Wenn der Banker auf Indianer trifft

von Michael Laages

Lübeck, 4. Februar 2010. Zu dumm – wieder mal reingefallen. Wieder mal hat das Theater eine Spur ausgelegt, auf deren Leim wir dann gegangen sind. Aber dem Theater in Lübeck, fernab aller Prominenz auf Hauptstraßen und Trampelpfaden aktueller Theaterbetriebsamkeit, ist derlei Bauern-, in diesem Fall Pressefängerei, ja nicht einmal wirklich übel zu nehmen – was kann es sonst schon tun, damit die eigene Arbeit ab und an wahrgenommen wird über den Wirkungskreis lokaler, bestenfalls regionaler Berichterstattung hinaus?

Darauf wartet doch die Kulturpolitik vor Ort immer so sehnlich, bevor sie beginnt, in Zeiten der Finanzkrise samt absehbarer Folgen alles in Frage zu stellen … Denn Wuppertal wird demnächst (beinahe) überall sein. Darum also soll Michael Wallners neues Stück, frisch aus der Werkstatt des in Berlin lebenden österreichischen Autors und Regisseurs, nun also ein "Schauspiel zur Finanzkrise" sein - naja.

Nach dem Crash ab nach Brasilien

Daran ist immerhin so viel wahr: "Flying to Rio" erzählt die Geschichte eines Frankfurter Bankers, der sich im Derivate-Handel mit einem kopf-und-kragen-brecherischen "System" grandiose Verdienste erworben hat, der nach dem Absturz seiner Bank (und dem eigenen Rausschmiss) nun aber vor Fiskus und Staatsanwaltschaft nach Rio de Janeiro geflüchtet ist. Und während daheim die schmucke Gemahlin nicht nur im Bett des Aufsichtsratschefs landet, sondern auch den Aktienbesitz des abgestürzten Händlers in Sicherheit zu bringen versucht, durchlebt der in einer eher heruntergekommenen Pension weitab der Strände von Copacabana, Ipanema und Leblon eine kleine brasilianische Himmel-und-Höllenfahrt: in der Begegnung mit dem ganz Fremden in Gestalt einer schönen, rätselhaften Frau.

Und das ist dann auch der eigentliche Kern von Wallners Stück. Über die Strukturen des Crashs weiß der Dramatiker nicht sehr viel mehr zu berichten als das, was auch der blutigste Laie inzwischen aus der Zeitung weiß: dass nämlich Derivate auf Wetten basieren wie im Spielsalon. In denen geht es darum, Wert und Preis eines Produkts für einen bestimmten Zeitpunkt auch dann zu fixieren, wenn beides sich längst verändert hat. Verfällt der Preis, gewinnt der Zocker, weil ihm ja hohe Preise garantiert wurden; oder es kommt halt umgekehrt. So wurden in den 90er Jahren ganze Staatswirtschaften in den Bankrott gewettet.

Kleine Himmel- und Höllenfahrt

Der ursprünglichste Kern der aktuellen Finanzkrise allerdings findet sich weit besser abgebildet in einem uralten Theaterstück – in "Hanglage Meerblick" von David Mamet. Elmar Goerden hat es unlängst am Schauspielhaus in Bochum wiederentdeckt, übrigens ohne damit groß zu protzen oder zu prunken. Zurück zu Wallner und seinem Finanz-Jongleur, den er "Dirk Fischer" genannt hat (hoffentlich ist der gleichnamige Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete nicht beleidigt … ) - Fischer also landet in dieser Bruchbude an den Rändern von Rio, wo die Wirtin (warum auch immer) Sozialistin ist (das kommt auch in Brasilien vor!) und beim Putzen die "Internationale" vor sich trällert.

Die eher unbeholfenen Selbstmordversuche des Gastes aus Alemanha behandelt sie eher beiläufig. Wichtiger wird Tamoya, die Kellnerin, für die sich Wallner eine ziemlich komplizierte Story ausgedacht hat – sie gehört zu den Nachfahren indigener Tupí-Indianer, die einst die Portugiesen beinahe mit ausrotteten, als diese die Franzosen vertrieben. Und dieses Mädchen hat einst Ehemann und Kind und Familie verlassen, um sich mit einem Schweizer Geschäftsmann einzulassen, der einer wie Fischer war – nur dass er, davon berichtet Wallner aber eher unterschwellig, vor einiger Zeit ausgerechnet von Fischers Firma platt gemacht worden ist. Daraufhin hat den Schweizer der Herztod ereilt. Seither (und seit der Flucht von zu Hause) ist Tamoyas Haar komplett erbleicht.

