Theater macht reich

31. Januar 2010. Am Wochenende haben mehrere Tausend Menschen sich in Wuppertal an Protesten gegen die Sparpläne der Stadt beteiligt, die zur Abwicklung des Schauspielbetriebs führen könnten.

Allein an einer Kundgebung vor dem Schauspielhaus hätten am Samstag 2000 Menschen teilgenommen, berichtet die Rheinische Post mit Bezug auf ddp. Die Wuppertaler Bühnen hatten seit Freitagabend einen 24-stündigen Theater- und Musikmarathon im Schauspielhaus veranstaltet, der am Samstagabend zu Ende gegangen ist. Die Protestaktion stand unter dem Motto "Theater macht reich".

(sle)

 

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#1 Protestwochenende in Wuppertal: F.-P. Steckel zitiertFrank-Patrick Steckel 2010-01-31 17:02
"Die Bankenrettung und die Konjunkturpakete der Bundesregierung beweisen: Wenn der politische Wille besteht, kann der Staat durchaus Kapital mobilisieren. Warum also tut er dies für die wirtschaftspolitisch fragwürdige Bankenrettung, nicht aber für die dringend gebotene Modernisierung der öffentlichen Infrastruktur...? Wir kommen nicht darum herum, das Tabu zu brechen: Der Staat braucht neue, wesentliche Einnahmen: Kapitalgewinne, Kapitaltransaktionen, große Vermögen und Einkommen, von denen es noch nie soviel gab wie heute, müssen höher oder überhaupt erst besteuert werden. Die neue Regierungskoalition der Bankrotteure ist dazu aber offenbar, genau wie ihre Vorgänger, nicht in der Lage." (Werner Rügemer, Blätter für deutsche und interntionale Politik 2/2010)

"Das Geld aus öffentlicher Hand, das benötigt wird, um die Hypo Real Estate über Wasser zu halten, würde ausreichen, um vom kleinsten Verein bis zum größten Opernhaus sechs Jahre lang das gesamte deutsche Kulturleben zu finanzieren." (Jörg Stüdemann (SPD), Vorsitzender des Kulturausschusses im Städtetag NRW)

"Diese Politiker können froh sein, dass hier nur ein paar Hundert protestieren, und nicht schon längst Tausende mit Knüppeln durch die Straße ziehen." (Armin Rohde, Schauspieler, auf der Kundgebung in Wuppertal am 31.1.2010)
#2 Protestwochenende in Wuppertal: wer soll demonstrieren?123 2010-01-31 17:21
Lieber Frank Steckel: Das mus man dreimal lesen. - Sie haben recht, es fehlt der Wille.

Lieber Armin: Wen schlägst Du vor ? Wer soll mit Dir als Nächstes auf dem Alexanderplatz demonstrieren ?
#3 Protestwochenende in Wuppertal: Barbarei des MarktesFrank-Patrick Steckel 2010-01-31 17:42
Hinzuzusetzen wäre, dass die von Herrn Rügemer angesprochenen Steuern nicht mehr und nicht weniger als den unerlässlichen und gerechten Ausgleich für die unaufhörlich wachsenden Sozialkosten bilden, die den Ländern und Kommunen durch die Gewinnstrategien der Unternehmen entstehen. Oder soll es als demokratische Errungenschaft gelten, dass Menschen, die ohne Schuld ihren Arbeitsplatz verlieren, an den Börsen für steigende Kurse sorgen, an deren Erträgen sie in keiner Form beteiligt sind?

