Eine Bande Eltern sieht rot

von Caren Pfeil

Dresden, 22. Januar 2010. Selten waren sich in Dresden das Publikum und das Theater so einig: Ja, genau so sind sie! Natürlich immer die andern, und das Theater zeigt sie wie aus dem "richtigen Leben" ausgeschnitten und auf die Bühne gestellt: die Spezies Eltern im Kampf gegen die Schule, die ihren Kindern die Zukunft verbaut.

Das Lutz Hübner-Rezept funktioniert auch diesmal. Genau beobachtete und recherchierte Wirklichkeit, Konflikte und Figuren so zugespitzt, dass beides durchschaubar wird bis zum Klischee, eine Geschichte mit so überraschenden Wendungen, dass die Klischees sich selbst auflösen und das Individuelle dahinter sichtbar wird. Das Ganze verpackt in eine Komödie, und alles abgearbeitet an einem aktuellen Thema. Worum geht’s?

Eine Abordnung der Eltern einer 4. Klasse, deren Kinder vor einem alles entscheidenden Karriereschritt stehen, nämlich der Bildungsempfehlung fürs Gymnasium, haben sich mit der Lehrerin Frau Müller verabredet, um ihr die Entscheidung der gesamten Elternschaft mitzuteilen, nämlich dass sie nicht mehr tragbar ist. Frau Müller muss weg – heißt die Parole, denn die Leistungen der Kinder sind dramatisch gesunken, und die Schuld daran trägt Frau Müller.

Hausfrauen und Kampfmaschinen
Doch dann läuft alles aus dem Ruder. Die Lehrerin wehrt sich, der arbeitslose Wolf Heider rastet aus, und die erst kürzlich aus Köln zugezogene Familie Jeskow will vor allem über Lukas Ausgrenzung aus der Klasse sprechen. Die Elternsprecherin Jessica Höfel, die die Sache nun doch nicht so reibungslos erledigt sieht, wird zur rasenden Kampfmaschine. Nur die alleinerziehende Mutter des Klassenbesten Katja Grabowski bleibt meistens still, schließlich ist sie nur aus Solidarität hier, sie hat das Problem ja nicht wirklich.

Während Frau Müller irgendwo draußen um Fassung ringt, versuchen die Eltern, sich auf eine Strategie zu einigen, aber da brechen Interessenskonflikte auf, die nicht mehr zu deckeln sind, schließlich geht es um die Kinder und vor allem das eigene. Da steht der Moralismus der Arbeitslosen und Hausfrauen plötzlich gegen den Pragmatismus derer, die das Geld verdienen, da brechen sich alte und neue Ressentiments von Ost und West Bahn, als wäre die Mauer erst gestern gefallen.

Frau Jeskow kann endlich ihren Hass auf den Osten mit der ihr eigenen Hysterie ausleben, während ihr Mann, als er endlich mal den Mund aufmacht, das Ende ihrer Ehe heraufbeschwört. In einem Zwischenspiel resümieren die stille Katja und der weinerliche Wolf das Verhältnis, das sie während der gemeinsamen Hausaufgabenstunden ihrer Kinder gepflegt haben, und dessen Ende ihm offenbar den letzten Rest an Selbstachtung genommen hat.

In dieser hysterisch aufgeladenen Situation verschaffen sich die Eltern erstmal Klarheit über die Noten ihrer Kinder. Und siehe da, alles ist gut, das Gymnasium wird erreicht werden, Frau Müller muss nicht weg. Diesen Dreh in der Geschichte braucht es freilich, um die Bigotterie und den Opportunismus der Eltern-Bande auf die Spitze zu treiben. Frau Müller wird rehabilitiert, die Eltern versöhnen sich. Aber Hübner setzt noch die Schlusspointe. Das durchstöberte Notenbuch war leider das vom vergangenen Jahr. Lange Gesichter. Ende.

Schenkelklopfen tut keinem weh
Lutz Hübner hat kräftige Typen geschrieben, mit denen die Schauspieler brillieren können, was sie auch nuancenreich tun. Während Holger Hübner (Jeskow) ganz gelassen auf seinen großen Ausbruch mit Pointengarantie zusteuert, spielt sich Anna-Katharina Muck als seine Frau mit schön überzogener Hysterie von Anfang an ins Rampenlicht, so wird der kleinlaute Absturz am Ende bemerkenswert.

