bord geht, ist die Einbettung des Zadek-Theaters in jedwede geschichtlichen Zusammenhänge. Wenn einer über die immense künstlerische Bedeutung Peter Zadeks in den 60er, 70er und auch noch 80er Jahren etwas lernen möchte, dann ist er in der Ausstellung der Akademie der Künste fehl am Platz. Wer vor Ilse Buhs’ Fotos der bahnbrechenden Bremer "Maß für Maß"-Aufführung von 1967 steht, dem fällt vielleicht noch der berühmte Glühbirnen-Rahmen von Wilfried Minks ins Auge – von der Sprengkraft der Inszenierung wird er nichts erahnen, wenn er von ihr nicht eh schon weiß.

Was ist der Unterschied?

Schade, schade, denn eigentlich erführe man schon ganz gerne, wie Zadeks spezifischer Umgang mit Menschen in den Aufführungen seinen ästhetischen Niederschlag findet; was Zadek denn nun unterscheidet von seinen Zeitgenossen und Mitstreitern Peymann, Tabori oder Stein, die doch auch mit Menschen gearbeitet haben – oder nicht? Fulminante Fotos also: Das ist nicht nichts – den Kern des Zadek-Theaters aber gilt es weiterhin freizulegen.

Eine Fußnote sei erlaubt: Bei der sogenannten Pressevorbesichtigung hatte die Akademie sämtliche Legenden und zum Teil auch die Beleuchtung noch nicht angebracht, einige Fotos fehlten, und auch die "ausgewählten Beiträge zur Rezeption" waren noch nicht zu begutachten. Das ist – Entschuldigung! – dilettantisch. "Freunde!", möchte man rufen, "ihr wusstet nicht erst seit gestern, dass ihr Besuch kriegt. Wie sollen wir der Welt von euren bewundernswürdigen Delikatessen künden, wenn ihr den Zuckerguss erst dann auf die Törtchen macht, wenn wir schon wieder aus der Tür sind?"

 

Peter Zadeks Menschentheater

Ausstellung 26.8.bis 21.10.2007
Berlin, Pariser Platz

www.adk.de

 

 

 
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