"Vielleicht sollten sich die kulturellen Produzenten zu antimarktwirtschaftlichen Gruppen, Genossenschaften, Gilden, Clubs und Vereinen zusammenschließen, die nichts verkaufen wollen, sondern im Gegenteil kulturelle Ressourcen vor der Barbarei des Marktes retten."
(Robert Kurz, EXIT)
#4 Wuppertaler Protestwochenende: Banken rekapitalisieren123 2010-01-31 20:29
@3. Hinzuzufügen wäre auch, dass diese "Opfer" des Marktes trotzdem durch ihre noch verbleibenden Steuerleistungen (durch "assoziale" Gewinnstrategien) in die Krise geratene Banken rekapitalisieren helfen, wenn auch nur mit kleinen Beiträgen und zweifelsohne auf Grund ihrer Armut keine Chance mehr haben an Kulturbeiträgen teilzunehmen, die sie von solchem Unfug fern halten könnten.
#5 Wuppertaler Protestwochenende: Gesamtbild Kunst+Politik123 2010-02-01 22:16
Unglücklicherweise zeichnet sich nun ein größeres Gesamtbild ab. Es geht ja nicht mehr um die Rettung einzelner Kultureinrichtungen, sondern um die Finanzierung von Kultur bundesweit an all den Orten, die beinahe schon mit Insolvenzen kämpfen. Seit geraumer Zeit wird dieses Land nur noch auf Sicht in einer Art Blindflug, einer Nachtwanderung regiert. Die Konflikte, die sich in all dem „Dunkel“ gerade akut stellen, versucht man mehr schlecht als recht zu bewältigen. Ich unterstelle den Politikern nicht in ihrer Gesamtheit bösen Willen. Schon aber Unverstand.
Jedoch ist die Lage weit aus verzwickter als mancher wahrhaben will. Natürlich hätten die Gelder, die man in die Bankenrettung investierte, die Kultur der Republik retten können. Nur diese Gelder sind nun weg und ich fürchte der Staat wird große Teile davon nie wieder sehen. Eine weitere Verschuldung erscheint fragwürdig. Wer soll das und vor allem wie bezahlen?
Viele der Namen, die auf jener besagten DVD ihre Runden kreisen, auf denen ein Unbekannter Steuersünder benannt sehen will, vieler dieser Menschen, die sich hinter den Namen verbergen, sind potentielle Theatergänger, Mitglieder einer völlig heruntergekommenen „Kulturelite“, die sich ihre Opern- und Theaterhäuser zwar bisher von der Mehrheit bezahlen ließen, selber aber dem Staat in wahrscheinlich verbrecherischen Weise Steuern vorenthielten.
Unfreiwillig befinden sich die Künstler in einer hochbrisanten politischen Situation wieder, sind aber selber schon seit einiger Zeit im Umgang mit politischen Themen stark entwöhnt. Auch gilt das Tagespolitische eher als verpönt.
Nun zwingt die Not viele Kreative in eine neue Position hinein. Das letzte mal waren Theaterleute der ehemaligen DDR vor gut zwanzig Jahren die, neben anderen, treibende Kraft in einem Prozess der politischen Umwälzung. Heute kann man sich dies kaum noch vorstellen. Heiner Müller sagte den bekannten Satz: Es darf getanzt werden.
Der Tanz scheint nun allmählich zu Ende, oder doch zumindest stark in seinem Schwung eingeschränkt. Unbewusst ist den Politikern jedoch immer noch bewusst, was für eine Kraft von diesem Medium ausgehen kann. Intuitiv schützen sie sich vor dieser Wirkung. Die Gefürchteten selber aber, sind sich ihrer Möglichkeiten gar nicht mehr recht bewusst. Man kann sich sich selbst nur schwer als Redner auf einem zentralen Platz der Hauptstadt vorstellen. Was sollte man dort sagen?
Ein erstes und vornehmstes Ziel wäre sicherlich die Verankerung der sozialen und kulturellen Ausgaben als Pflicht im Grundgesetz aufzunehmen. An der Durchsetzung dieser Forderung führt meiner Meinung nach kein Weg mehr vorbei.
Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass die Kreativen so schnell blind wurden für wesentliche gesellschaftliche Veränderungen? Die Ursache hierfür liegt zu großen Teilen bei den Kulturschaffenden selber. Sie haben auf eine fatale Weise ihre Aufgabe vernachlässigt mit den Mitteln der Kunst diese Republik kritisch zu reflektieren. Zu viele sektiererhafte Äußerungen und Stile, die nicht mehr in der Lage sind Realität sinnvoll abzubilden, bis auf wenige Ausnahmen, die kein breiteres Publikum mehr erreichen, weil sie sich nur noch an Wahrnehmungsspezialisten richten wollen.