Jacqueline Macaulay führt die knallharte Karrierefrau (Höfel) vor, aber auch den Moment der Schwäche, in dem sie hinter die Fassade schauen lässt, während Christian Erdmann seinen Ossi (Heider) so weinerlich anlegt, dass man am Ende über seinen opportunistischen Übertritt noch nicht einmal mehr wütend sein kann. Einzig Oda Pretzschner als ewig vermittelnde Katja hat vom Autor kaum Material mitbekommen, um die Figur lautstark zu profilieren. Sie spielt diese so unprätentiös, dass ihr Schweigen auch ein Geheimnis vermuten lässt. Und Rose Enskat ruft mit ihrer detailreichen Studie der Lehrerin Müller Szenenapplaus hervor.

Die Hübner-erfahrene Regisseurin Barbara Bürk hat mit der schnörkellosen, kraftvollen Inszenierung die Möglichkeit geschaffen, einen Zuschauerraum voll "Wissender" ganz dicht an der eigenen Erfahrung entlang zu provozieren. Dass die Komödie an einigen Stellen zur Klamotte abdriftet, ist nicht nur der Spiellaune der Schauspieler geschuldet, sondern schon vom Autor in allzu abgesicherten Pointen angelegt. Vor lauter Schenkelklopfen verschwimmt dann das Spiegelbild und keinem tut mehr was weh. Das ist schade. Aber Spaß macht es trotzdem.

 

Frau Müller muss weg (UA)
von Lutz Hübner
Regie: Barbara Bürk, Bühne: Anke Grot, Kostüme: Irène Favre de Lucascaz, Dramaturgie: Beret Evensen.
Mit: Holger Hübner, Anna-Katharina Muck, Oda Pretzschner, Jacqueline Macaulay, Christian Erdmann, Rosa Enskat.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr lesen über den Erfolgsdramatiker Lutz Hübner? Ein umfangreiches Dossier zu seinem Stück Geisterfahrer, das 2009 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert war, finden Sie auf nachtkritik-stuecke09.de.

 

Kritikenrundschau

Angesichts der begeisterten Reaktionen auf Barbara Bürks Inszenierung "Frau Müller muss weg" wittert Valeria Heintges in der Sächsischen Zeitung (25.1.2010) einen neuen "Publikumsliebling". Lutz Hübner verdichte in seinem Stück "die alltägliche Situation eines Elternabends zu einem Kampf, in dem die Erwachsenen eigene Unzulänglichkeiten mit ihren Kindern kompensieren wollen". Regisseurin Bürk zeige "glasklar, wie alle ihre hehren Prinzipien vor sich hertragen, diese aber sofort über Bord schmeißen, wenn es ihrem Kind oder ihnen selbst (...) nützt". Den Schauspielern machten "die Rollen aus Fleisch und Blut sichtlich Spaß" und böten "genug Futter", "um kleine Persönlichkeiten zu formen". Über all den schön gespielten Eltern throne Rosa Enskat als Lehrerin, die Kritikerin "muss traurig vermerken, dass ihr Auftritt leider der kürzeste ist". Allerdings würde allein dieser "den Abend lohnen, dabei hat der sehr viel mehr zu bieten". Fazit: "Wer Kinder hat, sich welche anschaffen möchte oder Eltern kennt, die an ihren Gören verzweifeln – hingehen!"


Für Bistra Klunker von den Dresdner Neuesten Nachrichten (25.1.2010) hat Hübner hier ein besonder in Dresden "aktuelles Thema" aufgegriffen, wachse in Sachsen doch der Druck auf Schüler, Eltern, Lehrer noch, wenn der Notendurchschnitt wie geplant von 2,5 auf 2,0 angehoben würde. Man könne Hübner zwar "vorwerfen, zu nah an Klischees und nicht bissig genug zu sein. Eins muss man ihm aber lassen – er ist ein exzellenter Beobachter und kann aktuelle, alltägliche Befindlichkeiten in witzige Bühnendialoge verwandeln." Und selbst wenn es hier "die eine oder andere Pointe zu viel" gäbe, amüsiere sich das Dresdner Premierenpublikum durchweg. Das "eingespielte Team" Hübner/Bürk agiere hier als "Strategen-Paar, das zielsicher seine Leute in den Kampf führt". Enskat verkörpere dabei "im wahrsten Sinne des Wortes ihre Figur" und in wenigen Sekunden könne "ihr Gesicht eine Menge erzählen" – "klasse Darstellung, diese Frau Müller!"

 

 
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