Alles in Ordnung, amüsieren Sie sich!

von Katrin Ullmannn

Hamburg, 3. Februar 2010. Gedämpftes Licht und dicke Teppiche. Absurde Buntglaslampen, grünlederne Sessel und holzverschalte Wände: die M&M-Bar im Hamburger Hotel Reichshof ist mittlerweile Kult. Mit ihrem gewöhnungsbedürftigen Ausstattungscharme, der irgendwann zwischen den fünfziger und sechziger Jahren entstand, und Kellnern, die so formvollendet und ungerührt jedes noch so exotische Wunschgetränk servieren, machte diese Hotelbar bei mancher Premierenfeier der Kantine des benachbarten Schauspielhauses Konkurrenz. Jetzt macht das Schauspielhaus dort Theater.

Dominique Schnizer verlegt seine Theaterserie "Spiel's noch einmal – jetzt live und in Farbe" in diese überschaubare, gemütliche Bar und inszeniert dort frei nach "Casablanca". Den ersten Teil benennt er "Willkommen in Ricks Café" und der Spielort scheint perfekt. Ein Flügel steht eigentlich immer dort und ob nun Sam (Jonathan Wolters) oder ein anderer Pianist daran spielen, fällt nicht weiter auf. Mal platziert Schnizer die Schauspieler an einem mittigen Tisch, mal am lang gezogenen Tresen. Mal flüchten sie durch einen Seitentür ins Casino, mal erschießen sie sich auf dem Weg nach draußen.

Vernichtender Mittelscheitel, entstellender Schnauzer

In insgesamt sieben Folgen will der junge Regisseur (Jahrgang 1980) Michael Curtiz' Kultfilm von 1942 nach und neu erzählen. Das gesamte Schauspielhausensemble wird beteiligt sein – und in der einen oder anderen Folge wird ein externer Star die Szenerie beleben. Gleich zum Auftakt ist dies Bela B. Felsenheimer, der Schlagzeuger von den "Ärzten". Es ist seine erste Theaterrolle und zum Glück darf er – im schwarzen Anzug und mit weißer Nelke im Knopfloch – einen Killer spielen. Einer, der im Auftrag von Ugarte (Jürgen Uter) mordet, um an zwei Transit-Visa heranzukommen. Gemeinsam mit Martin Pawlowsky – der trotz vernichtendem Mittelscheitel und entstellendem Schnauzbart einen extrem lässigen, souveränen Kriminellen gibt – mimt er ein Gangsterduo, das sich schon lange nur mehr am Rande der Professionalität bewegt.

Mit manch absurder Anekdote und manch albernem Slapstick baut Schnizer den beiden eine große Szene. Er lässt sie von ihrem "scheißgefährlichen Job" erzählen genauso wie von ihrer schlimmen Kindheit und gewaltfröhlichen Jugend. Dazwischen schlendert Rick (Hanns Jörg Krumpholz), jener lässige Barbesitzer, der vor allem die Worte "Es ist alles in Ordnung – amüsieren Sie sich!" über seine schmalen Lippen bringt. Den Rest des Abends lehnt er am Flügel, raucht Zigarette und schaut in die Ferne. Humphrey Bogart hat es in "Casablanca" genauso gemacht.

Mit Schaumwein und Martini

Weiterhin treten auf: Janning Kahnert als ruinierter Bankier Frommen und als bellender Nazimajor Strasser, Irene Kugler als abgehalfterte Schauspielerin namens Ida von Saalsheim und als Ricks versoffene Freundin Yvonne, Michael Prelle als perfekt besetzter Capitaine Renault. Dominique Schnizer spielt freimütig mit dem Filmmaterial, kommentiert und persifliert, dichtet Figuren und Dialoge hinzu, mittelmäßige Gags und Getränke. Schließlich würde Schnizer sonst nie Michael Curtiz' 102-Minuten-Fassung auf sieben je einstündige Folgen ausweiten können.

Der Abend ist unterhaltsam, doch bleibt er dabei stets ein bisschen steif und holprig – doch mit nur 14 Tagen Probenzeit ist dieser rohe Charme sicherlich Teil des Spiels. Allerdings verpasst Schnizer die Gelegenheit, an diesem intimen Spielort das Publikum näher zu verhaften. Es wird zwar Schaumwein und Martini gereicht, doch an der strengen Ausweiskontrolle etwa streift man sorglos vorüber. Aber das kann sich ja noch ändern. Denn für Schnizer ist dieser Abend erst der Beginn einer wundervollen Freundschaft: Am 27. Februar geht's weiter mit Ilsa, die in der Folge "Verbotene Liebe" endlich ihren großen Auftritt hat.

 

Spiel's noch einmal – jetzt live und in Farbe
Regie: Dominque Schnizer, Ausstattung: Christin Treunert, Musik: Jonathan Wolters, Video Marcel Didolff, Dramaturgie: Steffen Sünkel, Florian Vogel.
Mit (in Folge #1): Hanns Jörg Krumpholz, Janning Kahnert, Michael Prelle, Jürgen Uter, Irene Kugler, Martin Pawlowsky, Bela B. Felsenheimer, Stefan Wittkowsky, Simon Pawlowsky, Steffen Sünkel, Jonathan Wolters.

www.schauspielhaus.de

 

Der Regisseur Dominique Schnizer, 1980 in Graz geboren, hat im Dezember 2009 in Heidelberg auch Nis-Momme Stockmanns Stück Der Mann der die Welt aß uraufgeführt, das für das nachtkritik-Theatertreffen 2010 nominiert worden ist.

 

Kritikenrundschau

Ein Star adele jeden Film, und in der ersten Folge seiner Movie-soap hat sich Dominique Schnizer den Musiker Bela B. auf die Bühne geholt, aber was der Regisseur mit dem crossover von Film und Theater will, werde dennoch nicht klar, so Klaus Witzeling im Hamburger Abendblatt (5.2.2010), "außer einen mehr oder weniger unterhaltsamen Abend für Filmfreaks zu gestalten." Die aber würden den Abend über doch meist wehmütig ans Schwarz-weiß-Original denken.

 
Kommentar schreiben