Sicherlich ist dies ein wenig zugespitzt und wird nicht allem und jedem gerecht, aber nach der Durchsetzung jener dringenden Forderung der Verankerung der Kulturleistungen als Pflicht im GG, muss man sich auch Gedanken machen über die Umgestaltung des Intendantensystems an sich, dass diese erneute Blindheit mit hervorgebracht hat. Kunst und Politik sind zwei völlig zu trennende Bereiche.
Kein vernünftiger Künstler, oder sagen wir viele würden sich nicht ernsthaft bei einem Kommunalpolitiker um eine Stellung bemühen, wenn sie nicht die Verhältnisse dazu zwängen. Es geht auch um eine souveräne Position der Kunst gegenüber der Politik. Denn was ist dies für ein System, in dem Verantwortliche in allem ihrem finsteren Treiben geneigt sind Kultureinrichtungen nach ihrem „gut Dünken“ an oder auszuknipsen, wie eine ihrer Nachttischlampe?
#6 Wuppertaler Protest: Eine Rede auf dem AlexanderplatzArkadij Horbowsky 2010-02-02 15:01
Alexanderplatz, Februar 2010, Arkadij Horbowsky:
"Warum Stadttheater gerade jetzt nicht geschlossen werden dürfen": Kann ich mir, offen gestanden, auch nur schwerlich vorstellen !
Um dann eine ganz ähnliche "Litanei" zu entrollen, wie ich sie von Rühles Argumentationshilfen für ein Stadttheater (ich erwähnte das in einem anderen Strang) her kenne, um z.B. Konsequenzen aus der Strukturdebatte (siehe TH-Jahrbuch 1993) neu zu sichten bzw. zu reformulieren, um für "Kultur" als Staatsziel im GG zu "werben", um nicht jene beliebigen Argumentationsabbreviaturen zu bemühen, die Kersting bezüglich der Schillertheater-Schließung aufgelistet hat (wobei die "Ghettos von Verlierern" und die "Tausende, über die sich die Politik freuen soll, daß die nicht schon lange marschieren ..." meineserachtens leider diese wenig konstruktive Machart fortsetzen) ??
Zu all den Schwierigkeiten, die "123" zurecht summiert hat, gesellen sich ja auch immer noch jene spezifischen, die das jeweilige "Vor Ort" ausmachen. Wuppertal ist nicht Oberhausen, Köln wieder anders gelagert.
Natürlich stimmt das Argument: Der Staat hat Banken und Privatunternehmen mit öffentlichen Geldern gestützt, hat höchst fragwürdige "Abwrackprämien" ausgelobt, ist von den Jugoslawienkriegen bis zum heutigen Tag schrittweise in einen Remilitarismus-Zwangszug eingestiegen: Geld wird im Sinne von SELFFULFILLING PROPHECYS in die Hand genommen, von der Politik ebenso (!!) wie von den privaten Haushalten (wenn da von Geld die Rede ist, ist der "Ehrlichkeitsanteil" der Aussagen eher begrenzt, und ich kenne mich in einigen prekären Millieus garnicht mehr so schlecht aus, nannte mich anfänglich auch dahergehend "Bandido"): die jetzige Lage bildet diesen gesamtgesellschaftlichen Stand der Dinge ab, nicht nur den Stand der Politik: unsere offenbar nicht ganz "gesunden" Lebensgewohnheiten !!
Wer aber die Dynamik dieser Lebensgewohnheiten einschätzt, der bemerkt in vielen Fällen halt sehr schnell, daß auf eine Theaterschließung unfehlbar das nächste gigantomanische Durchhalteprojekt folgt, gerade aus den jetzigen Lebensgewohnheiten heraus: Theater fallen den Politikern zunächst ein, weil das eben tatsächlich wohlfeil in diese Lebensgewohnheiten eingepaßt werden kann: schließen wir die, beglücken die Leute danach zur Not "anders" !!
Aber: 1. Es geht ja auf der Bühne garnicht um derlei Beglückungen, sondern um ein Zipfelchen von Chance, auf der Bühne seine offenbar zu Schwierigkeiten führenden Lebensgewohnheiten, seine Üblichkeiten zu überprüfen.
2. Irgendwann muß es, das ist jetzt schon deutlich, eine Trendumkehr geben, und diese wird nur dadurch bewirkt, jetzt und hier die Häuser nicht zu schließen.

