Bockenheimer Belebung für die Klassik 

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 30. August 2007. Die Fenster sind offen. Tageslicht dringt durch die Scheiben des Bockenheimer Depots, fällt in die Weite des Raumes, der seit der Schließung des Theaters am Turm (TAT) 2004 viel zu selten bespielt wird. Dann schließen sich geräuschvoll die Rollläden. Eine weiße Fahrradrikscha gleitet lautlos durch den Raum wie ein Geisterschiff. Jennifer Minetti tänzelt vorüber, verschwindet rückwärtig in einer Wand aus Nebel. Es ist ein unwirtlicher und doch bergender Ort, den Wanda Golonka für Goethes "Iphigenie" erzeugt, poetisch und schlicht, traumgleich und sehr real.

Die Stimme ist sein Königreich

In der Weite des Depots schafft sich jeder Schauspieler sein Territorium, und endlich wirkt die Halle wie ein Schiff besetzt mit hoffnungsvoll-verlorenen Seelen. An einem Tisch richtet sich König Thoas ein, gespielt von Georgette Dee. Für gewöhnlich tritt Dee als selbst erklärte "schwule Chansonsängerin" auf, seltener als Schauspieler. Doch er ist eine glückliche Wahl: Sein Thoas ist permanent auf der Bühne, er kocht, zieht mit der Rikscha durch die Szenerie, markiert sein Land. Ein einsamer König von Macht und Zärtlichkeit, der alles, was er hat, in seine Stimme legt – betörend raunend, bedrohlich flüsternd.

Die Differenz 

Auch die Hauptfigur ist ungewöhnlich besetzt: Iphigenie wird gespielt von Falilou Seck, einem farbigen Mann. Die anfängliche Irritation verliert sich bald. Denn wenn das Erotische, das Begehren auf den ersten Blick verloren geht, so geht es auf den zweiten um etwas noch Essenzielleres: um die Grundlage menschlicher Beziehungen überhaupt. Um Vertrauen, Solidarität, Zugehörigkeit, um Hingabe und Verletzlichkeit. Secks Iphigenie ist keine markante Figur, vielmehr dreht er sich schlaksig-androgyn im Wind, versucht beide Seiten zu versöhnen, seine neue Heimat Tauris, seine alte Griechenland. Er wird zur Projektionsfläche, die die Sehnsüchte der anderen Figuren spiegelt – in der sie zugleich aber nie ganz aufgehen können, denn seine Hautfarbe verweist auf eine unabänderliche Fremdheit. Man könnte die Geschlechterdifferenz fast vergessen, würde Seck nicht mit plötzlichem Tänzeln und mädchenhaftem Kichern ab und zu daran erinnern. Das wäre nicht nötig gewesen.

Abschied mit Minetti und Müller

Wie Golonka sie erzählt, ist die "Iphigenie" eine Dreiecksgeschichte von Fremden, die um Zugehörigkeit ringen. Thoas ist der letzte seiner Familie, nun versucht er, Iphigenie fest an sich zu binden. Sie dagegen sehnt sich nach einer Heimat, die doch längst Fremde ist, und nach einem Vaterhaus, das lange doch verwüstet liegt. Der nervös-leidende Orest (Bert Tischendorf) sucht Erlösung von dem Fluch, der auf seinem Geschlecht lastet, und findet seine Schwester. Er kommt als einziger Gewinner davon.

Das Verlassen der Vaterfigur Thoas wird stark erzählt. An Thoas’ Seite ist Jennifer Minetti, und beide geben ein herrliches Paar, heiter und satt. Sie ist einfach da, ein lichter Geist als sein Begleiter. Nachdem Orest und Iphigenie sich einander offenbart und einen Freudentanz aufgeführt haben, öffnen sich die Rolläden wieder. Der König krümmt sich auf seinem Tisch zusammen, und Jennifer Minetti spricht einen Text von Heiner Müller, "Hör mir zu, sagte der Dämon …", die traumgleiche Begegnung eines Ich-Erzählers mit einem verlassenen Mann in der Wüste. Hinreißend, wie die Minetti über die Bühne tänzelt, einen Fuß barfuss, einen beschuht und also leicht hinkend, einen zerzausten Schirm über die Schulter gelegt wie ein Paar Schmetterlingsflügel. Mit ihrer alten Singvogelstimme, vor den Lichtern der Stadt und einem hereinbrechenden Außen erzählt sie von der Verlassenheit des Königs, der soeben seine letzte Vertraute verloren hat.

