Betrachtungen eines Verwirrten

von Dirk Pilz

Berlin, 8. Februar 2010. Thomas Mann hilft hier weiter. Er zitiert in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" einen namenlosen zeitgenössischen Denker: "Die Richtung aufzufinden, in der eine Kultur sich fortbewegt, ist nicht so schwer, und mit Geheul sich ihr anzuschließen nicht so großartig, als die Viertelsköpfe rings im Land es sich denken." Eines Schriftstellers "Pflicht und Wesen" freilich sei es, schreibt Mann, sich gerade nicht mit Geheul der Hauptrichtung anzuschließen, sondern im "schlimmen Reichtum an inneren Konflikten" sich selbst ausgedrückt zu erkennen. Man könnte auch sagen: Finde deine eigene Verwirrung, finde deine Sprache und deine Form, wenn du Pflicht und Wesen des Schriftstellertums gehorchen willst. Finden aber wirst du sie einzig durch "Unterwürfigkeit vor dem Wirklichen und Tatsächlichen". Für Thomas Mann war dies die "entscheidende Mitgift", die er vom 19. Jahrhundert empfangen hatte.

In Oliver Klucks Theaterstück "Das Prinzip Meese", dekoriert mit dem Förderpreis des Theatertreffen-Stückemarktes, ist diese Mitgift auf fruchtbaren Boden gefallen. Kluck, geboren 1980, hat mit diesem Stück seinen "Zeitdienst" geleistet, er hat in "gewissenhafter und pedantischer Weise die von der Zeit aufgewühlten, aufgewirbelten Gründe" seines Daseins niedergelegt.

Ein Stück Schattenboxerei

Diese Gründe sind für Oliver Kluck andere als für Thomas Mann, natürlich, aber Anspruch und Methode sind sich gleich geblieben. Im Vorspann vor dem Vorwort schreibt Kluck: "Das Prinzip Meese ist das Finden der eigenen Verwirrung." Ganz dem Zeitgeist gehorchend findet er ein einziges großes richtungsfreies Zugleich. Er lässt dabei ein Ich auftreten, das befreit von Rollen- und Dialogrede, die Schnipsel seiner Identität zusammenkehrt. Das Fernsehen, die Kurzarbeit, das Perspektiv- und Utopielose, das Unverbindliche und Dahergeredete, die Agonie bei gleichzeitiger Ich-Betriebsamkeit – alles das soll das Spiegelbild einer Verwirrung sein, die Klucks Generation eigen ist.

"Das Prinzip Meese" hat keine Szenen, keine Figuren, es ist aber auch keine "Textfläche", es ist ein 56-seitiger Monolog, der lose Sinn-Module hinwürfelt. Es ist zugleich ein Stück Schattenboxerei, vorgetragen im Gestus des Alles-Sagens. Vor allem aber ist es, auch das wie bei Thomas Mann, ein konservativer Text, konservativ insofern, dass er nichts verändern will, sondern immer nur die grundsätzliche, unaufhebbare Verwirrung des Geistes ausstellt. Man könnte auch sagen: "Das Prinzip Meese" ist ein reaktionäres Theaterstück. Es trabt behände dem Neuen zur Seite und träumt dabei von einem Dichtertum des Eigentlichen, Wahren, Wirklichen.

Das verleiht diesem Stück seinen koketten Schmock; denn anders als bei Thomas Mann ist es bar jeder Selbstironie – "mit Geheul" versucht es, die Richtung zu finden, in die die Kluck-Generation weist, um so die eigene Gegenwart am Kragen zu packen. "Das Prinzip Meese" sind die Betrachtungen eines Verwirrten, der seine Verwirrung als Kunst feiert; hier ist wahrscheinlich auch die Parallele zu Jonathan Meese, dem Maler, Bühnenbildner und Selbstinszenator, zu suchen.

Ein Stück Lässigkeit

Nun aber zur Uraufführung dieses Werks durch den jungen Regisseur Antú Romero Nunes. Er nimmt die Text-Module Klucks nach dem Baukastenprinzip: Das Stück wird zur sehr freien und sehr coolen Improvisationsvorlage. Und man ist geneigt, diese lässige Regie einen Glücksfall zu nennen, denn sie wischt alle verkrampfte Kunstigkeit des Textes beiseite, um das schillernd komische Porträt dieser (Regie-)Generation zu entwerfen.

Mit Anika Baumann und Michael Klammer hat Nunes dafür zwei Schauspieler gefunden, die sich weder in Unterwürfigkeit vor dem "Prinzip Meese" noch vor der eigenen Befindlichkeit üben. Sie raffen die losen Enden des Stückes zur prallen Selbstbelustigung zusammen. Matratzen liegen aus, Trainingshosen werden getragen, ein Fernseher läuft. Die Lichtregie erlaubt sich allerlei Scherze, aus dem Off hören wir zwei Pförtner reden. Zwischen Brille auf und Hosen runter tänzeln Baumann und Klammer sichtlich vergnügt von Satz zu Satz. Jede Szene eine andere Ich-Nummer. Jeder Wortwechsel ein anderer Rücksprung ins Uneigentliche.

Nie weiß man hier und nie soll man wissen, ob die Annika mit dem Michael in den Kissenbergen lümmelt oder ob zwei Kunst-Figuren nur so tun, als ob sie mit ihren Darstellern identisch sind. Es wird aus den Rollen gefallen und die Rollenherausfallerei gleich mitgespielt. Michael Klammer erzählt vom Zeitarbeitsjob am Fließband, Anika Baumann von einer Schultheateraufführung. Er nasenflötet uns "Freude schöner Götterfunken", sie schiebt ihn mit "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan" aus der Szene, was Klammer als Anschlag auf seine Dunkelhäutigkeit nimmt, so dass wir Zuschauer schön verwirrt sein dürfen: meint er es ernst oder tut er nur so?