Die Theater, siehe jetzt auch den Oberhausen-Artikel in der TdZ und das Carp-Interview dazu, haben sich in den vergangenen Jahren sehr wohl bewegt, im Oberhausen-Artikel stechen die "Bespielungen alternativer Orte" (die so erst einen wirtschaftlichen Reiz ausmachen auf einmal !!) ebenso hervor wie Herr Carps Offenheit für Projekte der "Freien Szene" (Gob Squad wird genannt); wer Herrn Simons Aussagen verfolgt hat, daß die Kammerspiele jetzt sowohl "flämische" als auch "bewähte" Strukturen berücksichtigen, fördern, schaffen werden, der erhält einen weiteren Wink.
Was ich derweil etwas schade finde, ist, daß der Begriff "Bestandspakt der NRW-Bühnen" an dieser Stelle nicht neu belebt wurde oder es immerhin hier so erscheint.
Dabei halte ich es zunächst für pragmatisch geboten, der Politik auch zu zeigen, daß "man" gemeinsam eine Entscheidung nicht kampflos hinnehmen wird, wenn sie eben zB. gegen das Theater Wuppertal ausfällt. Zur Not rede ich dann doch auf dem Alexanderplatz, wenngleich es ganz sicher tatsächlich derer Tausende (hier stimmt die Zahl) gibt, die dafür geeigneter wären.
#7 Wuppertaler Protest: Ruf nach einer geistigen Kathedrale123 2010-02-02 18:56
Lieber Arkadij, ich finde Ihren Pragmatismus gut. Auch mag Ihre Beurteilung von Herrn Carp treffend sein. Die von Simons so oder so. Schaue ich jedoch auf Laufenberg, sieht dies schon wieder ganz anders aus. Da will uns jemand klar machen, dass das Zusammenspiel zweier Immobilien, welches seit Jahren „funktioniert“, plötzlich in die absolute Unlenkbarkeit führen wird, wenn man nicht ein neues Theater baut, für das die Finanzierung der Bespielbarkeit im Wagen liegt. Es ist, ob der umfassenden kritischen Situation auf seine Art auch müßig jeden einzelnen Theaterleiter zu beurteilen.
Die von Ihnen angesprochenen Mischformen sind erstrebenswert. Provisorien haben die seltsame Eigenschaft oft am längsten zu halten. Sie entsprechen dem Vorrübergehendem der menschlichen Natur, dass nur zu gerne angstbesetzt nach Brandschutzvorschriften und Sicherheitsstandards fragt, um sein Eigenes nicht aushalten zu müssen. Nach Lagermöglichkeiten auf der Seitenbühne giert, aber nicht nach einem ästhetischen und sinnlichen Gebäude, einer geistigen Kathedrale, die man heute viel mehr benötigte als profane Neubauten.
#8 Wuppertaler Protest: Köln und Fragen im RaumArkadij Horbowsky 2010-02-03 13:53
Liebe 123, "Provisorien haben die seltsame Eigenschaft, oft am längsten zu halten", dem stimme ich, soweit ich das aus eigener Erfahrung heraus kenne, voll zu!
Natürlich ist es mir keineswegs um eine "Einzelbeurteilung von Theaterleitern" zu tun, selbst wenn ich die, was ich mir nun wirklich nicht zutraue!, halbwegs nur leisten könnte.
Mein Hinweis galt lediglich der pragmatischen Ebene und alltagspolitischen Erfahrung, daß "der Teufel zumeist im Detail" liegt und ich auf der anderen Seite größere Erfolgsaussichten für die "Pierre-Besuchow-Lesart" (Politik der kleinen Schritte: Bestandspakt NRW!!),an das Problem "Theaterschließungen" heranzugehen, als für eine "Napoleon-Lesart" ( ... zu der dann eher der
Rundumschlag von Tausenden, der Alexanderplatz etc. gehört) sehe.
Richtig, Herr Laufenberg wird mir da auch nicht verständlich, und die Abstimmung kurz vor Jahreswechsel war ein Beispiel dafür, was "man" vor Ort einer Politik nicht durchgehen lassen darf: ich deutete das in meiner Kritik des Abstimmungsszenarios seinerzeit an, indem ich die Einzelschritte, wie Frau von Bülow sie geschildert hatte, noch einmal versuchte aufzuschlüsseln.
Herr Laufenberg beruft sich auf einen jahrewährenden demokratischen Prozeß, nur: Seit wann sind Gegenvorschläge, seit wann ist ein Protest, so wie sie von Frau Baier oder Herrn Steckel gemacht bzw. angestrengt wurden, seit wann ist derlei undemokratisch ?? Das folgt vielmehr demokratischen Regeln, die noch älter sind als Herr Laufenbergs Prozeß es ist, diese Regeln nimmt der Protest wahr.
Es ist auch kein Argument, daß jemand früher über diesen Gegenstand einmal anders gedacht hat: Erstens ist das, was ich mit "Trendwende" andeutete politisch dann doch wieder übergelagert, zweitens kommen Erfahrungen hinzu wie die mit der Elbphilharmonie, drittens ist Frau Baier selbst noch garnicht so lange dort, viertens wird erst jetzt die Schärfe der Lage für die Kommunen so richtig deutlich, fünftens funktionieren diese Gebäude nicht so übel, und in Nebenspielstätten wie der "Halle Kalk" passieren hin und wieder aufregende Sachen (zB. die ersten Signa-Produktionen): Köln braucht diesen Neubau nicht !
In Oberhausen war ja die Stadtpolitik schon weiter, das Land hat die Anstrengungen Herrn Carps, die von der Stadt begrüßt wurden!, wieder einkassiert, umso unverständlicher, weil gerade das Land NRW , im Gegensatz etwa zu Bayern sich bei der Theaterförderung so sehr zurückhält, daß bezogen auf andere Länder da eher Verteilungsgerechtigkeitsfragen
an das Land NRW ergehen und freilich immer auch an die Bundesebene (der Kulturstaatsminister signalisierte Hilfe, ich denke, Wuppertal war dabei an zentraler Stelle gedacht ..., es kam jedenfalls das Statement sowohl zeitlich als auch "räumlich" (TheaterHeute - Vorwort der Januarausgabe) für mich spürbar in diesem
Zusammenhang), dann allerdings darf nicht wieder die Stadt Wuppertal auf stur schalten und Einmischung wähnen ... .
Insgesamt ist natürlich der Kontrast "Ruhrmetropole 2010" und "Wuppertal-Oberhausen-Köln ..." sehr bezeichnend, der Ausdruck "Ruhr-Lüge", den Sebatian
Kirsch in der TdZ ins Spiel bringt, ist da wahrlich nicht weit hergeholt ! Dennoch: Sowohl meine recht unbefriedigend beantwortete Frage bezüglich der Leipziger Zuschauerkonferenz als auch meine Nachfrage bezüglich jenes Bestandspaktes bzw. zu "Aktionen danach" (siehe Druckpotential der Gewerkschaften !!)
bleiben im Raum.
#9 Wuppertaler Protest: Kultur ins Grundgesetz123 2010-02-03 16:17
Lieber Arkadij, die Zuschauerkonferenz oder der Bestandspakt greifen zu kurz. Immerhin geht es um die Formulierung eines Rechts im Grundgesetz. Meine Pragmatik, falls es sie gibt, richtet sich „unfreiwillig“ mehr auf das „Ganze“. Wie kann man vom Grundgesetz her und vom Grundrecht der Bürger auf eine kulturelle Versorgung eine Situation, wie sie in K. oder W. oder O. vorherrscht, dauerhaft unterbinden ? Und zugleich garantieren, dass allen Bürgern die Möglichkeit gegeben wird, die kulturellen Leistungen auch wahrzunehmen, wenn sie es wünschen ?
#10 Wuppertaler Protest: Grundrecht auf Kultur123 2010-02-03 18:07
I. Die Grundrechte
Artikel (?)

