Heute bleibt die Küche kalt

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 28. August 2007. Am Nachmittag noch war es um Liebe gegangen. Auf einem Podium mit dem Titel "Wie lieben? – Wahlverwandtschaften heute" stritten der Literaturwissenschaftler Peter von Matt, die Schriftstellerin Thea Dorn, der Neurologe Wolf Singer und der Kritiker Peter Iden darum, was denn nun Liebe sei. Neuronal, psychoanalytisch, literarisch, alltagspraktisch. 1809, 1968 und heute. Natürlich wurde kein Konsens erzielt, doch die Wellen schlugen hoch. Ist Liebe eine Naturnotwendigkeit? Braucht sie heute noch Ordnungen? Oder ist das alles nur Zeitgeistblödsinn?

Goethe wirbt für Startbahn-Bau

Anlass der Diskussion war ein zweifacher: die erstmals stattfindende Festwoche "goethe ffm" und die Spielzeiteröffnung des Schauspiels Frankfurt mit einer Bühnenfassung der "Wahlverwandtschaften". Wegen der Festwoche wurde die Spielzeiteröffnung vorverlegt, und zum Zeichen dafür, dass die Stadt ihres berühmten Sohnes künftig mehr gedenken möchte, an seinem Geburtstag, dem 28.August, die frisch renovierte Goethe-Statue am Goethe-Platz enthüllt. In zweijährigem Rhythmus soll das Festival fortan stattfinden, die Werke des universellen Genies gegenwärtig halten und natürlich etwas auf das Image der Stadt abstrahlen. Mit einem grotesken Folgeeffekt. Denn von dem Rummel um den Dichterfürsten versucht auch der Flughafenbetreiber Fraport zu profitieren, der zeitnah eine millionenstarke Werbekampagne startete: Auf Plakaten, Anzeigen und in einem Kinospot weist nun ein Portrait Goethes darauf hin, dass Kunst und Kultur nur im Verein mit der Wirtschaft gedeihen.

Blasse Schemen

Im Theater ist am Abend von großen Gefühlen keine Spur mehr. Bemängelte Thea Dorn am Nachmittag die Blutarmut der Romanfiguren, vor allem der Frauen, so lässt Regisseur Martin Nimz seine Schauspieler als blasse Schemen über die Bühne laufen. Vier Menschen führt Goethe unter Laborbedingungen zusammen, um ihre Verhältnisse nach dem Modell einer Chemie gründlich durcheinander zu werfen, die Elemente spaltet und sie mit anderen neu vermählt. Das späte Liebesglück von Charlotte und Eduard wird nachhaltig erschüttert und schließlich zerstört, als zwei weitere Menschen in ihr Leben eintreten. Sabine Waibels Charlotte ist etwas aufgeregt, mal herrisch, mal leidenschaftlich, Christian Kuchenbuch gibt einen hanswurstigen Otto, der immer gute Laune hat. Matthias Redlhammers Eduard ist ein granteliger Nuschler, und Sandra Bayrhammer als Ottilie darf nur schweigen, schmachten und hübsch aussehen. Hier knistert nichts, die Schauspieler wirken schlichtweg verloren auf der leeren Bühne.

Von Magnetismus "kaa Schbur"

Jene analytische Genauigkeit, mit der Goethe die Regungen seiner Protagonisten schildert, die Kräfte von Anziehung und Abstoßung, die mit Magnetismus und Elektrizität nur mangelhaft beschrieben sind – sie finden auf der Bühne nicht statt. Zwar darf auch mal getanzt und mithilfe von Bikinis und Tiermasken Erotik markiert werden, doch die Herzen bleiben kalt. Anstatt sich mit dem Roman auseinanderzusetzen, liefert Martin Nimz eine szenische Zusammenfassung. Epische Passagen werden von wechselnden Erzählern eingesprochen, unterbrochen von kurzen Dialogen, nach der Pause laufen die Schauspieler gar nur noch als Pantomimen über die Bühne und illustrieren symbolschwer das, was der allwissende Erzähler ausplaudert. Eine karge Ödnis, diese Bühne, auf der die Zeit nicht verrinnen möchte und sich langsam, aber gleichgültig alles zersetzt. Es geht voran. Dann geht es zu Ende. Und der letzte macht das Licht aus.

 

Die Wahlverwandtschaften
nach dem Roman von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Martin Nimz, Bühne: Olaf Altmann, Dramaturgie: Jan Hein, Kostüme: Cornelia Brückner.
Mit: Sandra Bayrhammer, Sabine Waibel, Christian Kuchenbuch, Matthias Redlhammer und Roland Bayer, Leslie Malton, Ingolf Müller-Beck, Julia Penner, Sebastian Schindegger, Heiner Stadelmann.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Von einer "Hörspielfassung mit Hintergrundmusik" spricht Bernhard Doppler im Deutschlandradio Kultur (28.8.2007). Nach der Pause sei Goethes Roman fast ausschließlich aus dem Off zu hören, "während die Figuren in Pantomimen und Gängen quer über die große Bühne das Innenleben der Figuren ausstellen". Das gebe dem Roman einen "melodramatischen, ... pathetischen Anstrich". Goethes "Anteil nehmender Zynismus" gehe verloren.

Einen "doppelten Betrug" reklamiert Gerhard Stadelmaier in der FAZ (30.8.2007). Das Theater verwechsle "sich mit einem Hörbuch". Goethes Roman werde nicht "durchdrungen, gar aufgesprengt, neu durchfühlt, also wahrhaft dramatisiert". Wo Goethe ein "Gefühlschaos" zeige, "das ein Weltchaos" sei, präsentiere Martin Nimz bloß "breitgetretenen Beziehungsquark einer Bäumchen-wechsle-dich-Gesellschaft im Outfit von heute mit dem seltsamen Sound von vorgestern".

Für Peter Michalzik von der Frankfurter Rundschau (30.8.2007) ist die Aufführung viel zu lang. Zwar steuere Regisseur Nimz zunächst "mit schnörkellosem Minimalismus direkt auf die Story zu", lande aber, wenn es gelte die "Sache mit der Anziehung" darzustellen und gar den Ehebruch, allenfalls bei "halbwegs motivierter Nacherzählung". Ein "vollkommenes Nichts" sei der zweite Teil, "Frau Intendantin, da gibt’s nur eins: Streichen".

Auch Eva-Elisabeth Fischer kann in der Süddeutschen Zeitung (4.9.2007) das zum Thema bereits Gesagte nur bestätigen: Zu fad, zu lang, im zweiten Teil Hörspiel. Ausgerechnet der Satz, der "die Gefährdung, auch die Warnung" der Figuren hätte markieren können, sei gestrichen worden: "Rathe sich jeder selbst und thue was er nicht lassen kann". Statt dessen werde "Goethe schönes Gartenbaugleichnis", das die Personen in ihrem Streben nach Unperfekten oder dem leichtesten Weg zeige, "auf Bonsaigröße" heruntergestutzt. Matthias Redlhammer sei ein "fader Schlaks", Sabine Waibel eine "kühle Blonde", Christian Kuchenbuch "hausbacken" und  Sandra Bayrhammer "bemitleidenswert trutschig". Das Ganze: zermürbend.

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