Die Rache der Ureinwohnerin

Zwischen Tamoya und dem Deutschen auf der Flucht entwickelt sich eine Art Anziehung und Faszination – er gibt ihr das ursprünglich brünette, eher rote Haar zurück (durch Färben, ganz banal!), und mit ihr, genauer: durch ihre fundamental spirituelle Andersartigkeit wäre für ihn der Aus- und Umstieg eventuell doch noch möglich. Dann aber setzt sie zur Rache für den Tod des Schweizers an, schießt auf Fischer und hängt ihn kopfüber unter die Zimmerdecke. So pflegten das auch die Tupí mit Feinden zu tun.

Nun aber erwacht der alte Jäger und Kämpfer im Finanz-Hai, jetzt zeigt Fischer dem Flittchen, was eine Frankfurter Harke ist: befreit sich, prügelt sie noch mal ordentlich durch und verabschiedet das Häufchen brasilianisches Elend mit dem kalten Satz: "Und Du willst Indianerin sein?" Da ist doch er, der Derivate-Dealer, allemal in besserer Indianer-Form; und kehrt mit der immer noch (und trotz Aufsichtsrat) einigermaßen liebenden Gattin, die ihn in Rio suchen kam, zügig nach Deutschland zurück – mitten hinein ins alte, kalte Geschäft.

Angestrengte Fabel, strapazierte Symbolik

Wallner hatte zuletzt in Lübeck zwei Thomas-Mann-Bearbeitungen vorgelegt; sein "Zauberberg" war der Mehrzahl all der anderen Thomas-Mann-Dramatisierungen vor allem im Blick auf das Gesellschaftspanorama der Mann-Zeit weit überlegen. Wallners eigener "Rio"-Text bleibt nun sehr viel angestrengter, speziell wenn er sich um die Archaik der Indianer-Fabel bemüht; das hohle Sprech der Finanz-Gangster, in Rückblenden verschachtelt, geht ihm da schon leichter von der Hand.

Christoph Roos bemüht sich in der Uraufführungsinszenierung merklich um die Kontraste zwischen den Welten, lässt Jörg-Heinrich Benthien im "Fischer"-Part gern den kernigen Saft-und-Kraft-Mann mit ganz schön viel Muskeln spielen und Anne Schramms Indianerin vorzugsweise in der Hocke durch den Raum schleichen. Auch ein Zwerg taucht kurz auf, raunt (wie auch Volker Hahms Musik) einigermaßen bedrohlich. Aber all diese Neben-Handlungen (auch mit Gattin, Aufsichtsrat und marxistischer Hotelwirtin) treiben die Story nicht wirklich voran – und machen aus der Aussteiger-Story ohne Happy End vor allem kein "Schauspiel zur Finanzkrise".

Und noch ein ungelöstes Rätsel bleibt – warum Gesine Kuhn die ansonsten mit Tisch und Stuhl und Bett und hängenden Fenstern sparsam dekorierte Bühne komplett in eine Wasser-Wanne stellt. Weil Rio am Meer liegt? Weil Fischer das Wasser bis zum Halse steht? Wahrscheinlich ist auch dies nur einer dieser "Einfälle", die ein schmales Stück Theater zu höheren künstlerischen Ehren emporbrezeln sollen. Das funktioniert jedoch nur selten, und - zu dumm! - auch in Lübeck nicht.

 

Flying down to Rio (UA)
von Michael Wallner
Regie: Christoph Roos, Ausstattung: Gesine Kuhn, Musik: Volker Hahm, Dramaturgie: Michael Birkner.
Mit: Jörg-Heinrich Benthien, Claudia Hübschmann, Anne Schramm und Henning Sembritzki.

www.theater-luebeck.de


Konkurrenz muss Elfriede Jelinek nicht fürchten: Kontrakte des Kaufmanns bleibt das vermeintliche Stück zur Finanzkrise. Die Urlesung fand im März 2009 am Wiener Burgtheater statt, im April 2009 dann die Uraufführung in Köln. Wir berichteten auch über die Inszenierung von Antje Thoms in Saarbrücken, und im Januar 2010 gastierte Johan Simons' Genter Inszenierung in Berlin.

 
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