Jeder Bürger hat im selben Maße das Recht die Dichter der deutschen Klassik, wie auch neue Autoren und Autorinnen wahr zu nehmen. Neben anderen stellt die deutsche Klassik im Besonderen ein emotionales, sinnliches, ästhetisches und kulturpolitisches Gedächtnis dieser Republik dar und ist zu schützen und durch die neu einzurichtenden Bundestheater zu pflegen. Selbige sind aufgefordert zeitgenössische Autoren zu gleichen Teilen direkt zu fördern und aufzuführen.

Ein erster flüchtiger Versuch mit der Bitte um Fortführung.
#11 Wuppertaler Protest: für die GG-Verankerung von KulturArkadij Horbowsky 2010-02-03 22:38
Liebe 123 !

Diese Fortführung sollte auch unbedingt statthaben, und möglicherweise kann so ein Vorhaben sogar bei nachtkritik de. einen eigenen Thread bekommen, um -explorativ vorgehend- zunächst einzelne Formulierungs-Bestimmungsstücke zu sammeln, zu sichten, zu diskutieren: Juristen und Personen aus anderen Künsten hoch willkommen !!
Und Sie haben ja Recht: Damit soetwas wie jetzt im Jahr 2010 in K., O., W. ... nicht mehr passieren kann !!
Nur, ich fürchte, wir, die wir am Erhalt der Theater jetzt interessiert sind, werden zunächst kleinteiligeres
Vorgehen benötigen (verstehen Sie mich nicht falsch,
ich bin für die GG-Verankerung !), die Vorschau auf die
Deutsche Bühne im März deutet es an: der Schwerpunkt soll "ProtestFormen" überschrieben sein,
Zitat: "Unaufhaltsam marschieren die Spätfolgen der sogenannten Finanz- und Wirtschaftskrise auf die öffentlichen Haushalte und damit die Theater zu. Jammern wird da nicht helfen. Besser ist es, sich rechtzeitig auf wirksame Formen des Protestes zu besinnen."