Der Aufruhr im Innersten 

Jean-Luc Nancy schrieb im "Fremden Herz", das Wesen des Eindringlings sei es, dass sein Ankommen nicht aufhöre. "Es kann sich auf kein Recht, keine Vertrautheit, keine Gewöhnung berufen, im Gegenteil: es ist eine Störung, ein Aufruhr im Innersten." Dieser Aufruhr fährt den Figuren in die Glieder, er lässt sie auf- und ablaufen, einander umkreisen, tänzeln. Als lägen sie stets auf der Lauer, bereit zu Flucht oder Angriff. In der dauerhaften Bewegung geht manches Wort verloren. Manche Verhandlung – denn es ist ja zentral ein Verhandlungsstück, in dem nichts geschieht – hätte ein wenig Ruhe gut gebrauchen können. Schließlich handelt das Stück auch davon, wie eng Zugehörigkeit mit Macht verknüpft ist, mit Gewalt und Abhängigkeit. So wird es am Ende endlich still, als Iphigenie Thoas bittet, sie in Frieden gehen zu lassen. Wie er mit einer ruckartigen Bewegung hinter sie tritt, Rücken an Rücken, und seinen Kopf auf ihre Schulter legt, ist von großer Zärtlichkeit und Trauer. Und klar tritt hervor, dass beide verlieren werden, dass auch das Verlassen ein Gewaltakt ist – am eigenen Selbst wie am anderen.

 

Iphigenie auf Tauris
von Johann Wolfgang Goethe
Regie, Raum, Kostüme: Wanda Golonka, Dramaturgie: Susanne Traub.
Mit: Georgette Dee, Fabian Gerhardt, Jennifer Minetti, Falilou Seck, Bert Tischendorf.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Bernhard Doppler vom Deutschlandradio (30.8.2007) kritisiert, dass Golonkas Iphigenie nicht "Tanzstück und Schauspiel gleichzeitig sein könne", weshalb es manchmal unpräzise wirke, auch weil die Nebenrollen und manche Choreographien nicht sorgfältig genug gearbeitet seien. Im Kern aber ist er voll des Lobes. Die Besetzungen mit Falilou Seck und Georgette Dee findet er genauso überzeugend, wie die Herausarbeitung des Themas: Ist es sinnvoll, die Familie um jeden Preis zusammenzuhalten? Ist es sinnvoll, in die Heimat zurückzukehren, die zur Fremde geworden ist? Auch die durch "rituelle Choreographien" erzielte "Rätselhaftigkeit" des Abends gefällt Doppler. (Rätselhaft – ausgerechnet bei der "verteufelt humanen" Iphigenie, das klingt doch verheißungsvoll).

Der Star des Abends sei das Bockenheimer Depot, schreibt Michael Hierholzer frank und frei in der FAZ Rhein-Main-Zeitung/FAZ.net  (31.8.2007). Außerdem stelle Regisseurin Wanda Golonka den "Zusammenhang zwischen Schauspielkunst und religiösem Kult" wieder her, "der im Altertum unauflösbar war". Dafür treibe sie Goethe den Klassizismus aus – "und damit dem Stück der tiefere Sinn und die höhere Bedeutung. Die Feier des Humanitätsideals komme bei dieser Betrachtung schließlich zu kurz". Was "bleibt, sind einige berückende Bilder und Bewegungsabläufe".

Judith von Sternburg notiert in der Frankfurter Rundschau (1.9.2007) ihr gelindes Erstaunen. Den grundvernünftigen Text Goethes tauche Wanda Golonka in eine "Rätselbilderwelt". Das sei zunächst "recht stimmungsvoll", verliere sich aber bereits "nach wenigen Momenten im unscharfen Irgendwie". Die "originellen" Besetzungen erwiesen sich als "Kopfgeburt". Georgette Dee als Thoas spreche, "bestenfalls wie Bassa Selim in der Oper 'Entführung aus dem Serail', schlimmstenfalls wie der Zaubermeister von der Hörspielkassette. Falilou Seck, ein geschmeidiger Tänzer, bleibt als Iphigenie völlig unverbindlich". Nur noch dürftig sei es, wenn Thoas am Ende Kartoffeln schnippele und Iphigenie mit einem Besen den ganzen Sand zusammenfege.

"Was kommt dabei heraus, wenn eine experimentierfreudige Regisseurin sich eines klassischen Stücks annimmt, das tief in der griechischen Mythologie fußt?" fragt Joachim Schreiner in der Frankfurter Neuen Presse (31.8.2007) und antwortet: "Ein Theaterabend zwischen Installation, Tanztheater und Event, der am Ende viele Fragen aufwirft." Nur die Fragen verrät er dann nicht.

Was, so Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung (4.9.2007) an Goethes "Iphigenie" interessiere, sei der "über das Private hinaus Grundsätzliches" berührende Loyalitäts-Konflikt von Iphigenie und Thoas. Wanda Golonka jedoch ginge es mehr darum, körperliche Bewegung in den Aspekt des In-der-Fremde-Seins zu bringen, der im Zentrum ihrer Inszenierung stehe. Was "jede Menge Aktionismus" produziere. Mit Blick auf die Besetzung von Falilou Sek und Georgette Dee heißt es: "Die Fremdheit im eigenen Körper und im zugedachten Geschlecht hat sich Wanda Golonka hinzuerfunden. Was sie nicht bedachte, ist, dass darüber das eigentliche Drama im schönen weiten Raum zerstiebt." 

 

 
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