Ein Stück Verwirrung

Die Freiheit, mit der Nunes sein Duo improvisieren und drauflosspielen lässt, die Gags und Tollereien, die flockige Mischung aus Comedy und Ernsthaftigkeitspathos, all das schenkt dem Abend eine Unverbindlichkeit herrlicher Fluffigkeit. "Das Prinzip Meese" wird so in einer Weise uraufgeführt, die das konservative Prinzip des Stückes in den Schwindel treibt: Die Suche nach der eigenen Verwirrung findet nichts als – genau: Verwirrung. Schlimm ist zwar der ausgestellte Reichtum an inneren Konflikten, aber offenkundig nicht so schlimm, dass er nicht reichlich Anlass böte, sie lustig zu nehmen.

Wenn das die Richtung ist, in der sich die Kultur fortbewegt, wird hier ein Weg vorgeschlagen, sich ihr anzuschließen: nicht mit Geheul, sondern mit Heiterkeit.

 

Das Prinzip Meese (UA)
von Oliver Kluck
Regie: Antú Romero Nunes, Bühne/Kostüme: Julia Plickat, Musik: Johannes Hofmann, Dramaturgie: Carmen Wolfram.
Mit: Anika Baumann und Michael Klammer.

www.gorki.de


Mehr zu Oliver Kluck im nachtkritik-Archiv: Das Prinzip Meese wurde auf dem Stückemarkt des Theatertreffens 2009 in einer szenischen Lesung vorgestellt und ausgezeichnet. Im Januar 2010 erhielt Kluck, Jahrgang 1980, für das Stück den Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker.

 

Kritikenrundschau

In der Berliner Zeitung (10.2.2010) staunt Ulrich Seidler, wie fröhlich und unangestrengt der Regisseur Antù Romero Nunes das "Spielzeug Bühne" zerlege und wieder zusammensetze. Dieser Regisseur sei ein "Geschenk" für den Autor Oliver Kluck, dessen Stück "Das Prinzip Meese" letztes Jahr den Förderpreis des Berliner Stückemarkts und damit die Uraufführung im Maxim Gorki Theater gewonnen hat. Denn dabei handle es sich um ein "ziemlich zusammengewürfeltes, ungeniert naseweises Generationsporträt": "Klucks gesammelte Textblöcke, die keinen Figuren zugeordnet sind, bestehen aus pointierten Klischees, schlaffen Verweigerungstiraden, Notrufen, Träumen und larmoyanten Zynismen einer trägen sinnverlassenen, TV-inspirierten Generation." Im Gorki Studio jedoch werde diese "Rundum-Verweigerung als wirksames Entertainmentspektakel (...) dargebracht". Annika Baumann und Michael Klammer "fühlen sich zu Hause auf der Bühne, ihnen kann nichts passieren, denn wenn etwas schief läuft, gehört es zum Konzept und lässt sich einbauen oder – noch besser – zu Ungunsten des Kollegen ausschlachten (...) Und dennoch liegt ein erbarmungsloser Schmerz unter diesem Spielen, ein Schmerz, der dieses Stück wohl mit diktiert hat: das Nicht-aufhören-Dürfen mit dem Spielen und das Nichts-ernst-nehmen-Können."

Christine Wahl
vom Tagesspiegel (10.2.2010) bewertet das Stück positiver. Kluck schreibe "pointierte Sätze" und "verknüpft den Alltagsjargon mit Ambition", etwa mit einem Hinweis auf Peter Handke. Antú Romero Nunes habe die Ambition "bewusst heruntergekocht" und den Text ironisch gelesen, ihn eingedampft und mit Improvisationen versehen. "Kurzum: Er ist dem Text auf eine performative Art gerecht geworden, ohne sklavisch texttreu zu sein, und findet damit einen eigenen Zugang zum Stoff." Und "die beiden Gorki-Schauspieler" improvisierten "derart leidenschaftlich", dass es nicht nur für die Zuschauer eine Freude sei, sondern "auch der Autor strahlt beim Verbeugen eine Zufriedenheit mit Regie und Schauspiel aus, die in der Branche nicht zwangsläufig ist."

"Schnell, zynisch, witzig" findet Anouk Meyer "Das Prinzip Meese" im Neuen Deutschland (10.2.2010). Wobei einem, wie sie einräumt, dieser "kokett-ironische, die Kunst ebenso wie das Leben auf die Schippe nehmende Tonfall" mit der Zeit auch "auf den Wecker gehen" kann. "Nichts ist ernst gemeint, das Publikum wird zwar auch mal beschimpft, aber eher im Sinne einer partnerschaftlichen Verschwörung: Ihr wisst schon, wie wir's meinen, doppelte Ebene und so." Der Regisseur Antú Romero Nunes lasse "seinen beiden hervorragend agierenden Schauspielern Anika Baumann und Michael Klammer viel Raum für improvisiert wirkende Flapsigkeit, Gags und Zänkereien". Das "Spiel mit der Doppelbödigkeit des Theaters" werde allerdings "arg oft strapaziert", auch "nervt auf Dauer der kokette Ton dieser Abrechnung mit der verwirrten 'Lost Generation'". Trotzdem stecke "so viel Witz und Wahrheit in dem losen Mix aus Prosa, Poesie und Alltagsdialogen", dass man diese Schwächen "gut verzeihen kann".

 

 
Kommentar schreiben