Offen gestanden bin ich da gespannt wie ein Flitzebogen, worauf wir uns da besinnen können bzw.
sollten. Zur Grundlegung bzw. Flankierung jedweder Vorgehensweise ist
die Voranbringung des Staatszieles Kultur gewiß nicht
zu unterschätzen; ich denke jedoch, es muß auch ein gewisses Druckpotential auf die diversen Entscheidungsträger zu entwickeln sein und zwar gerade auch in einem Tonfall, der nicht um so viele Weiten klüger daherkommt als die Politik: dahin geht auch mein Ansatz mit "unseren" Lebensgewohnheiten,
und es ist ja nicht irgendwie bloße Taktik, bin ich denn
in diesem Maße klüger ?? Jedenfalls kenne ich gute Gründe für den Erhalt der Stadttheater, damit allerdings besinne ich mich nicht automatisch auf jene
wirksamen Protestformen ... : da müssen schon auch Leute hinzutreten, die über ein gerütteltes Maß an Erfahrung in derlei Fragen verfügen, Leute wie Khoun und Baumbauer wären da sicher gut, aber freilich auch
Theaterjournalisten, wiederum Juristen ... .
#12 Wuppertaler Sparwochenende: Intendanten Teil des Problems?123 2010-02-04 18:48
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob nicht viele Intendanten Teil des Problems sind, und nicht Teil der Lösung. Offensichtlich sind die Probleme ja noch lange nicht groß genug. Noch sehen Einzelne durchaus auf ihren eigenen Vorteil und der genügt ihnen. "Wir" werden doch erst zwischen Gänsefüßchen vor den Karren geschoben, wenn der Deal Intendanz/Stadtväter üperhaupt nicht mehr funktioniert. Deshalb hätte ich mich mehr gefreut, lieber Arkadij, wenn Sie hier weiter "formuliert" hätten. Denn ein klug ausformuliertes Recht untergräbt letztendlich alle Netztwerke, wenn es tatsächlich angewandt wird.
#13 Wuppertaler Protestwochenende: Flamme weiter nährenArkadij Horbowsky 2010-02-04 22:03
Jedenfalls hat es in den Wuppertalsträngen I und II, dieser hiesige ist für mich Wuppertal III, noch eine Beteiligung von Intendanten,
offen nachvollziehbar oder immerhin spürbar, gegeben; mittlerwei-
le sieht das aber wieder nach Ebbe aus ... .
Liebe 123, ich werde in der Folgezeit auch versuchen, die eine oder andere Formulierung im Kontext des Grundrechtes auf
Kultur (speziell bezogen auf das Schauspiel) zu finden, die ich für geeignet halte, diskutiert zu werden, allerdings muß ich da schon ein wenig um Geduld bitten: Mir war es an dieser Stelle wichtig, zB. die Vorankündigung von "Die Deutsche Bühne"
an dieser Stelle zu fixieren ! Da sind Erwartungen geweckt worden, auf die sich eine jedwede Leserin, ein jedweder Leser wird beziehen können: "Sich besinnen, hin zu wirksamen Protestformen ...", das ist ja kein kleiner Anspruch, und gut, wenn etwas von ihm den Weg hier in den Thread findet; noch bestünde ja auch die Möglichkeit des umgekehrten Weges, auch deswegen fixiere ich hier !
Wohlgemerkt, der Horbowsky auf dem Alex ist ganz sicher nicht die optimale Lösung; andererseits geht es natürlich auch um die Grundrechte des Bürgers Horbowsky, und daher werden eben auch Sätze von mir kommen, denke ich; trotzdem darf
ich ja ein wenig bedauern, daß nicht gar so viele größere Theaterkaliber hier Stellung beziehen und eben auch auf nachtkritik de. die Protestflamme weiter nähren ...; ich bin ganz sicher, daß Profis mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung hier bei weitem mehr bewegen könnten als ich; und das gehört im übrigen auch zu den Argumenten, die schlichtweg nicht unterschätzt werden dürfen: Lasse ich mich mit dem Bus befördern, deligiere ich gewissermaßen mein Vertrauen an den Busfahrer, und so geht es bei Zahnärzten, Rechtsanwälten, überall; und so geht es natürlich auch jahrein, jahraus im Theaterleben: Was hieß es in den vergangenen Jahren, mit Mitteln des Theaters unsere alltäglichen, gesellschaftlichen Üblichkeiten zu befragen, wovon waren wir selbst immer wieder überrascht, erstaunt ; jeder Intendant hat von Spielzeit zu Spielzeit professionell gesichtet, bilanziert, Werte dezidiert vor Augen gehabt, dazu etwas formuliert und sich mit seinen Ergebnissen in die nächste Spielzeit hineinbewegt ... . Hat nicht jeder Intendant, der das hier auch täte -exemplarisch-,
nicht schon die halbe Miete erreicht ??
Ich habe die Stimmen nie verstanden, die allerlei Versuche und Ansätze in einem Internetforum sofort auf politische Verwertbarkeit abklopfen mußten und so jeder Länge sogleich mit "kontraproduktiv" gekommen sind: Wo dann, wenn nicht in so einem übersichtlichen Forum, kann das, was "uns" so wichtig ist und nicht immer Wort wird, sich schulen, üben, formen ?! Ich merke es ja an mir selbst: Mein Verhalten im Foyer ändert sich: ich kam in Wuppertal, Oberhausen und Bochum mit Menschen ins Gespräch, teilweise auch, weil ich den Sticker "Wuppertal braucht Schauspiel" trug, weitertragen werde, meine Bereitschaft, quasi trotzig Stückhefte oder Reclamheftchen zu "lesen" ist ein wenig in den Hintergrund getreten.
#14 Wuppertaler Protestwochenende: Kompetenz in zwei Richtungen123 2010-02-05 14:47
Ich glaube, dass Formulieren eines Rechts passt einfach nicht zu den Leidenschaften der User hier. Man würde sich auf einen langfristigen Prozess einlassen und die schnelle geschliffene oder auch ungeschliffene Äußerung, die einen kurzfristig befriedigt, träte in den Hintergrund. - Steckel hat hier ja zitiert, er könnte sicherlich zur Formulierung etwas beitragen, denn er war lange Zeit Intendant. - Tja, dies mit der halben Miete, das ist schwer überprüfbar. Wieviele Entscheidungen da eher einem "Klüngel" als einer Kompetenz zu zuschreiben sind, man weiß es nicht. Wissen Sie, schon in der schmalen Formulierung, die ich hier versuchte, sind Eingriffe in die Spielplangestaltung enthalten, wenn es heißt "neue Dramatik" sei zu gleichen Teilen zu berücksichtigen. Dies wird nicht jedem gefallen. Auch das Wort "Bundestheater" müsste erst einmal ausformuliert werden.
Würde die Finanzierung solcher Theater tatsächlich dem Bundeshaushalt zufallen, wer beruft dann in den Städten die Leitung eines Hauses ? Da würde dann der Bund eventuell tatsächlich in die Entscheidungshoheit der Städte und Kommunen eingreifen. Oder aber müsste sein Geld hergeben und auf jeden weiteren Einfluss verzichten.
Sicherlich wäre es akut von Vorteil, wenn die Finanzierung von Theatern nicht mehr abhängig wäre von dem Auf und Ab der Haushalte vor Ort. Bequem wäre es zudem auch für die Städte. Sie wären einen Kostenfaktor los. Sollten sie dann auch die Entscheidungshoheit alleine behalten? Ich denke nicht. Mit Blick auf Köln kann man ja sehen, wie Herr Laufenberg sich eher dem Konsens der Stadtpolitk nähert und Frau Beier den umgekehrten Weg gehen will. Beide werden daran Schaden nehmen. Da wäre es schon sinnvoll, ihre Arbeit wäre gar nicht so eng verwoben mit der Stadtpolitik und ruhe im Kern eher auf der Kunst.
#15 Wuppertaler Protestwochenende: über Land und DörferArkadij Horbowsky 2010-02-05 21:11
Liebe 123 !

Währenddessen ich mich bei Begriffen wie "d e l e g i e r e n"
verschreibe, den ich ja ansonsten so häufig aus anderer Feder
lese, der Zusammenhang: Interpassivität ! ...
Naja, interpassiver muß ein Stück ersteinmal sein als es in den
diversen "Protestchats" zugeht !!
Aber das nur nebenbei: Was Sie geschrieben haben, nämlich die geradezu Unterdrückung der neueren Dramatik konstatierend, ist ein Faktum; gerade hat Franz Wille in der TheaterHeute des Februarmonates noch einige treffende Worte gefunden, im übrigen auch zu Herrn von Büssow und "Wu-So-Re", und -von Schönungen befreit in einem ersten
- im zweiten Schritt Zahlen vorgelegt, die für sich sprechen !
Ihr Formulierungsvorschlag verbindet den Bildungsauftrag
(zB. die "Abiturstücke") mit der notwendigen Reflexion der Zeit durch Stücke eben aus dieser Zeit: ansonsten ist auch die Forderung nach einem aktuellen Grundrecht obsolet, keine
Frage. Was die "Stadttheater" angeht, ihre spezielle bundes-
deutsche historisch gewachsene Stellung, so wird gewiß auch zentral sein der Hinweis auf die Entwicklung der Deutschen Hochsprache qua Bühne, der Hinweis auf eine
"Deutsche Einheit", die bei weitem älter ist als die von 89/90
her ... , aber eben auch der Hinweis auf Hoheit und Subsidiarität: die Stadt als Bezugsraum des Wochen-Alltags,
Deutschland als ein geeintes und nicht in tausend Richtungen verstreutes Land: für beides von zentraler Bedeutung: die
Theater. Nun, so bekannt das ist, so oft ich selbst sogar schon das immer wieder erwähne, ich fürchte, ein "Bundestheater-
Kompetenzenproblem" würde/wird es schon geben, und wahrscheinlich kränkelt ein Stadttheater auf Dauer dann sogar ähnlich unterschwellig an dem Nichteinhergehen mit kommunaler Hoheit, kommunalen Ansprechpartnern, wie eine Stadt daran, wenn sie plötzlich erfährt, daß mit dem Theater
irgendwie mehr weg ist. Ich denke eher, daß die Kompetenzenstaffelung überdacht werden muß, daß solche ungleichen Beteiligungen von Ländern an der Theaterlandschaft, wie es sich im Vergleich Bayern-NRW darstellen ließe, der
Vergangenheit angehören irgendwann.
Ich bin eigentlich eher ein Freund der Subsidiarität und halte sie für immerhin so gewachsen, daß sie gegen gewisse Hauruck-devide-et-impera-Strategien, gegen Globalzugriffe, durchaus
auf gute Weise resistent ist. Freilich darf es einfach nicht angehen, daß drei Stücke Abiturstoff sind für einen Jahrgang und dann wirklich 9 von 10 Theatern das spielen. Hier wäre es gewiß effizienter, den Schulklassen Ausfahrten zu finanzieren
zB. von Wuppertal nach Essen, anstatt in den genannten Städten annährend baugleiche Spielpläne zuzulassen; zumal auch bei den Abiturstoffen sehr wohl die Frage zu stellen wäre,
warum da keine zeitgenössischen Dramen in Frage kämen: es ließe sich ja im Fach "Darstellendes Spiel" auch ein praktischer und ein theoretischer Teil denken: Wieso letztlich
Jelinek, Pollesch, Fritz Kater, um nur drei zu nennen, nicht
als Reclamheftchen ?, im anderen Thread gibt es meineserachtens fürchterlich bornierte Probleme mit sowas.
Selbst das "beteiligungslose" Lesen so mancher Rolle hat ja teilweise mehr Aktuellzeitkomik als man so denkt, denkt man dann aber darüber ein oder zwei Male in der gesamten Schulzeit nach, waren das nicht die übelsten Lehrstunden !
Das klingt jetzt auch zunächst aus der Luft gegriffen, denn ich kenne die Theater, die "Landestheater" heißen, nicht flächendeckend gut genug, aber für mich schreit der Begriff
"Land" in dem Sinne quasi nach "über das Land, über die Dörfer": möglicherweise sind gerade die Landestheater zu profilieren : und zwar dann schon "flämisch".

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